17. November 2020 / 17:03 Uhr

Vom BVB-Flop zum Herzstück bei Real Sociedad: Mikel Merino bei Spanien auf dem Weg zur Busquets-Nachfolge

Vom BVB-Flop zum Herzstück bei Real Sociedad: Mikel Merino bei Spanien auf dem Weg zur Busquets-Nachfolge

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Mikel Merino konnte sich beim BVB nicht durchsetzen, bei Real Sociedad reifte er zum spanischen Nationalspieler.
Mikel Merino konnte sich beim BVB nicht durchsetzen, bei Real Sociedad reifte er zum spanischen Nationalspieler. © imago (3)
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Wie schon Ciro Immobile wurde auch Mikel Merino bei Borussia Dortmund nicht glücklich. Doch über Umwege führte sein Weg ebenso zu verspätetem Erfolg. Mit seinem Klub Real Sociedad ist er Tabellenführer in Spanien – und in der Nationalmannschaft könnte der 24-Jährige schon bald ein wichtiges Erbe antreten.

Eigentlich ist es Mikel Merino nicht gewöhnt, ausgewechselt zu werden, er gilt als Dauerbrenner; bei seinem aktuellen Klub Real Sociedad hatte er in der Liga zwischen dem 21. Juni und dem 18. Oktober saisonübergreifend 15 Spiele in jeder Minute auf dem Feld gestanden. Am vergangenen Samstagabend war es wahrscheinlich jedoch besser so, dass der 24-Jährige in seinem sechsten Länderspiel für die spanische Nationalmannschaft nach 81 Minuten für Gerard Moreno vom Platz geholt wurde – der eingewechselte Joker erzielte in der 89. Minute noch den 1:1-Ausgleichstreffer.

Ein später Ausgleich der Spanier? Das dürfte der deutschen Nationalmannschaft vor dem Rückspiel am Dienstagabend in Sevilla (20.45 Uhr, ARD) bekannt vorkommen. Auch die DFB-Auswahl verspielte Anfang September in der Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart eine 1:0-Führung, der Treffer fiel in der sechsten Minute der Nachspielzeit. Der eingewechselte Merino, der erstmals im A-Nationaltrikot auf dem Platz stand, feierte doch noch ein gelungenes Debüt für die Furia Roja.

Im Land, in dem er einst gescheitert ist. In dem Stadion, in dem einst sein Vater Angel Merino ein Europapokaltor für Osasuna gegen den VfB erzielt hatte. "Kein Zufall" sagte Merino junior also, dass er genau hier erstmals das A-Trikot trug. Wobei seine Nominierung wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass der ehemalige Profi von Borussia Dortmund mit seinem Klub Real Sociedad aktuell die spanische La Liga anführt. Und zwar "als Herzstück dieser Mannschaft", wie Miguel Gutierrez, ausgewiesener Spanien-Experte (u.a. für den TV-Sender Sky) ausdrücklich betont.

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Aus Dortmunder Perspektive stellt sich die Frage: Wie konnte das nur passieren? Auch Sportdirektor Michael Zorc hatte ein "großes Talent der spanischen Fußballschule" angepriesen, als der BVB im Februar 2016 die Verpflichtung des damals 19-Jährigen U-Nationalspielers von CA Osasuna für den Sommer 2016 verkündete, für 3,75 Millionen Euro.

Doch sportlich zahlte sich diese Investition nie aus. Acht Ligaspiele absolvierte Merino in der Bundesliga, mal auf seiner eigentlichen Position im Mittelfeld, mal aber auch als Innenverteidiger, was das Dilemma irgendwie ganz gut zusammenfasst. Kurzum: Es passte nicht mit ihm und dem BVB. Die Konkurrenz war namhaft; Trainer Thomas Tuchel vertraute auf seiner Position anderen: Julian Weigl oder Gonzalo Castro.

Merino braucht "eine fußballerische Wohlfühloase"

Und dann war da noch die Sache mit dem für Merino neuen Umfeld. Eine neue Kultur, eine Sprache, die er nicht beherrschte. Der damals 20-jährige umgab sich mit den spanisch-sprechenden Spielern, mit Marc Bartra oder Castro, doch "eine fußballerische Wohlfühloase", wie er sie laut Experte Gutierrez benötigt, fand er in Dortmund nicht. Der Fall ist ähnlich gelagert wie bei Ciro Immobile, der ebenfalls nach nur einem Jahr beim BVB flüchtete – und bei Lazio Rom letztlich doch noch zu einem Weltklassespieler wurde.


Merino nahm den Ausweg über eine einjährige Leihe zu Newcastle United, damals trainiert von seinem Landsmann Rafa Benítez, der ihm wesentlich mehr Vertrauen zusprach - und dabei sogar Parallelen zu Spaniens einstigem Ausnahmekönner Xabi Alonso zog: "Sie lesen das Spiel ähnlich." Kurios: Nachdem der englische Klub den Dortmundern im Juli 2018 für 7 Millionen Euro verpflichtet hatte, wurde er nur wenige Tage später für zwölf Millionen Euro weiter zu Real Sociedad transferiert. In die Stadt San Sebastián, die nur rund 100 Kilometer von seiner Geburtsstadt Pamplona entfernt liegt. "Ich fühle mich zu Hause", sagte Merino nach dem Wechsel: "Wo man glücklich ist, will man auch bleiben."

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Mats Hummels, Erling Haaland und Jude Bellingham (v.l.) gehören zu den teuersten Transfers in der BVB-Geschichte. Wie viel Geld die Dortmunder für sie ausgaben, erfahrt ihr in unserer Galerie.  ©

"Er ist ein Spieler, bei dem man merkt, dass Fußball auch im Kopf stattfindet", sagt Gutierrez. Das Gesamtpaket aus Heimatgefühl, der gewohnten Sprache und einer fußballerischen Kultur, die ihm liegt, sorgt dafür, dass Merino bei Real Sociedad so funktioniert, wie sie es sich in Dortmund auch gewünscht hätten. Beim aktuellen spanischen Tabellenführer ist er "der Chef im Mittelfeld" (Gutierrez).

Merino: Busquets-Nachfolger mit Tipps von Alonso?

Auch Nationaltrainer Luis Enrique wurde inzwischen auf die Balleroberungskünste des U21-Europameisters aufmerksam. Der Coach ist – analog zu Bundestrainer Joachim Löw – dabei, einen Umbruch zu vollziehen. Und Merino, der mit einer Körpergröße von 1,89 Meter dieselbe Statur wie Barcelona-Ikone Sergio Busquets hat, könnte dabei mittelfristig die Nachfolge des 32-jährigen Welt- und Europameisters antreten, der gegen Deutschland wegen einer Knieverletzung fehlen wird. Im Zentrum liegen Merinos Stärken, darin, die offensiven Außenspieler freizuspielen, den Ball ins letzte Drittel zu befördern – und bei Standards selbst gefährlich zu werden.

Gutierrez glaubt, dass der Mann, der laut transfermarkt.de mittlerweile 35 Millionen Euro wert ist, sogar noch besser werden kann – und nennt dafür einen triftigen Grund. Xabi Alonso, ein Meister all jener Fähigkeiten, arbeitet mittlerweile als Trainer der 2. Mannschaft bei Real Sociedad – dort, wo er selbst zum Profi wurde. Spanien-Experte Gutierrez meint: "Ich kann mir vorstellen, dass sie sich öfter über den Weg laufen. Und dass Xabi ihm seine Tipps gibt."