23. Mai 2017 / 11:14 Uhr

96-Pokalheld Michael Schjönberg im Interview: "Wir waren drei Tage blau"

96-Pokalheld Michael Schjönberg im Interview: "Wir waren drei Tage blau"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Michael Schjönberg mit dem DFB-Pokal.
Michael Schjönberg mit dem DFB-Pokal. © Imago
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Er schoss 1992 den entscheidenen Elfmeter für Hannover 96. Im Sportbuzzer-Interview spricht Schjönberg über Glück, seine Zeit in Hannover, den Abend des Pokalsiegs, Frank Hartmann und darüber, ob es nochmal ein Zweitligist den DFB-Pokal holen kann.

Michael, wir kennen uns jetzt seit mehr als 25 Jahren. Was machst du heute?

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Ich unterrichte schwer erziehbare Kinder in einer Einrichtung in Odense. Das macht Spaß. Das sind Jungs, die sind zwischen 12 und 18 Jahre alt.

Ist das Fußballerleben ein Traum?

Das Beispiel Florian Fromlowitz, den ich in Kaiserslautern in der B-Jugend hatte, zeigt ja: Im Profifußball ist nicht alles wunderbar. Es ist wunderschön, wenn alles gut geht, und wenn es nicht gut geht, ist alles scheiße. Ich habe noch nicht mit dem Fußball abgeschlossen. Aber ich bin auch nicht so blauäugig und setzte mich hin und warte. Was ich jetzt mache: Ich bin froh, wenn ich zur Arbeit fahre. Und ich bin froh, wenn ich nach Hause fahre. Zum ersten Mal seit ich zehn Jahre alt bin habe ich jetzt am Wochenende frei. Das ist auch nicht schlecht.

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Privat geht es dir gut?

Hängt davon ab, wie man es sieht. Vor drei Jahren habe ich mich scheiden lassen, aber wir sind sehr sehr gute Freunde, das läuft, das ist in Ordnung. Es geht mir gut, ich bin gesund.

Noch Kontakt zu den Helden von damals?

Eher weniger. Wenn ich Deutscher wäre, wäre das was anderes. Die sind ja fast alle in Deutschland und ich bin in Dänemark – in Hannover wurden nicht viele Sachen gemacht, dass man sich trifft.

Was hast du gedacht, als du am 23. Mai 1992 um 20.37 Uhr zum Elfmeter gegangen bist?

Als ich da zum Elfmeterpunkt gegangen bin, habe ich gar nichts gedacht. Ich hatte da keine Flausen im Kopf nach dem Motto: Wenn du den jetzt reinmachst, dann schreibst du Geschichte, dann seid ihr Pokalsieger. Wenn ich nachgedacht hätte, wäre es wahrscheinlich nicht so einfach gewesen. Ich war ein sicherer Elfmeterschütze, danach in Odense, Kaiserslautern und in der Nationalmannschaft habe ich auch Elfmeter geschossen, ich habe damit keine Probleme. Du kennst mich ja: Ein Held wollte ich nie sein, ich weiß, woher ich komme. Ob ich Fußballer bin oder etwas anderes – das ist mir eigentlich egal. So habe ich nie gedacht und so werde ich nie denken. Natürlich bist du stolz und froh, dass du das gemacht hast. Aber es ist nicht so, dass ich denke: Boaah, das habe ich ganz alleine gemacht. Nee, so nicht.


Und die Momente danach?

Wenn ich das sehe, wie Koch und Breitenreiter auf mich zukommen und was danach passierte – ich weiß es nicht. Da ist ein Loch. Ob ich in die Kabine gegangen oder auf dem Platz geblieben bin – ich kann mich daran nicht mehr erinnern.

Im Mai 1992 schaffte Hannover 96 Einmaliges: Als Zweitligist gewannen die Niedersachsen das Pokalfinale in Berlin gegen den hohen Favoriten Borussia Mönchengladbach. Hier die besten Fotos:

23. Mai 1992: Die Anzeigentafel im Berliner Olympiastadion bringt es Weiß auf Blau: Hannover 96 ist Pokalsieger. Vorausgegangen war ein spannendes Finale gegen Borussia Mönchengladbach - in dem ein 96-Spieler zum Helden wurde. Zur Galerie
23. Mai 1992: Die Anzeigentafel im Berliner Olympiastadion bringt es Weiß auf Blau: Hannover 96 ist Pokalsieger. Vorausgegangen war ein spannendes Finale gegen Borussia Mönchengladbach - in dem ein 96-Spieler zum Helden wurde. ©

Danach habt Ihr im ZDF-Sportstudio weitergefeiert…

Ich glaube, wir waren drei, vier Tage blau. Das war Wahnsinn. Im Bus zurück nach Hannover standen wir im Stau und haben weitergefeiert. Die Polizei hat uns gesucht, wir sollten ja auf den Rathausbalkon. Aber wir haben uns nicht gemeldet. Feiern konnten wir ja. Wenn wir als Mannschaft damals ein bisschen seriöser gewesen wären und nicht montags ins Capitol und donnerstags in Alt-Hannovera gegangen wären – dann hätten wir insgesamt auch vielmehr erreicht.

