08. Oktober 2019 / 18:14 Uhr

Mit Peiner Hilfe zu den WM-Medaillen

Mit Peiner Hilfe zu den WM-Medaillen

Matthias Preß
Peiner Allgemeine Zeitung
Sanjay Weber-Spickschen (rechts) mit Goldmedaillen-Gewinnerin Malaika Mihambo (Weitsprung) und Bronze-Gewinner Johannes Vetter (Speerwurf) in Doha.
Sanjay Weber-Spickschen (rechts) mit Goldmedaillen-Gewinnerin Malaika Mihambo (Weitsprung) und Bronze-Gewinner Johannes Vetter (Speerwurf) in Doha. © Privat
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Zum Spitzensport gehört ärztliche Betreuung. Die übernahm für die deutschen Athleten ein fünköpfiges Mediziner-Team bei der Leichtathletik-WM in Katar – darunter der Peiner Dr. Sanjay Weber-Spickschen. Wie die Ärzte die Hitze austricksten, verrät er im PAZ-Sportbuzzer-Interview.

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Es war die vielleicht heißeste Leichtathletik-WM bisher. Dass die deutschen Athleten in Doha cool geblieben sind und sechs Medaillen holten, haben sie auch einem Peiner zu verdanken. Dr. Sanjay Weber-Spickschen kümmerte sich als einer der fünf Teamärzte der deutschen Leichtathleten um das Wohlergehen der Sportler. Wie sie mit den klimatischen Gegebenheiten umgegangen sind, schildert der Peiner im Interview.

Ist das Klima in Katar so extrem gewesen, wie es in den Medien geschildert wurde?

Vor allem tagsüber ist es ziemlich heiß, aber hinsichtlich der Luftfeuchtigkeit ist es sehr wechselhaft. Am letzten Freitag erinnerte es an ein Dampfbad. Ein Teil unseres Teams war in ein Krankenhaus eingeladen, in dem auch ein Deutscher Arzt arbeitet. Der hat auch geschildert, dass die Luftfeuchtigkeit sehr wechselhaft sein kann.

Was hieß das für die Athleten?

Das Stadion war ja gekühlt, und vor dem Stadion steht eine Top-Sporthalle für die Vorbereitung. Hotel und Busse sind klimatisiert. Nasensprays helfen da, die Schleimhaut feucht zu halten. Wir haben versucht, die Temperaturwechsel möglichst gering zu halten. Und die Wettkämpfe fanden ja nachmittags und abends statt, als es schon etwas kühler war. Die meisten Athleten kamen mit den Temperaturen gut zurecht. Wichtig war auch Wechselkleidung, zum Beispiel ein Kapuzenpullover, weil es im Bus oft kalt war.

Wie haben Sie aus ärztlicher Sicht auf die äußeren Bedingungen reagiert?

Wir hatten für die Athleten Kühlwesten und Pulskühler im Einsatz, und immer Eiswasser, in das wir Handtücher getaucht haben. Und natürlich haben wir verschiedene Elektrolyt-Getränke vorbereitet. Morgens gab es eine Besprechung, bei der wir empfohlen haben, wer wieviel davon trinken soll. Ein Aspekt ist dabei, wie die Athleten auf die Bedingungen eingestellt sind, auch psychisch. Schaffen wir das optimal, kann es ein Vorteil gegenüber anderen sein.

Hatten Sie als ehemaliger Zehnkämpfer dem neuen Weltmeister Niklas Kaul ein paar Tipps geben können?

Wir quatschen die Athleten nicht voll. Innerhalb des medizinischen Teams beraten wir uns und sprechen uns mit dem Bundestrainer ab. Technische Tipps gehören aber in die Kompetenz des Trainers. Aber abends saßen wir schon mal mit den Athleten vor dem TV. Der Einsatz bei und nach den Wettkämpfen konnte aber auch durchaus bis zwei oder drei Uhr nachts gehen, sodass man dann gleich ins Bett gefallen ist.

Ein Kritikpunkt war die geringe Zuschauerresonanz bei einigen Wettbewerben. Haben Sie das auch festgestellt?

Ich kann da keine allgemeine Beurteilung abgeben und war ja auch nicht immer im Stadion im Einsatz. Aber während des Diskuswurfs der Frauen war es richtig voll, da sind einige wohl gar nicht ins Stadion gekommen. Das lag auch daran, dass der katarische Hochspringer, der Gold gewann, zeitgleich sprang. Zwei Tage zuvor war ich auch im Stadion, auch da war es voll – vor allem wohl, weil ausländische Arbeiter ihre Athleten anfeuerten.

Haben Sie am letzten WM-Abend noch mit Weitspringerin Malaika Mihambo und Speerwerfer Johannes Vetter deren Gold- beziehungsweise Bronzemedaille feiern können?

Bis wir nach Pressekonferenz und den weiteren Regularien im Hotel waren, war es ein Uhr nachts. Aber die anderen Teammitglieder hatten gewartet und wir konnten nochmal auf die Erfolge anstoßen. Die Athleten sind in den Pool gesprungen – aber viel Zeit war nicht mehr. Schon um vier Uhr war Treffen zur Abfahrt zum Flughafen.

Gab es bei dieser WM aus ärztlicher Sicht Erkenntnisse oder Erfahrungen, die bei den olympischen Spielen 2020 in Tokio weiterhelfen, wo ebenfalls extreme klimatische Bedingungen mit Temperaturen um 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit herrschen werden?

Wir haben festgestellt, dass die Werfer aufgrund ihrer speziellen Muskulatur sensibler auf die Temperaturen reagieren als Läufer oder Springer. Und dass wir auf einzelne Athleten mehr achten müssen als auf andere. Was sie trinken sollen zum Beispiel, ist vorher genau mit dem Ärzteteam und den Trainern besprochen. Und sie müssen das dann auch trinken, obwohl sie gar keinen Dust haben. Grundsätzlich versuchen wir auch, die Zeit möglichst kurz zu halten, die die Athleten außerhalb der Sportstätten und des Hotels verbringen müssen. Lange Transfers zum Beispiel können sehr schlauchen.

Zur Person:

Der in Peine aufgewachsene Dr. Sanjay Weber-Spickschen war Zehnkämpfer bei der LG Edemissen/Peine, besuchte das Ratsgymnasium, studierte Medizin und blieb auch als Arzt dem Sport verbunden. Er ist seit 2012 Teamarzt der Deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft, seit 2008 Verbandsarzt der niedersächischen Leichtathleten und seit 2010 der niedersächsischen Fußballer.

Seit 2014 ist Weber-Spickschen Oberarzt der Unfallchirurgie mit Schwerpunkt Knie und Sport und war bis Ende Juni am Olympiastützpunkt tätig. In dieser Funktion betreute er rund 250 Bundeskader-Athleten zum Beispiel aus den Sportarten Judo, Rugby, Rudern und Leichtathletik.

Vor drei Jahren ist Weber-Spickschen nach mehreren dienstlich bedingten Wohnortwechseln mit seiner Familie wieder nach Peine gezogen. Und er spielt – sofern es die Zeit erlaubt – in seinem früheren Verein wieder Fußball: In der 2. Mannschaft des TSV Marathon Peine.

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