02. April 2021 / 21:18 Uhr

Mit 77 ist für "Kalle" Lotter (vielleicht) noch nicht Schluss

Mit 77 ist für "Kalle" Lotter (vielleicht) noch nicht Schluss

Uwe Kläfker
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Seit 53 Jahren ein starkes Team: Ehefrau Ingrid ist der Rückhalt in der langen Fußballerlaufbahn von Karl-Heinz Lotter. Tochter Andrea fehlt auf dem Foto. © Uwe Kläfker
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Fußballer aus Leidenschaft: Der Schaumburger Karl-Heinz Lotter steht seit 60 Jahren ununterbrochen im Punktspielbetrieb. Eine unglaubliche Geschichte über einen unkaputtbaren Torjäger, der irgendwann immer der Älteste im Team war.

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Als Karl-Heinz Lotter als Steppke zum ersten Mal auf dem Fußballplatz in Beckedorf gestanden hat, ahnte er nicht, dass seine Laufbahn mal von einem Virus namens Corona gestoppt, wenn nicht sogar beendet werden sollte.

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Das Erstaunliche an der Geschichte ist, dass Lotter Jahrgang 1943 ist, und Tag eins fast siebzig Jahre zurückliegt. Damals war „Kalle“, wie Lotter überall gerufen wird, als Zehnjähriger der jüngste Spieler unter den 14-Jährigen in der Schülermannschaft. „Später war ich dann irgendwie immer der Älteste“, sagt der nach wie vor drahtige Lotter, der, und das ist vermutlich einzigartig, 60 Jahre ununterbrochen und unkaputtbar im Punktspielbetrieb unterwegs war. Sein Markenzeichen: Tore am Fließband.

Der Beckedorfer fing nach der Jugendzeit mit 18 Jahren bei den Herren in der 1. Kreisklasse des ortsansässigen Sportvereins an, wurde mit 19 schon in die Kreisauswahl berufen. 1965 wechselte er dann zum TuS Jahn Lindhorst. „Ich habe dort acht Jahre im Bezirk gespielt.“ Aber auch in der höheren Spielklasse habe er immer seine Tore gemacht, so Lotter, der im Nachbarort auch einen der zahlreichen Höhepunkte seiner Laufbahn erlebte. „Wir haben mit einer Auswahl aus Lüdersfeldern und Lindhorstern vor 2000 Zuschauern gegen Borussia Dortmund gespielt.“

Der Beckedorfer SV III feiert die Staffelmeisterschaft: Mit dabei sind Karl-Heinz „Kalle“ Lotter (hintere Reihe mit Binde) und seine Brüder Günter und Horst. Fotos: privat (3)
Frank Hartmann (links) begrüßt "Kalle" Lotter mit Handschlag © Privat

Die Kicker aus dem Kohlenpott hielten sich zum Trainingslager in Barsinghausen auf und schauten für ein Freundschaftsspiel im Schaumburger Land vorbei. Dass das Spiel mit 1:7 verloren ging, war Nebensache. Die Auswahl verkaufte sich gut, lag zur Pause bereits 0:6 zurück. „Die zweite Halbzeit haben wir 1:1 gespielt“, erinnert sich Lotter. Den Ehrentreffer hat der Torjäger nicht erzielt? „Das war Manfred Schiller. Aber ich habe den Treffer aufgelegt“, sagt Lotter und strahlt über seinen Scorerpunkt. Die Profis waren mit der ersten Garnitur vor Ort. Nach dem Kick ging es ins Vereinsgasthaus Langhorst. „Es gab zwar ‚nur‘ belegte Brötchen, aber wir haben mit Spielern wie ‚Siggi‘ Held, ‚Pico‘ Schütz oder dem späteren Hannoveraner Torhüter Jürgen Rynio unser Bier getrunken und uns zwei Stunden nett unterhalten“, erinnert sich Lotter an ein tolles Erlebnis.

