25. Mai 2020 / 16:41 Uhr

Michael Rummenigge: Warum Bayern-Boss Hoeneß mich zum BVB schickte und ich bis heute "Kalle" heiße

Michael Rummenigge: Warum Bayern-Boss Hoeneß mich zum BVB schickte und ich bis heute "Kalle" heiße

Michael Rummenigge
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Spielte für den FC Bayern und Borussia Dortmund: Michael Rummenigge.
Spielte für den FC Bayern und Borussia Dortmund: Michael Rummenigge. © Verwendung weltweit
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Vor dem Bundesliga-Topspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern am Dienstag verrät SPORTBUZZER-Kolumnist Michael Rummenigge, warum er die Münchner einst verließ und wie sein Transfer zum BVB zu Stande kam.

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Wenn am Dienstag Borussia Dortmund und der FC Bayern München aufeinandertreffen, sind es die beiden Klubs, die seit Jahren das Nonplusultra im deutschen Fußball darstellen. Ich drücke dem BVB die Daumen, da ich seit 32 Jahren in Dortmund lebe und dem Klub eng verbunden bin. Mein Bruder versteht das nicht immer und wir bekommen uns manchmal deswegen in die Haare, aber ich würde mir wirklich wünschen, dass es nach sieben Jahren mal wieder einen anderen Meister gibt.

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Als ich 1988 von München zum BVB wechselte, waren die Voraussetzungen noch andere – und ehrlicherweise hatte ich auch gar nicht damit gerechnet, dass ich gehen muss. Ich war 24 Jahre und stand bei Bayern voll im Saft, allerdings verstanden sich einige Spieler nicht sonderlich gut mit Jupp Heynckes, der damals noch ein anderer, junger Trainer war und sich vieles – vor allem seine Lockerheit – erst später in Spanien aneignete. Ich war gerade auf dem Weg ins Krankenhaus zu meiner hochschwangeren Frau, als mich Uli Hoeneß in sein Büro zitierte und mir mitteilte, dass man mit Heynckes weitermache, aber einen Umbruch einleiten wolle und einige Spieler, u.a. Lothar Matthäus, Andy Brehme und mich, abgeben wird.

Vor der BVB-Geschäftsstelle warteten Fans mit Anti-Rummenigge-Plakaten

Er hatte auch schon zwei potenzielle Klubs für mich: Den HSV oder Dortmund. Also telefonierten wir mit Felix Magath, der damals Manager in Hamburg war und man einigte sich auf eine Ablöse von 1,5 Millionen Mark. Hoeneß brauchte lediglich noch eine Bankbürgschaft, um den Deal einzutüten. Drei Tage später teilte uns Magath dann allerdings mit, dass er gerade beim HSV entlassen wurde. Hoeneß' Antwort: "Dann rufen wir eben Reinhard Saftig an…"

Nach einem Gespräch mit dem BVB-Trainer handelte mein Bruder, der damals in Genf spielte, den Vertrag aus und ich stand ich ein paar Wochen später mit meiner Frau und unserem frischgeborenen Sohn vor der Geschäftsstelle, wo schon ein Haufen Fans mit Anti-Rummenigge-Plakaten warteten. Sie wollten lieber Publikumsliebling Marcel Raducanu behalten. Mir tat das damals unglaublich weh und als junger Spieler war es echt nicht leicht, dies zu verarbeiten. Durch den sportlichen Erfolg wurde es nach und nach besser; der endgültige Turnaround gelang durch den Pokalsieg 1989 – dem ersten BVB-Titel seit 23 Jahren.

Diese Spieler waren seit 1980 für den FC Bayern und den BVB aktiv

Robert Lewandowski und Mario Götze: Zwei Profis, die in ihrer Karriere schon für den BVB und den FC Bayern aktiv waren. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt, welche anderen Stars schon als Doppelagenten fungierten. Zur Galerie
Robert Lewandowski und Mario Götze: Zwei Profis, die in ihrer Karriere schon für den BVB und den FC Bayern aktiv waren. Der SPORTBUZZER zeigt, welche anderen Stars schon als "Doppelagenten" fungierten. ©

Mein Bruder wird mir verzeihen, dass ich auf ein Unentschieden setze

In der Mannschaft war ich recht schnell akzeptiert, auch wenn ich bei meinen ehemaligen Teamkollegen bis heute den Spitznamen "Kalle" trage, den Thomas Kroth mir damals verliehen hat. Im ersten Spiel in München bereitete ich das 1:1 durch Nobby Dickel vor und traf in der letzten Minute mit einem Freistoß nur die Latte. Nach dem Spiel lud ich die Jungs in mein Stammlokal "Kastanienhof" ein und wir hatten einen tollen, bunten Abend. "Der Kalle" blieb ich natürlich trotzdem.

Leider kann ich meinen Bruder am Dienstag nicht sehen, da ich nicht im Stadion sein werde und die Bayern direkt nach dem Spiel wieder abreisen. Dass keine Fans da sind, spielt natürlich eher den Gästen in die Karten – 80.000 Zuschauer beeindrucken normalerweise jeden. Sollte Bayern diesen Vorteil nutzen und gewinnen, ist die Meisterschaft aus meiner Sicht entscheiden – sieben Punkte geben sie in der aktuellen Form nicht mehr her. Ich tippe aber auf ein Unentschieden, welches das Titelrennen zumindest weiterhin offen halten würde. Der echte Kalle wird es mir verzeihen...