03. Juli 2020 / 18:06 Uhr

„Mit knapp 55 habe ich keine Lust mehr, mich regelmäßig zu ärgern“

„Mit knapp 55 habe ich keine Lust mehr, mich regelmäßig zu ärgern“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wie die Zeit vergeht: Thomas Mühl, der bis zum Juni den SV Viktoria Woltwiesche coachte, hört auf und wird nach nun 37-jähriger Trainertätigkeit erst einmal keinen neuen Posten übernehmen. Im Kreis Peine trainierte er mehrere Teams, unter anderem auch den SV Lengede (kleines Foto im Jahr 2005).
Thomas Mühl hört als Trainer auf © Isabell Massel
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Fast 37 Jahre war er als Trainer tätig – nun geht Thomas Mühl, der zuletzt den Fußball-Bezirksligisten Viktoria Woltwiesche coachte, zumindest vorläufig in den Ruhestand. Vor wenigen Wochen sagte er, „dass zu 99 Prozent Schluss ist“. Gänzlich ausschließen mochte er eine Rückkehr indes nicht. „Schließlich weiß man ja nie, was noch kommt.“ 

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Den Ausstand beim SV Viktoria Woltwiesche hatte er sich ganz anders vorgestellt, doch dann kam der große Spielverderber: Die Corona-Krise und der daraus resultierende Saisonabbruch machten einen normalen Abschied unmöglich für Thomas Mühl. Somit war die Partie Anfang Dezember 2019 gegen den FSV Schöningen auch seine letzte als Coach des Fußball-Bezirksligisten. „Das ist schon schade, dass es so gekommen ist“, sagt Mühl. Immerhin hat der Corona-Stopp den 54-Jährigen auf seine nahe Zukunft vorbereitet. Denn er wechselt nach dieser Spielzeit erst einmal in den Trainer-Ruhestand. Wie Thomas Mühl sich diesen vorstellt, hat er im Gespräch mit der PAZ erläutert.

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Herr Mühl, seit wenigen Tagen ist es nun amtlich, dass die Saison 2019/20 abgebrochen wird. Ist diese Entscheidung die richtige?

Jein. Am Anfang habe ich auch gedacht, dass ein Abbruch die beste Lösung ist. Inzwischen aber sehe ich das differenzierter, weil man ja nicht weiß, wie und wann es weitergeht. Wenn man Pech hat, fängt die Saison erst im Oktober an – und wenn das der Fall sein sollte und dann auch noch der Überhang in den Staffeln dazu kommt, wird es schwierig, die Saison vernünftig zu Ende zu bringen. Allerdings gibt es in dieser Frage kein richtig oder falsch. Gut war aber auf jeden Fall, dass nun endlich eine Entscheidung getroffen worden ist.

Schmerzt solch ein Ende der Saison nicht?

Doch, auf jeden Fall. Wenn man wie ich so lange als Trainer dabei ist und das Ganze immer mit viel Spaß und Engagement gemacht hat, hätte ich das schon gerne vernünftig zu Ende gebracht: mit Klassenerhalt, Abschiedsspiel und einer Feier.

Die Klasse haben Sie mit Ihrem Team ja gehalten.

Richtig, aber das wurde uns geschenkt. Wenn es wieder erlaubt ist, werden wir uns alle noch einmal treffen und ein bisschen feiern, so dass ich dann auch Abschied nehmen kann.

Sie haben schon frühzeitig verkündet, dass Sie nach dieser Saison in Woltwiesche aufhören werden und danach zu 99 Prozent keinen Trainerjob mehr annehmen wollen. Was hat Sie dazu bewogen?

Bereits mit 18 habe ich als Trainer im Jugendbereich angefangen, ehe ich dann im Jahr 2000 in Söhlde erstmals ein Herren-Team übernommen habe. Ich bin jetzt seit fast 37 Jahren in diesem Geschäft, und inzwischen habe ich keine Lust mehr, mein Leben komplett nach dem Fußball auszurichten. Vorbereitung, Punktspiele, Gespräche, Training – all das spielt künftig keine Rolle mehr, so dass ich die Tage und Wochenenden ganz anders planen kann, als das bisher üblich war.