Der Goalgetter knipste für die Lindhorster, was das Zeug hielt, war mehrfach Torschützenkönig, „einmal auch im ganzen Bezirk.“ Unter Trainer Siegfried Rolke („Ein ganz feiner Mensch“) habe er abends vor den Spielen auch mal ein Bier trinken dürfen. „In der Disko, man weiß ja, wie das früher war“, sagt Lotter mit einem Augenzwinkern. Mit Lindhorster Legenden wie Horst Paschen und Norbert Gorny stand er noch zusammen auf dem Platz. Lotter habe den jüngeren Spielern Platz gemacht, „die haben mich abgelöst.“

Es ging zurück zum Beckedorfer SV. Dort „bespielte“ Lotter alle Mannschaften. Erst in der Ersten, später in der Zweiten. „Dann haben wir noch eine Dritte aufgemacht, sind mehrfach Staffelmeister geworden.“ Der Torjäger zog durch, spielte auch Altherren und Altsenioren (Ü40). Als das Altsenioren-Team mangels Masse abgemeldet werden musste, „war ich 60 Jahre alt.“

Für Lotter war das aber kein Grund zum Aufhören. Er wohnt seit 1978 in Rehburg, fuhr jahrelang zum Training und den Spielen nach Beckedorf. Am Lebensmittelpunkt, der Industriemechaniker arbeitete quasi vor der Haustür bei der Firma Henniges, gab es beim RSV Rehburg auch eine Ü40. Mit über 60 habe ich noch die Rehburger Dritte trainiert und auch in der 2. Kreisklasse gespielt, sagt Lotter, „aber nur, wenn Not am Mann war.“ Das habe er fünf Jahre lang so gemacht, bis, glückliche Fügung, im Nachbarort beim TV Eiche Winzlar eine Ü50 gegründet wurde. Seine Rehburger schlossen sich als Spielgemeinschaft an. „Da war ich natürlich auch wieder dabei“, stellt Lotter klar und lacht.

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Der Beckedorfer SV III feiert die Staffelmeisterschaft: Mit dabei sind "Kalle" Lotter (hinten, mit Binde) und seine Brüder Horst und Günter. © Privat

Er spielt dort mit anderen Schaumburgern wie dem Stadthäger Sparkassen-Bereichsleiter Gerd Krome zusammen. Und natürlich gab es auch da einen unvergesslichen Höhepunkt. Im Kreispokal der Region Hannover wurde der SG die Ü50 von Hannover 96 zugelost. „Das war 2020, eines meiner letzten Spiele.“ Aber ein unvergessliches. Vor rund 200 Zuschauern verlor Lotters SG gegen die mit ehemaligen Profis gespickten „Roten“ („Da standen auf einmal mehrere Porsche auf unserem Parkplatz“) erwartungsgemäß 1:6. Die 96er staunten nicht schlecht, dass mit Lotter, persönlich begrüßt von Ex-Bayern-Profi Frank Hartmann, ein 77-Jähriger auf dem Platz stand. „Nach dem Spiel kamen sie in die Kabine und überreichten mir ein Trikot der Zweitliga-Profis – als Anerkennung.“

„Kalle“ hat in den vielen Jahren einiges erlebt, ist auch einer der Väter der in den achtziger Jahren gegründeten und bekannten Hobby-Mannschaft „Beckedorfer Leichthacken“, die Turniere in ganz Europa spielte und sich auch heute immer noch regelmäßig trifft. Beim prestigeträchtigen und immer heiß umkämpften Stadthäger Turnier „Eine Stadt spielt Fußball“ wurde es kurios. Im Halbfinale gegen den „Schwarzen Adler“ bekamen Lotters Leichthacken einen Elfmeter zugesprochen. „Es stand Unentschieden. Ich will anlaufen – da pfeift der geprüfte Schiedsrichter Friedhelm Schlüter ab und sagt trocken: „Die Zeit ist abgelaufen.“ Heute kann Lotter darüber schmunzeln.

