23. Mai 2017 / 09:37 Uhr

Ralf Rangnick im exklusiven Interview: Mentalität, Mentalität, Mentalität

Ralf Rangnick im exklusiven Interview: Mentalität, Mentalität, Mentalität

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Faust drauf: Ralf Rangnick (r.) genießt sichtlich den Moment an der Seite von Ralph Hasenhüttl. Im Berliner Olympiastadion hatte RB Leipzig die Qualifikation für die Champions League perfekt gemacht. Und das als Bundesliga-Aufsteiger.
Faust drauf: Ralf Rangnick (r.) genießt sichtlich den Moment an der Seite von Ralph Hasenhüttl. Im Berliner Olympiastadion hatte RB Leipzig die Qualifikation für die Champions League perfekt gemacht. Und das als Bundesliga-Aufsteiger. © Picture Point
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Während sich die Profis in den Urlaub verabschiedet haben, muss RB Leipzigs Sportdirektor ackern. In Teil eins des großen Interviews spricht er über Piesteritz, Klostermann und eine Explosion der Gefühle

​​Leipzig. Die Saison ist beendet, die RB-Helden haben sich strahlenförmig in aller Herren Länder verabschiedet. Sportdirektor Ralf Rangnick muss weiter ackern, an einem Kader basteln, der Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal kann. Bis zum Trainingslager (20. bis 28. Juli in Seefeld) will der 58-Jährige seine Schäfchen zusammenhaben. Rangnick in Teil 1 des Interviews über die drei großen M, die ihn und die Seinen erfolgreich gemacht haben. Mentalität, Mentalität, Mentalität.

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Beginnen wir mit einer naheliegenden Frage. Können Sie sich vorstellen, mit RB Leipzig Deutscher Meister zu werden und die Champions League zu gewinnen?

Netter Einstieg. Sagen wir es so: Ich konnte mir vor der Saison nicht vorstellen, dass wir acht Bundesligaspiele hintereinander gewinnen. Mir fehlte die Fantasie, dass wir Mannschaften mit viel höherem Etat wie unter anderem Dortmund, Schalke, Gladbach oder Wolfsburg hinter uns lassen. Ich bin zwar unverbesserlicher Optimist und wusste, dass wir eine gute Truppe haben. Aber dass wir Zweiter werden, kam für mich genau so überraschend wie für alle anderen auch. Nach der englischen Woche im April mit drei Siegen wussten wir, dass es nicht mehr schlechter als Platz vier werden wird. Selbst in meinem fortgeschrittenen Alter lernt man täglich dazu. Und ich habe gelernt, dass man sich bei allem Sinn für die Realitäten nicht beschränken sollte. Und, ja, natürlich wollen wir als Sportler ans Optimum.

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Wir bieten Ihnen einen Deal an. RB kommt 2018 unter die letzten Acht in der Champions League und wird Zehnter in der Bundesliga.

Da bin ich dabei. Wo soll ich unterschreiben?

Mal angenommen, einer Ihrer Fußballer beschwert sich nach einem Heimspiel gegen Real Madrid und vor einem Spiel in Mainz über die schlimme Doppelbelastung und zeigt auf seine schweren Beine. Kommen Sie dann mit dem nassen Handtuch um die Ecke und norden ihn ein?

Welcher Fußballer soll das sein? So einen haben wir nicht. Wir haben uns einen Traum erfüllt, spielen europäisch. Warum sollten wir uns darüber beschweren? Unsere Spieler haben eine fantastische Mentalität. Der Wille, in jedem Spiel ans Limit zu gehen, hat uns weit gebracht. Und wenn wir an unser Limit kommen, werden wir auch in der Champions League für Aufsehen sorgen können. Übrigens wollen wir auch im DFB-Pokal weiter kommen als 2016.

Was bei der Vorleistung keine Kunst wäre. Hatten Sie nach dem Aus in Dresden Bedenken, dass RB in dieser Form in der Bundesliga unten rumgurkt?

Dass wir mit dieser Leistung in der Bundesliga nicht viel bewegen würden, war uns allen klar. Dass mehr in uns steckt, wussten wir aber auch.

Das 2:2 beim Liga-Debüt in Hoffenheim ...

... hätte auch 5:5 ausgehen können und dieser Punkt wurde im Nachhinein durch die Hoffenheimer Saison aufgewertet.

Die Freude über das 1:0 gegen Dortmund war kurz. Lukas Klostermann hat sich danach im Training das Kreuzband gerissen.

