30. Juni 2021 / 12:03 Uhr

Monika Lazar begrüßt Regenbogen-Flaggen in Stadien: "Sport ist immer auch politisch"

Monika Lazar begrüßt Regenbogen-Flaggen in Stadien: "Sport ist immer auch politisch"

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Monika Lazar befasst sich seit vielen Jahren mit der deutschen Sportlandschaft.
Monika Lazar befasst sich seit vielen Jahren mit der deutschen Sportlandschaft. © André Kempner
Anzeige

Als Sportpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion hat Monika Lazar aus ihren Überzeugungen nie einen Hehl gemacht. Im Interview mit Britt Schlehahn äußert sich die Politikerin zu den Diskussionen um die untersagte Regenbogen-Beleuchtung der München Allianz-Arena, die Datensammel-Wut deutscher Behörden in Fußballfragen, den wieder aufgeflammten Ruf nach personalisierten Tickets und antiquierte Männerbilder.

Leipzig. Monika Lazar ist seit 2004 Mitglied des deutschen Bundestages. Als Sprecherin für Sportpolitik der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen, stellte sie zu Beginn des Jahres eine Anfrage an die Bundesregierung, warum sich in Zeiten von Geisterspielen die Zahl der registrierten Personen in der Datei "Gewalttäter Sport" (DGS) sprunghaft erhöhte. Die Antwort schlug Wellen. Nun endet die Legislaturperiode. Lazar tritt nicht noch einmal zur Wahl an.

Anzeige

SPORTBUZZER: Führte Ihre Anfrage zu Speicherungen in der Datei "Gewalttäter Sport" in Geisterspielzeiten und den daraus folgenden öffentlichen Zahlen von Speicherungen Ihrer Meinung nach zu einer Sensibilisierung gegenüber dem Verhalten der Polizei im Hinblick auf Fußballfans?

Monika Lazar: Ich hoffe, dass wir langsam etwas bewirken mit den kontinuierlichen Anfragen zur Datei „Gewalttäter Sport“ und der Presseberichterstattung darüber. Insbesondere die absurden Einspeicherungen während der Geisterspielzeit haben ja für Aufmerksamkeit gesorgt. Ich denke, dass hier vielen Leuten klar geworden ist, um welch intransparente Datensammlung es sich hier handelt. Es ist wichtig, hier den Druck aufrecht zu halten, und immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich generell bei gewaltbereiten Fans um eine kleine Minderheit handelt, und selbst in der Datei „Gewalttäter Sport“ bei Weitem nicht nur Gewalttäter gespeichert sind. Da ist ganz viel „Beifang“ mit dabei, denn bereits eine Personalienfeststellung oder ein Platzverweis im Umfeld eines Fußballspiels kann als Speicherungsgrund reichen. Das trägt mit zur Stigmatisierung von Fußballfans bei.

Wie kann gegen die Stereotypisierung des gewaltbereiten Fans einerseits vorgegangen, andererseits politischer Druck aufgebaut werden, damit eine bundesweite Informationspflicht vorgeschrieben wird und auch Anwendung findet?

Da die meisten Speicherungen von den Landespolizeibehörden vorgenommen werden, sind hier vor allem die Länder in der Pflicht. In Bremen wurde unter grüner Regierungsbeteiligung beispielsweise ein sehr progressives Polizeigesetz beschlossen, das im September in Kraft tritt. Wenn Daten an Verbunddateien, also auch die DGS übermittelt werden, wird die betroffene Person automatisch informiert. Will die Bremer Polizei ein Stadionverbot anregen, muss sie künftig der betroffenen Person rechtliches Gehör geben, bevor sie die Daten an den Verein bzw. DFB übermitteln darf. Eine ähnliche Regelung gibt es in Bezug auf Datenübermittlungen ins Nicht-EU-Ausland, dies ist etwa vor Europacup-Spielen interessant. Das sollte Vorbildcharakter für andere Bundesländer haben!

Sie sprechen von den Landespolizeibehörden. Wie sieht es mit der Bundespolizei aus?


