21. Oktober 2019 / 20:16 Uhr

Mitspieler und Gegner retten Werratals Torwart Eric Wiegand das Leben

Mitspieler und Gegner retten Werratals Torwart Eric Wiegand das Leben

Andreas Fuhrmann
Göttinger Tageblatt
„Gesund und munter“: Torwart Eric Wiegand (links) mit Timo Spangenberg, einem seiner Lebensretter, im Patientenzimmer des Uniklinikums Göttingen.
„Gesund und munter“: Torwart Eric Wiegand (links) mit Timo Spangenberg, einem seiner Lebensretter, im Patientenzimmer des Uniklinikums Göttingen. © Fuhrmann
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Plötzlich wurde das Spiel zur Nebensache: Bei der Bezirksligabegegnung zwischen der SG Werratal und der SG Dassel/Sievershausen drohte Werratals Torwart Eric Wiegand nach einem Zusammenprall zu ersticken. Nur dem Einsatz einiger Spieler ist es zu verdanken, dass der 21-Jährige die lebensgefährliche Situation schadlos überstand. Unter den Helfern befand sich auch ein Akteur des Gegners.

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Es gibt Tage, an denen rückt die Bedeutung eines Fußballspiels ganz weit in den Hintergrund. An denen überwindet der Einsatz für eine gute Sache die Grenzen der Rivalität. So geschehen beim Bezirksligaspiel der SG Werratal gegen die SG Dassel/Sievershausen am Sonntag. Was war passiert?

Es lief bereits die Nachspielzeit, als sich im Strafraum der SG Werratal ein folgenreicher Zusammenprall eines Spielers der SG Dassel/Sievershausen mit dem Torwart der Gastgeber, Eric Wiegand, ereignete. Wiegand fiel zu Boden, schlug offenbar hart mit dem Hinterkopf auf –und blieb bewusstlos liegen. Sofort eilten Spieler seines Teams zu ihm: Kai Armbrust, Robin Windel und Ruslan Wagner. Auch ein Akteur des Gegners erkannte die lebensgefährliche Situation sofort und kam dem 21-Jährigen zur Hilfe: Timo Spangenberg.

"Er lief blau an"

„Ich habe sofort gesehen, dass etwas nicht stimmte“, erinnert sich der 32-jährige Spangenberg. „Eric hatte bei dem Sturz offenbar seine Zunge verschluckt. Er war bewusstlos, begann zu krampfen und lief blau an.“ Zusammen hätten sie dann erste Hilfe geleistet und versucht, die Zunge wieder aus dem Rachen des Torwarts zu bekommen. „Irgendwann haben wir es dann hingekriegt“, erzählt Spangenberg.

Nur langsam sei der Verletzte wieder zu sich gekommen, habe immer wieder die Augen verdreht und nach Luft geschnappt. Bis er dann endlich wieder Reaktionen gezeigt und auf Ansprechen reagiert habe. „Das hat gefühlt eine Ewigkeit gedauert. Ich hatte Angst, dass er bleibende Schäden davonträgt. Er war ja komplett weggetreten“, sagt der 32-jährige Helfer.

"Ich bin froh, dass so viele mitgeholfen und wir ihn gerettet haben"

Dann traf der Rettungswagen ein, den jemand direkt nach dem Vorfall alarmiert hatte. Zusammen bereiteten sie den Verletzten für den Transport vor. „Der Arzt hat uns Anweisungen gegeben“, erzählt Spangenberg. Außerdem hätten auch eine Krankenschwester und ein Pfleger, die sich zufällig unter den Zuschauern befanden, mitgeholfen. Dann brachten sie den Torwart in den Krankenwagen. „Das war eine super Teamarbeit. Ich bin froh, dass so viele mitgeholfen und wir ihn gerettet haben. Ohne die anderen Spieler hätte ich das nicht geschafft. So müsste es immer laufen“, sagt Spangenberg.

