08. Oktober 2020 / 10:29 Uhr

Mit Minischweinen Eddy und Sally: Trainer Kunze sorgt in Luthe für weiblichen Fußball-Nachwuchs

Mit Minischweinen Eddy und Sally: Trainer Kunze sorgt in Luthe für weiblichen Fußball-Nachwuchs

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Schwein gehabt, ist bei uns Programm: Das Luther Mädchenteam unter der Regie von Trainer Andreas Kunze ist mit viel Spaß und Freude bei der Sache. 
"Schwein gehabt, ist bei uns Programm": Das Luther Mädchenteam unter der Regie von Trainer Andreas Kunze ist mit viel Spaß und Freude bei der Sache.  © Nicola Wehrbein
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Eine Geschichte mit ganz viel Herz: Die D-Juniorinnen des TSV Luthe haben beim Fußballspielen eine Menge Spaß. Zu verdanken haben die Mädchen das ihrem Trainer Andreas Kunze und den beiden Minischweinen Eddy und Sally. Und nicht nur die beiden tierischen Freunde sorgen für ungewohnte Geräusche auf dem Platz: Die jungen Damen aus Luthe haben Geräusche zur geheimen Verständigung während des Spieles eingeübt.

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Was der 1. FC Köln mit seinem Geißbock Hennes kann, können die Fußballmädchen vom TSV Luthe schon lange. Wenn die D-Juniorinnen des Wunstorfer Klubs am Ball sind, tönt regelmäßig lautes Grunzen über den Platz. Am Spielfeldrand, in einem mit Decken und Kissen kuschelig ausstaffierten Fahrradanhänger für Hunde, haben zwei ganz besondere Maskottchen ihr wohlig-warmes Plätzchen: die Minischweine Edward, genannt „Eddy“, und Sally. Sie sind nicht nur tierisch kommunikativ, sondern überdies „die besten Glücksbringer überhaupt“ – wie die jungen Kickerinnen einhellig betonen. Dass beim Training der Luther D-Juniorinnen stets die Bässe wummern und sie ihrerseits manchmal seltsame Geräusche von sich geben, ist eine weitere skurrile Geschichte. Aber dazu später.

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Während die Luther D-Juniorinnen um ihre herausragende Akteurin Sofia im Kreisklassenduell mit dem HSC Hannover zum Sieg stürmen, dösen die Minischweine die meiste Zeit im Fahrradanhänger vor sich hin. Eddy und Sally sind bei jedem Spiel dabei. Gern natürlich auch auf dem Arm der Mädels. Bei der Besprechung in der Halbzeitpause (mit Möhrenfütterung) sowie beim Sportgruß im Anschluss geben die beiden grunzend ihren Senf dazu. Wie sind die Lutherinnen bloß aufs Schwein gekommen? Pardon, die Schweine. „Als wir das D-Juniorinnenteam diesen Sommer neu gegründet haben, war klar, dass wir ein Maskottchen brauchen“, erzählt Trainer Andreas Kunze, in dessen Haushalt sowohl die fußballspielenden Töchter Liv und June als auch die Minischweine leben. „Schwein gehabt ist bei uns Programm“, sagt der Luther Coach lachend.

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Musik als Spaßfaktor

Nicht nur das Maskottchen ist außergewöhnlich. Kunze, der über seine Töchter zur Trainertätigkeit gekommen ist, versucht in vielerlei Hinsicht, neue Wege zu gehen: „Wir wollen ein cooles Paket anbieten, Sport mit Spaß. Nur dann funktioniert es auf Dauer.“ Natürlich müsse man im Training gewisse Grundlagen schaffen, um in den Spielen erfolgreich zu sein. Aber nur stumpfes Laufen und Kondition bolzen führe zu Frust, dann hätten die Mädels ganz schnell keine Lust mehr.

„Bei uns dröhnen die Hits quer über den Platz, wir haben sogar eine eigene Trainings-Playlist. Mit Musik geht alles leichter, Musik beflügelt. Da macht auch ein Ausdauerparcours richtig Spaß. Wir veranstalten unterschiedliche Challenges mit Musik. Und die so wichtigen Stabilisationsübungen haben wir beispielsweise in einen Liegestütz-Contest verpackt, dazu läuft der Song „Eye of the tiger“. Anfangs konnten die meisten nicht einen perfekten Liegestütz, mittlerweile kommen manche auf zwölf.“

Aus 120 werden 55 Teams

Engagierte Trainer wie Kunze sind die Lebensversicherung des Mädchenfußballs. Mehr als die Hälfte aller Teams hat sich in den vergangenen knapp zehn Jahren aufgelöst. Es herrscht Flaute beim weiblichen Nachwuchs. „Nach der Frauen-WM 2011 im eigenen Land hatten wir insgesamt um die 120 Mädchenmannschaften im Spielbetrieb. Diese Saison sind es gerade mal 55 Teams, fünf davon aus Nachbarkreisen. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung“, sagt Steffi Pätsch, Vorsitzende des Kreisausschusses für Frauen- und Mädchenfußball.