Wer konnte am besten feiern?

Was glaubst du?

Du?

Nein, der Trainer. Wenn wir ins Capitol kamen, war er immer schon da. Er hat gesagt: Kommt, setzt euch hin. Haben wir natürlich nicht gemacht. Da saß er immer rechts, wenn wir reingekommen sind. Der Lorkowski hat mal den Spruch gemacht: „Ihr werdet nie was, weil ihr nicht feiern könnt.“ Und in den Tagen nach dem Pokalsieg musste er dann zugeben: „Ihr könnt ja doch feiern!“

Wie seid ihr Pokalsieger geworden, wenn ihr euch ständig die Nächte um die Ohren geschlagen habt?

Zufall war das nicht, da waren viele richtig gute Spieler dabei. Im Alltag in der zweiten Liga haben wir irgendwie nicht alles gegeben – und im Pokal hat das Spiel in Dortmund (3:2-Sieg nach 0:2-Rückstand in der dritten Pokalrunde) etwas freigesetzt. Da hat der Klütz kurz vor Schluss so ein Kullertor aus 30 Metern erzielt. Und da haben wir das erste Mal gedacht: Okay, das kann klappen mit dem Finale in Berlin.

Hat dir der Pokalsieg bei deiner weiteren Karriere geholfen – du warst ja Nationalspieler, bist mit Kaiserslautern als Spieler Meister geworden und warst dort auch Manager. Und bei 96 bist du Kotrainer gewesen und 2006 nach der Entlassung von Peter Neururer für ein Spiel Cheftrainer.

Es gab eine Person in Hannover, die hat damals zu mir gesagt: Du kannst es schaffen. Und das war Frank Hartmann. Das vergesse ich nie. Er hat immer gesagt, du musst freiwerden im Kopf, dann gibt es keine Grenzen. Und dann bin ich mit 27 Jahren Nationalspieler geworden, das war Wahnsinn.

Michael Schjönberg im Jahr 2015 als Trainer in der ersten norwegischen Liga.
Michael Schjönberg im Jahr 2015 als Trainer in der ersten norwegischen Liga. © Imago

Hat dir in Hannover die Anerkennung gefehlt?

Es waren vier wunderschöne Jahre, die Stadt und die Fans liebe ich ja. Darum bin ich ja als Kotrainer auch wieder dahin gegangen. Als damals Schafstall kam, hat er ja den Günther Hermann geholt und der musste spielen. Ich musste dann als Kapitän auf die Tribüne – das hatte keine Zukunft mehr. Als der damalige Präsident Martin Brandstaeter, es tut mit wirklich leid, das er neulich gestorben ist, dann gesagt hat, ich könne für 100.000 Mark gehen – da war der Weg natürlich frei. Ich wusste, dass Odense mich unbedingt haben wollte, und er wusste das nicht. Das war mein Glück.

Der Pokalsieg mit 96 vor 25 Jahren - ist so etwas nochmal möglich?

Das kommt nicht mehr vor. So etwas wird es nicht mehr geben. Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Schere zwischen erster und zweiter Liga ist viel zu weit auseinandergegangen. Das ist Geschichte. Ich habe Glück gehabt. Es stand nirgendwo geschrieben, dass ich Fußballer werden sollte. Im Bus zurück nach Hannover standen wir im Stau und haben weitergefeiert. Ich war in Hannover in der guten Zeit, wo 96 Pokalsieger geworden ist. Ich war in Odense, wo man immer noch über das Spiel gegen Real Madrid spricht (UEFA-Pokal-Achtelfinale 1994/95: 2:0-Sieg im Bernabéu-Stadion, d. Red.). Ich war in Lautern, wo wir aufgestiegen und gleich im Anschluss deutscher Meister geworden sind. Ich habe mit Dänemark 1995 den König-Fahd-Pokal gewonnen (2:0 im Finale gegen Argentinien, d. Red.), den Vorgänger des Confed-Cups. Ich hatte so viel Dusel, dass ich das alles miterleben durfte.

Der Pokal war ja die ganze Nacht im Bett mit André Breitenreiter...

Er war der Jüngste und sollte auf den Pokal aufpassen. Ich glaube, er hat seine Claudia aus dem Bett geschmissen – und dann lag der Pokal daneben (lacht).

Jetzt ist er ja 96-Trainer.

Das finde ich super. Als ich bei Lautern gespielt habe und er bei Hamburg, da haben wir immer die Trikots getauscht. Er hat seinen Weg gemacht. Ich hoffe, dass er mit Hannover die Zeit bekommt, damit er seine Ideen durchsetzen kann.

Noch mehr lesenswerte Interview mit den Helden von 1992 lest Ihr auf unserer Themenseite zum Pokalsieg 1992 von Hannover 96.

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