Meine letzte Anfrage an die Bundesregierung hat ergeben, dass die Bundespolizei die Möglichkeit hat, Betroffene unmittelbar über eine Speicherung in der Datei "Gewalttäter Sport" zu informieren, nutzt diese aber nicht. Man muss also davon ausgehen, dass es politisch nicht gewollt ist, hier Transparenz herzustellen. Den Bundespolizeidirektionen die Information der Betroffenen freizustellen reicht nicht, es braucht eine Informationspflicht für alle einspeichernden Behörden, wie sie etwa in Bremen gilt. Da ist das Bundesinnenministerium in Hinblick auf die Bundespolizei gefordert.

Wie sehen Sie die Einführung von personalisierten Tickets? Wird dabei die Kritik an der Datenmasse nicht torpediert und somit unterstellt, dass alle Menschen, die zum Fußball gehen, per se zu Gewalt neigen?

Ich halte nichts von personalisierten Tickets. Die Fankultur wird dadurch eingeschränkt: Spontane Spielbesuche oder die Weitergabe einer Karte werden so fast unmöglich gemacht. Außerdem ist die Erhebung personalisierter Daten immer ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und benötigt eine besondere Rechtfertigung. Diese besteht beispielsweise zur Kontaktnachverfolgung während der Corona-Pandemie. Diese Einschränkungen, die während der Pandemie nötig sind, müssen aber, sobald nicht mehr nötig, wieder zurückgenommen werden.“

Mehr zum Thema

Wie lautet Ihr derzeitiges Fazit zu der Debatte?

Es ist absurd, dass der sächsische Innenminister Wöller seine Forderung nach personalisierten Tickets mit den Ausschreitungen rund um das Spiel von Dynamo Dresden am 16. Mai begründet. Es handelte sich hierbei um Ausschreitungen vor dem Stadion. Personalisierte Tickets hätten diese nicht verhindern können. Es muss verhindert werden, dass solche Ereignisse oder die Pandemie dafür genutzt werden, den „gläsernen Fußballfan“ zu schaffen.

Kann die Debatte um die Regenbogenflagge zum Spiel Deutschland gegen Ungarn gesamtgesellschaftlich dazu führen, dass sich mehr Menschen mit dem Verhältnis Fußball und Politik auseinandersetzen?

Unbedingt, ja. Plötzlich haben sich ganz viele Menschen, die sich sonst vermutlich eher wenig für Fußball und LSBTI-Themen interessieren, damit befasst. Von vielen, insbesondere konservativen, Politikerinnen und Politkern, die dann mit Regenbogen-Fahne posierten, hätte ich mir aber auch den Einsatz für LSBTI hierzulande gewünscht, etwa bei den Abstimmungen zur Ehe für alle und zum Selbstbestimmungsgesetz. Das hatte teils schon etwas Heuchlerisches. Die UEFA hat sich mit dem Verbot der Regenbogen-Beleuchtung des Münchener Stadions und dessen absurder Begründung ein Eigentor geschossen und die eigenen Image-Kampagnen ad absurdum geführt. Die dadurch europaweit losgetretene Solidaritätswelle hat ja durchaus etwas bewegt, immerhin reagiert nun auch die EU-Kommission auf das LSBTI-feindliche ungarische Gesetz. Sport ist immer auch politisch. Der Einsatz für Menschenrechte und demokratische Werte darf nicht sanktioniert werden.

Was heißt das für den deutschen (Profi-)Fußball?

Anzeige

Im deutschen Profifußball der Männer, der teils immer noch von antiquierten Männlichkeitsbildern geprägt ist, gibt es immer noch keinen offen homosexuell lebenden aktiven Spieler. Aber auch hier tut sich etwas: Bei den meisten Vereinen gibt es queere Fanklubs, es gibt Fanbündnisse, wie die "Fußballfans gegen Homophobie", Choreografien der aktiven Fanszenen gegen LSBTI-Feindlichkeit und der DFB hat jüngst eine Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt mit dem LSVD eingerichtet. Hier ist durchaus etwas in Bewegung.