„Grundsätzlich wird es immer schwieriger, Ehrenamtliche zu finden, die sich in den Klubs aktiv einbringen – das trifft insbesondere auf den Mädchenfußball zu. Das Ganze steht und fällt aber mit einem Trainer, der den Anfang macht und eine Mannschaft aufbaut. Und Vereinsverantwortlichen, die voll dahinterstehen.“ Viele Vereine ließen die Mädels bei den Jungs mitlaufen, zum einen notgedrungen, weil ihnen Trainer fehlten, aber auch weil der Fokus klar bei den Herren und allenfalls noch beim männlichen Nachwuchs läge.

Interesse ist bei den Mädchen vorhanden

„Ein Patentrezept, wie wir den kriselnden Juniorinnen-Fußball wieder ankurbeln können, habe ich leider auch nicht“, sagt Pätsch. Zumal sich durch die Corona-Pandemie das Problem noch verschärft habe. „Fest steht, wir müssen initiativ werden und den Mädchenfußball pushen. Da sind auch der NFV und der DFB gefordert, uns Unterstützung an die Hand zu geben. Vor allem aber brauchen wir diese positiv Verrückten in den Vereinen, die für die Sache brennen. Sonst kann es ganz schnell vorbei sein. Schon jetzt ist es eine echte Herausforderung, bei den Mädels einen attraktiven Spielbetrieb am Laufen zu halten. Sollten demnächst noch mehr Mannschaften wegbrechen ...“

„Brauchen positiv Verrückte“

Dass es genug Mädchen gibt, die Lust auf Fußball haben, wenn ein entsprechendes Angebot besteht, hat sich in Luthe eindrucksvoll gezeigt. „Der Tag des Mädchenfußballs, den wir 2018 auf die Beine gestellt haben, war für viele interessierte Kickerinnen die Initialzündung. Von dem großen Zulauf damals profitieren wir noch heute“, sagt Udo Junghans, A-Juniorinnentrainer beim TSV. „Sobald die Werbetrommel gerührt wird, kommen die Mädchen auch. Es ist ja kein Zufallsprodukt, dass wir alle Jahrgänge von den A-bis zu den D-Mädels besetzt haben. Demnächst soll möglichst noch eine E-Juniorinnenmannschaft entstehen. Aber es gibt halt immer weniger Trainer, die sich da engagieren.“

Trainerjob verlangt viel Zeit ab

Er sei ja erst seit diesem Sommer dabei, sagt Kunze. „Seither erlebe ich, was alles dranhängt an der Trainertätigkeit. Das ist viel Arbeit und Zeit, die man investiert. Und doch überwiegt die Freude. Das Thema Ehrenamt hat eine wirklich enorme Bedeutung. Zum Glück haben wir hier in Luthe diese ,Verrückten’, die etwas vorantreiben.“

Liv, die ihren Vater als Co-Trainerin und Schweinehüterin unterstützt, hat Eddy und Sally mittlerweile nach Hause gebracht. Sogar Mini-Luthe-Trikots hat sie den tierischen Glücksbringern genäht. Beim nächsten Training, wenn die Mädchen wieder mit geballtem Einsatz, wehenden Pferdeschwänzen und viel Gelächter bei der Sache sind, dazu die Musik über das Spielfeld schallt, werden die Minischweine natürlich mit von der Partie sein. „Unsere Schweine gehören dazu“, sagt D-Juniorin Pia.

Geräusche sollen Gegner verwirren

Sie klärt auch über die merkwürdigen Geräusche während des Spiels auf – und damit sind nicht die Grunzlaute von Eddy und Sally gemeint. „Wir haben bestimmte Geräusche eingeübt, um uns auf dem Platz ohne Worte zu verständigen. Damit wir wissen, wer angelaufen kommt oder angespielt werden möchte. Außerdem verwirren wir damit den Gegner.“ Coach Andreas Kunze geht eben neue Wege. Kein Wunder, dass seine Spielerinnen tierisch begeistert sind.