Aus seinem selbstlosen Einsatz will der 32-Jährige keine große Sache machen. „Ich würde mir ja auch wünschen, dass mir jemand hilft, wenn ich in einer solchen Situation wäre, auch der Gegner“, beschreibt er seine Beweggründe. Zudem sei seine Freundin Krankenschwester, da bekomme man das ein oder andere mit. Und er selbst arbeite ebenfalls im Krankenhaus, genauer gesagt im Universitätsklinikum – allerdings als Betriebselektriker.

Besuch im Klinikum

Das führte dazu, dass er nicht nur einer der ersten Helfer bei dem Unfall war, sondern auch einer der Ersten, die sich persönlich nach dem Zustand von Wiegand erkundigen konnten. Gleich am Montagmorgen nach dem Frühstück besuchte er den Torwart im Krankenzimmer. Der freute sich riesig, weil er selbst schon versucht hatte, mit seinem Retter Kontakt aufzunehmen. Und Spangenberg war ebenfalls unendlich erleichtert. „Ich habe mir die ganze Zeit Sorgen um ihn gemacht, das blendet man ja nicht einfach aus, wenn man zu Hause ist. Umso schöner war es, ihn am Montagmorgen gesund und munter zu sehen.“

Und gesund ist Wiegand wieder, wie er am Montag sagt, als sich die beiden noch einmal im Krankenzimmer treffen. Die Untersuchungen seien allesamt positiv verlaufen. „Alles ok“, hätten die Ärzte gesagt. Daher könne er auch bereits am Dienstag wieder entlassen werden, sagt der 21-jährige BWL-Student. Eine Woche solle er aber mindestens pausieren, habe man ihm geraten. Das habe auch der Vorsitzende der SG Werratal, Klaus Burhenne, betont, der ihn ebenfalls direkt am Montag besuchte und ihm Genesungswünsche des gesamten Vereins übermittelte.

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Die Reaktionen seien ohnehin einmalig, sagt der 21-jährige Torwart. Außer seinem Verein wünschte ihm auch der Gegner SG Dassel/Sievershausen über Facebook “alles erdenklich Gute“. „Viele Leute haben sich nach mir erkundigt, selbst Spieler von meinem ehemaligen Verein. Alle sind froh, dass ich wieder auf den Beinen bin.“

Wiegand zollt Rettern großen Respekt

Froh ist Wiegand selbst natürlich am meisten – und zollt seinen Rettern den größten Respekt. „So sollte es im Fußball sein, trotz aller Rivalität: In den Farben getrennt, in der Sache vereint“, sagt der 21-Jährige. Dass mit Spangenberg auch ein Gegner maßgeblich zu seiner Rettung beigetragen habe, müsse ein leuchtendes Beispiel für alle sein – nicht nur im Fußball. „Das Wohl des anderen steht an erster Stelle, egal worum es geht. Er hätte mich auch liegen lassen können. Hut ab vor allen, die mir geholfen haben.“

Torwart Wiegand hat keinerlei Erinnerungen an den Vorfall. Ab dem folgenreichen Freistoß, der in der Nachspielzeit auf sein Tor segelte, weiß er nichts mehr. Er kann sich erst wieder an die Situation erinnern, wie er im Rettungswagen zu sich kam – und was die erste Frage war, die er stellte. „Ich habe gefragt, ob es beim 5:2 für uns geblieben ist“, sagt der 21-Jährige und lacht. Das ist ihm mittlerweile allerdings völlig egal: „Es gibt Wichtigeres.“

Held der Woche spezial
"Held der Woche spezial" © R

In eigener Sache

Nur in Ausnahmefällen vergibt der SPORTBUZZER die Auszeichnung „Held der Woche“ außer der Reihe. Dieser Fall ist so einer. Wenn sich Menschen, egal ob Spieler, Gegner oder Zuschauer, zusammentun, um einem Spieler in einer lebensbedrohlichen Lage zu helfen, bedarf dies keiner Abstimmung. Diese Menschen sind unserer Meinung nach allesamt Helden, denen der Respekt aller gilt, und deren Taten als leuchtendes Beispiel dienen sollten. Das wollen mir mit dieser speziellen Auszeichnung zum Ausdruck bringen.