26. November 2020 / 12:04 Uhr

"Bin ein treuer Geselle": Michael Scherf und seine vier Jahrzehnte beim SV Obernkirchen

"Bin ein treuer Geselle": Michael Scherf und seine vier Jahrzehnte beim SV Obernkirchen

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
20 Jahre lang war Michael Scherf (links) der Rückhalten seiner Mannschaft zwischen den Torpfosten.
20 Jahre lang war Michael Scherf (links) der Rückhalten seiner Mannschaft zwischen den Torpfosten. © Jörg Bressem/Archiv (Montage)
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Seit nun fast 40 Jahren ist Michael Scherf beim SV Obernkirchen nicht wegzudenken. 20 Jahre stand der heutige Torwarttrainer und Pressesprecher des Vereins selbst zwischen des Pfosten. In dieser Zeit hat er einiges miterlebt - und glänzte sowohl auf als auch neben dem Platz.

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An Michael Scherf kommt man in Obernkirchen nicht vorbei. Er betreibt nämlich die einzige Tankstelle der Stadt. In ihr liegt auch die Vereinschronik des SV Obernkirchen zum Verkauf aus, und in dem vorbildlich gemachten Werk wurden Scherf zwei Extraseiten gewidmet. Es ist eine äußerst positive Darstellung seiner 20 Jahre als Torwart. Dort wird aber nicht erwähnt, dass Scherf nach eigener Aussage auch bereut, und dass seine Karriere prominente Opfer forderte.

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Eines von ihnen ist Alfred Reckmann, der spätere Landtagsabgeordnete. Als 1982 nämlich klar wurde, dass der starke Michael Scherf vom Kreisligisten TuS Sülbeck zum SV Obernkirchen wechselt, da ergriff Stammkraft Reckmann die Flucht. Eigentlich hatte er schon für die nächste Saison zugesagt, wechselte dann aber doch kurzfristig zum FC Stadthagen.

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Außer Reckmann blieb Hamelns Sparkassen-Geschäftsführer André Horstmeyer auf der Strecke, was so kam: Scherf musste für neun Monate mit der Bundeswehr nach Kanada und wurde in der Zeit vom jungen Horstmeyer vertreten - gut sogar. Nach der Rückkehr kam es zur Entscheidung. Wer ist die Nummer eins beim SV Obernkirchen? Trainer war „Pico“ Engwer, und als der sich auf Rückkehrer Michael Scherf festlegte, da wechselte der ebenfalls außergewöhnlich begabte und selbstbewusste Horstmeyer zum SV Engern, der damals fester Bestandteil der Bezirksklasse war.

Für Scherf, der nun schon seit Jahren die erste Mannschaft des SVO betreut, war damit endgültig der Weg für eine außergewöhnliche Karriere beim SV Obernkirchen frei, die ihn ähnlich wie zuvor „Spatz“ Seifert zu einem Fußballdenkmal der Stadt machte.

Bewegte Jugend

Dass er überhaupt in der Bergstadt landete, war eigentlich reiner Zufall. Die Familie kam in seinen jungen Jahren nämlich herum. Scherf begann bei Vereinen wie dem TuS Kathrinhagen und SuS Stemmen-Varenholz mit dem Fußball, war beim SC Rinteln und beim VfL Bückeburg. Erst als er im ersten Herrenjahr in Sülbeck spielte und sich die Familie ein Haus im benachbarten Obernkirchen kaufte, da kam es zu der tiefen Verbindung mit dem örtlichen Traditionsklub.

Meist pendelte der SV Obernkirchen in den Jahren zwischen der Bezirksklasse und der Bezirksliga hin und her. Wie viel Abstiege er betrauerte und wie viel Aufstiege er feierte, weiß Scherf heute nicht mehr: „Fünf oder sechs waren es ganz bestimmt. Aber gefeiert haben wir ohnehin mehr als heute.“

Auch bei den Trainern muss Scherf genau nachdenken. Neben Reinhard Engwer machten ihn Männer wie der legendäre Helmut Rödenbeck, Thomas Reh und Dittmar Schönbeck immer besser. „Olli“ Nerge war mal Spielertrainer, Bernd Rust ebenfalls, auch „Auge“ Buchholz trainierte den SV Obernkirchen zu seiner Zeit.