Nun haben Sie durch Corona zwangsweise schon eine mehrmonatige Pause einlegen müssen. Haben Sie zwischendurch auch mal überlegt, Ihren Entschluss zu revidieren?

Nein, so lange wie die Saison gedauert hätte, wäre ich zwar auch Trainer geblieben, aber es gab keinerlei Überlegungen, über diese Serie hinaus weiterzumachen oder aber einen anderen Posten anzunehmen.

Werden Sie künftig überhaupt noch auf Fußballplätzen zu sehen sein?

Das Schöne ist, dass ich nun selbst bestimmen kann, was ich mir anschauen möchte. Zu meinen Ex-Clubs nach Vechelde, Woltwiesche und Lengede fahre ich sicherlich mal, aber eines steht schon jetzt fest: Ich werde nicht jedes Wochenende auf einem Sportplatz sein.

Gibt es etwas, dass Sie vermissen werden, wenn Sie nicht mehr Trainer sind?

Ja, das Zwischenmenschliche. Denn das ist im Sport überragend. Wenn ich daran denke, wie viele nette Leute ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe und wie schön auch das Miteinander war, weiß ich, dass ich dies auf jeden Fall vermissen werde. Allerdings vergisst man eben auch schnell, dass man öfter mit nassen Füßen im Regen oder in der Kälte auf dem Platz gestanden hat. Aber die zahlreichen schönen Erinnerungen überwiegen absolut – und das bleibt hängen.

An was erinnern Sie sich besonders gern?

Meisterschaften oder Aufstiege sind Ereignisse, die man nie vergisst. Dass ich mit dem SV Lengede den Sprung in die Landesliga geschafft habe, gehört für mich zu den herausragenden persönlichen Erlebnissen. Aber auch die Zeit bei Arminia Vechelde war für mich außergewöhnlich. Wir sind Kreisliga-Meister geworden und haben wenig später an das Tor zur Landesliga geklopft. Hinzu kamen dort die Busfahrten mit den vielen Fans – das war ein echtes Highlight.

Gibt es auch Dinge, die Sie am liebsten aus dem Gedächtnis streichen würden?

Nein, ich hatte das Glück, dass nie alles nur Mist war. Es gab zwar immer mal wieder Konflikte, aber in allen Vereinen, in denen ich trainiert habe, ist es insgesamt gesehen positiv gelaufen.

Dabei sagen viele, dass sich der Fußball verändert hat.

Das stimmt, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist er im Vergleich zu früher viel dynamischer geworden und erheblich mehr von der Taktik geprägt. Zum anderen hat sich die Einstellung der Spieler zum Schlechteren verändert – auch die anderen Trainer sagen das. Letztlich ist dies auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Heutzutage bekommt man kurz vor dem Training immer wieder Absagen per SMS oder WhatsApp mit fadenscheinigen Ausreden. Früher hätte es das nicht gegeben, vor allem nicht in dieser Häufigkeit.

Ist das auch ein Grund, weshalb Sie aufhören?

Auf alle Fälle. Mit knapp 55 Jahren habe ich keine Lust mehr dazu, mich regelmäßig über Handlungsweisen zu ärgern, die ich nicht nachvollziehen kann. Läge die Trainingsbeteiligung bei 90 bis 100 Prozent, würde es auch mehr Spaß machen. Ich gehe aber davon aus, dass sich an diesem Verhalten so schnell nichts ändert – und deshalb ist es für mich auch schwer vorstellbar, dass ich noch einmal einen Trainerjob übernehme.

Glaubt Ihre Frau Ihnen das?

(lacht) Na ja, so ganz sicher ist sie sich nicht. Schließlich habe ich ja nicht hundertprozentig ausgeschlossen, dass ich wieder als Trainer arbeite.

Worauf freuen Sie sich nun am meisten?

Dass ich das Wochenende so planen kann, wie ich es möchte. Ich muss mir keinen Kopf mehr darum machen, was am Sonntag auf oder neben dem Platz passiert. Künftig alles entspannt angehen zu können und sich um den Fußball keine Gedanken mehr machen zu müssen, ist schon ein tolles Gefühl – ich werde das genießen.

Von Peter Konrad