Damals sei vor Hunderten von Zuschauern Bambule auf dem Platz an der Vornhäger Straße gewesen. „Das werde ich nie vergessen.“ Ebenso wenig wie die Woche Sonderurlaub, als er als Zeitsoldat („PB 33 Luttmersen“) mit der Battalionsauswahl Brigademeister wurde. „Da habe ich auch meine Tore gemacht.“

Viele Fußballer werden sich fragen, wie es Karl-Heinz Lotter schafft, mit 77 Jahren noch aktiv auf dem Platz zu stehen. Gibt es ein Geheimrezept, wie bei Asterix und Obelix? Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht sind es die Gene. Mein Vater hat vor dem Krieg in Bochum in der höchsten deutschen Klasse gespielt.“ Auch seine jüngeren Brüder Horst und Günter seien sportlich sehr aktiv. „Ich hatte, bis auf einen Nasenbeinbruch, nie mit Verletzungen zu tun.“

Das muss als Erklärung reichen. Lotter ist nicht der verbissene Typ, wirbelt naturgemäß nicht mehr wie ein Jungspund über die Plätze, aber immer noch als Stürmer („Na sicher“). Er spiele gerne noch zwei, drei Mann aus – „wenn ich einen guten Tag habe“, räumt der 77-Jährige ein. Aber es gibt auch die anderen, die wenigen, an denen er hadert: „Das bringt nichts mehr, gegen die Jüngeren zu spielen.“ Doch die Zweifel verfliegen schnell, wenn es seitens der Kameraden heißt: „Kalle, du kannst doch noch nicht aufhören.“

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Als "Kalle" Lotter (hinten, Zweiter von links) in den Herrenbereich des Beckedorfer SV wechselt, ist er noch der jüngste Kicker im Team. © Privat

Ein ganz wichtiger Faktor sei über die vielen Jahre aber Ingrid, räumt Lotter ein. Mit seiner Ehefrau ist der Rehburger inzwischen 53 Jahre verheiratet. „Sie hat mich immer unterstützt.“ Auch Tochter Andrea „durfte“ viele Sportplätze kennenlernen, „hatte aber irgendwann keine Lust mehr.“

Bei der Frage nach den schönsten Jahren als Fußballer grinst „Kalle“ Lotter verschmitzt: „Ganz klar: Als ich noch gut drauf war.“ Von der Kameradschaft her liegen die Jahre in Beckedorf weit vorn. „Deshalb bin da auch so lange hingefahren.“

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Der faire und immer lockere Sportsmann hat nie eine Rote Karte gesehen („Ich wurde nie erwischt“) und lochte „eine Handvoll“ Fallrückzieher ein. „Das passierte ganz intuitiv.“ Gegen den SC Rinteln II schenkte Lotter Torwart-Ikone Wolfgang „Pattchen“ Neugebauer sogar zweimal in Klaus-Fischer-Manier ein. „Er war da auch schon etwas älter, aber das hat ihn gefuchst“, freut sich Lotter noch heute über den Coup. Linksfuß Lotter war auch vom Punkt eiskalt. „In meiner Zeit in Lindhorst habe ich gar keinen verschossen.“

Seine absolvierten Spiele kann er nur schätzen, seine Tore auch. Es waren einige, so wie im Spiel gegen die TuSG Wiedensahl II, als er beim 8:1 sieben Buden machte, „davon sechs in einer Halbzeit.“ Dafür kennt der Torjäger jeden Fußballplatz in Schaumburg „und auch die Kneipen – von Goldbeck bis Wiedensahl.“

Mit 77 Jahren ist die Zeit für den Abschied vom aktiven Fußball langsam gekommen, auch wenn „Kalle“ Lotter noch fit ist wie ein Turnschuh. Und dann ist da noch die Idee mit der Ü60. „Wir wollen eine melden, ich habe so gut wie zugesagt“, sagt Lotter, lacht und strahlt über das ganze Gesicht. Nur mit achtzig wolle er dann nicht mehr spielen, stellt er klar. Aber sicher ist das nicht.