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Auf Scherf war Verlass

Über die Torwartfrage musste sich keiner von ihnen Gedanken machen. Scherf war unangefochten, hielt zuverlässig und war seltsam immun gegen Formkrisen. Obwohl mit 1,78 Metern nicht allzu groß, war er auch im Luftkampf frei von Schwächen. Vor allem aber schienen ihm die Elfmeter Spaß zu machen. Bei einer Showveranstaltung in Rinteln verblüffte er die Zuschauer damit, dass er 37 von 50 Strafstößen hielt. Dass 20 Jahre im Tor des SV Obernkirchen zusammenkamen, lag neben seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten vor allem an seiner vielleicht markantesten Charaktereigenschaft. „Ich bin ein treuer Geselle“, sagt er.

Das zeigte sich auch beruflich. Nach der Bundeswehr ging er 1987 in die Industrie, war zuletzt Produktionsleiter. „Wenn es das Unternehmen noch geben würde, wäre ich bestimmt noch heute dort“, glaubt er. Doch es kam anders. Der Laden machte zu, Scherf arbeitete ab 2003 in der Tankstelle und übernahm sie schließlich.

20 Jahre voller Erinnerungen

Während der zwei Jahrzehnte im Tor des SV Obernkirchen blieben ihm nur wenige Spiele in ganz besonderer Erinnerung. Eine böse 0:8-Niederlage beim VfL Bückeburg auf Kunstrasen gehört dazu. Scherf war stocksauer und musste dem Gegner, der mit dem Sieg Meister geworden war, auch noch Blumen überreichen. „Später haben wir in Bückeburg auch mal 4:3 gewonnen, ebenfalls auf Kunstrasen“, erinnert er sich.

Statt an Spiele blieben ihm naturgemäß herausragende Mannschaftskameraden im Gedächtnis, jeder auf seine Art. Als er beim SV Obernkirchen begann, spielte noch Horst Losch als Kapitän im Mittelfeld. „Da hatte ich in der Kabine nichts zu melden“, weiß er noch. Später kamen alte Weggefährten wie Flügelmann Olaf Seifert, der nochmal vom VfL Bückeburg zurückkam, und Abwehrexperte „Enna“ Borghese, der später nach Hameln und Stadthagen wechselte, in Erinnerung. Der einsatzfreudige Christoph Kranz, der besonnene Karl Schöttelndreier, der geniale Klaus Rödenbeck, der kühle Oliver Nerge und natürlich das Antrittswunder „Locke“ Castaldo wurden in den Jahren zu wichtigen Mitspielern, später auch der leidenschaftliche Srdar Petrovic.

Aber er erinnert sich auch an ganz spezielle Typen wie dem Krainhäger Andreas Zeuke, der mit mittlerer Veranlagung maximale Leistung erzeugte, oder an Detlef Fohler, dem gänzlich unbeschwerten Torjäger. Als Scherf seinen Platz im Tor für das talentierte Eigengewächs Martin Kracht räumte, da machte bereits das Kniegelenk Probleme. „Ich hätte eher Schluss machen sollen“, sagt er aus heutiger Sicht angesichts des Verschleißes, den er vom Fußball davongetragen hat. Scherf geht unrund, eines Tages werde es wohl auf ein künstliches Knie hinauslaufen, sagt er.

Eine treue Seele

Trotzdem blieb Scherf dem Fußball und der Mannschaft auch nach seinem Rücktritt ganz eng verbunden. Andere „Alt-Internationale“ zogen sich ins Private zurück und treiben allenfalls noch den eigenen Nachwuchs zur fußballerischen Höchstleistung an. Er aber blieb Torwarttrainer, Pressesprecher und Betreuer. Mittlerweile sind es fast vier Jahrzehnte SV Obernkirchen geworden, weil er tatsächlich ein treuer Geselle ist.