Ein Schock. Ralph und ich hätten sofort die drei Dortmund-Punkte gegen einen ge­sunden Lukas getauscht. Dass er uns eine komplette Saison ausfällt, hätten wir nicht gedacht. Lukas ist sozusagen unser erster Neuzugang.

Klostermanns verwaiste rechte Seite wurde von Benno Schmitz, Bernardo und Stefan Ilsanker bespielt. Zufrieden?


Ja, sie haben es gut gemacht.

Sie sind seit fünf Jahren bei RB. Was war Ihr emotionalster Moment? Die Relegation in Lotte? Der Bundesliga-Aufstieg gegen den KSC? Oder doch die königliche Berliner Luft?

Lotte war extrem. Wir bekommen das 0:2 und müssen in die Verlängerung.

Sie wirkten vor der Verlängerung cool.

Cool ist anders, aber ich war mir sicher, dass unsere Jungs mehr Kraft haben und es noch schaffen. Und so war es dann ja auch. Der erste Aufstieg war der schwerste, weil der Meister nicht direkt hochgegangen ist. Das war der Flaschenhals.

2016 dann das 2:0 gegen Karlsruhe mit Ihnen als Trainer, der Aufstieg in die Bundesliga, der verlorene Sprint gegen Davie Selke, der Muskelfaserriss. Wo rangiert dieser Tag?

Auch weit oben. Nürnberg war nah an uns herangekommen, wir wollten und mussten den direkten Aufstieg an diesem Tag regeln.

Selke brauchte ziemlich lange, bis er Sie eingeholt hatte. Sind Sie so schnell oder ist er so langsam?

Heute wird gerne vergessen, dass Davie einen großen Anteil an unserem Bundesliga-Aufstieg hatte. Er hat zehn Tore gemacht und seinen Freund Yussi (Poulsen; Red.) wunderbar unterstützt.

In der ersten Liga lief die Nummer andersrum.

Ich habe das so noch nie erlebt. Zwei Stürmer kämpfen um einen Platz und gönnen sich gegenseitig jedes Tor und jede Spielminute. Auch dieser Umgang miteinander kennzeichnet unseren besonderen Kader.

Selke geht offenbar zurück nach Bremen.

Er will und muss mehr spielen. Das Ganze hat natürlich auch einen finanziellen Aspekt. Die Beteiligten haben ihre Vorstellungen ausgetauscht, jetzt warten wir mal ab, was passiert.

Ralf Rangnick im Exklusiv-Interview mit LVZ-Chefreporter Guido Schäfer (l.).
Ralf Rangnick im Exklusiv-Interview mit LVZ-Chefreporter Guido Schäfer (l.). © LVZ

Zurück zur emotionalen Rangliste. Wir sind beim 4:1 in Berlin und der Cham­pions-League-Qualifikation. In Berlin gewinnt man nicht mal eben so. Und vor allem nicht, wenn es um so viel geht.

Wir hatten gegen Ingolstadt einen Matchball vergeben und wollten die Champions League unbedingt vor den beiden letzten Spielen gegen die Bayern und in Frankfurt klar machen.

Laut Diego Demme herrschte in den Tagen vor Berlin eine lebensbejahende Stimmung, die es bis in die Kabine schaffte und keinen Raum für Zweifel ließ.

Diesen Eindruck hatte ich auch. Alle waren sehr professionell, aber auch mit einem Schuss Lockerheit unterwegs. Wir haben Berlin von der ersten Minute an dominiert ...

... und nach Davie Selkes 3:1 sind Sie in den Innenraum geeilt.

Ich wollte den Abpfiff unten erleben, den Moment mit der Mannschaft, den Trainern und dem Betreuerstab genießen und teilen. Als er kam, war das eine Explosion der Gefühle.

Also ist Berlin Ihre Nummer eins?

Ja.

Stimmt es, dass Sie in der langen Partynacht im L1 als Fred Astaire geglänzt haben?

Wir haben alle getanzt, ich auch.

Kam Ihnen beim Veröden Ihrer Gedanken auch Ihr Erstlingswerk in Piesteritz anno 2012 in den Sinn? Es herrschten laue Sommerwinde und das Spiel passte sich den Winden an.

Ich denke immer mal wieder daran zurück.

Wenn der vom bibelfesten Rangnick gepredigte Vollgas-Fußball Gottes Wille ist, erfüllte die Darbietung im Piesteritzer Parterre den Tatbestand der Ketzerei – wie finden Sie diese Beschreibung des ersten RB-Kicks unter Ihrer Ägide?

Passend. Da fehlte einfach alles, was unseren Fußball ausmachen sollte. Tempo, Plan, Inspiration, Leidenschaft.

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