10. September 2020 / 09:02 Uhr

Motorradpilot Finsterbusch: „Prestigeträchtigstes Rennen gewonnen – echtes Highlight"

Motorradpilot Finsterbusch: „Prestigeträchtigstes Rennen gewonnen – echtes Highlight"

Johannes David
Leipziger Volkszeitung
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Toni Finsterbusch behält auch in der Dunkelheit den Durchblick und führt sein Team zum Sieg. © highsidePR
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Bei Tag, Nacht und Wetterunbilden: Der Motorradrennfahrer Toni Finsterbusch hat im SPORTBUZZER-Interview über seinen Erfolg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans gesprochen. Außerdem erklärte der 27-Jährige, warum nichts aus dem WM-Titel wird.

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Leipzig. Das bekannteste 24-Stunden-Rennen der Welt hat Toni Finsterbusch an der Seite von Lucy Glöckner und Stefan Kerschbaumer gerade gewonnen. Für den Motorradfahrer aus Hohenossig war der Ritt auf der legendären Strecke von Le Mans das erste Langstreckenrennen überhaupt. Dennoch hat sein Team Gert56 keine Chance mehr auf den Weltmeisterschaftstitel in der Superstock-Klasse. Das letzte Rennen wurde kurzfristig verlegt, weswegen Finsterbusch und Co. nicht dabei sein werden. Im Interview spricht der 27-Jährige über Talent, Kaffeekonsum, die Gefahren der Nacht und warum ihm die WM gar nicht so wichtig ist.

Sie haben bei Ihrer Premiere gleich gewonnen. Nennt man das Naturtalent?

Na ja, ich bin einfach meinen Stiefel runtergefahren. Das konnte ich schon immer gut. Ich habe schnell meinen Rhythmus gefunden, nicht übertrieben gepusht, um keine Fehler zu machen. Überholmanöver muss man sich bei solchen Rennen gut überlegen In den letzten Runden bin ich dann nur noch ein bisschen rumgerollt und wollte, dass es zu Ende ist. Zum Glück ging es den anderen genauso.

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So eng ist das Feld in Le Mans nur am Start und während der Safety-Car-Phasen zusammen. © highsidePR

Klingt nach falscher Bescheidenheit, so ohne jegliche Erfahrung auf diesem Gebiet …

Am Ende ist es auch nur ein Motorrad, zwei Räder und ein Gasgriff, viel mehr brauchst du nicht. Zudem ist die Maschine immer ein Kompromiss, weil mehrere Fahrer damit zurecht kommen müssen. Deswegen fiel mir die Umstellung auch nicht schwer. Am Ende ist es ein Teamsport und ich habe versucht, mich möglichst gut einzufügen.

Trotzdem: Hätten Sie gedacht, dass es bei Ihrer Premiere gleich derart gut läuft?

Um unsere Podestchancen wussten wir von Anfang an. Und dann sind wir ohne jegliche Fehler durchgekommen, trotz der schwierigen Bedingungen. Die Konkurrenz war zwar im Trockenen pro Runde eine halbe Sekunde schneller, aber das haben wir im Regen und mit Konstanz wettgemacht.

Wie viel Kaffee haben Sie eigentlich während des Rennens getrunken?

Tatsächlich nur einen. Ich habe zwischendurch lieber Wasser getrunken, weil man natürlich schwitzt und auf der Strecke extrem viel Flüssigkeit verliert. Irgendwann schlägt trotzdem die Müdigkeit durch. Zwischen drei und sechs Uhr morgens hatte ich ein Tief. Da wollte ich nur noch schlafen und mir tat alles weh. Aber sobald ich auf der Maschine saß, war das wie weggeblasen. Ich war selbst erstaunt.

Sie haben gleich die ersten Runden übernommen, sind zweieinhalb Stunden am Stück gefahren? Wie hält man das durch?

Das war ja glücklicherweise ganz am Anfang, ich war noch fit. Es gab eher das Problem, dass es bitterkalt war und wir zwölf Runden lang hinter dem Safety-Car herfahren mussten. Ich habe nur gedacht: „Mein Gott, so viele Runden im Regen, hoffentlich machst du keinen Fehler!“ Aber dann ging es erstaunlich gut, ich habe sogar einige Werksmotorräder überholt. Das war ziemlich cool.

Als Sie das nächste Mal übernommen haben, war es schon stockfinster. Wie geht man mit diesen Bedingungen um?

Die Sicht ist natürlich ein bisschen anders. Man muss sich Orientierungspunkte neben der Strecke suchen, um den richtigen Bremspunkt zu erwischen. Sonst sucht man nach Besonderheiten auf dem Asphalt, die man im Dunkeln einfach nicht mehr erkennt. Die nassen Flecken auf der Strecke hat man nachts extrem schlecht gesehen und auch das Scheinwerferlicht von Fahrern hinter einem irritiert schon. Trotzdem habe ich mich von Anfang an wohlgefühlt und die Zeiten waren auch genauso gut wie tagsüber.

Also doch ein Naturtalent...

Na ja, dass der Speed da ist, wusste ich von Anfang an. Und im Gegensatz zur Konkurrenz haben wir uns eben auch keine Stürze erlaubt. Unser schlimmster Schaden war eine abgebrochene Fußraste. Da gehört sicher auch ein bisschen Glück dazu.

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Wenn Sie schon keinen Kaffee getrunken haben, konnten Sie in den Pausen zwischendurch wenigstens etwas schlafen?

Ich hab’ mich immer mal ’ne halbe Stunde hingelegt und die Augen zugemacht, aber schlafen kann man das nicht nennen. Immerhin hatten wir einen Physiotherapeuten dabei, der Hand anlegen konnte, wenn es irgendwo gezwickt hat.

Kann man sich während des Rennens mit den Teamkollegen austauschen?

Das sind immer nur ganz kurze Gespräche, vielleicht zehn Sekunden, während man das Motorrad übergibt, dann erzählt man ganz kurz, wie die Maschine läuft, wo man aufpassen muss. Mehr ist nicht drin.

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Toni Finsterbusch mit Teamchef Karsten Wolf und den Fahrern Lucy Glöckner und Stefan Kerschbaumer (v.l.) auf dem Podest. © highsidePR

Wie waren die Momente, nachdem der Sieg feststand?

Am Anfang und vor allem auf dem Podium war ich natürlich voller Adrenalin und aufgedreht. Danach habe ich von Sonntagabend bis Montagfrüh durchgeschlafen. Aber das war es wert. Wir haben das prestigeträchtigste Rennen gewonnen, ein echtes Highlight.

Auf den letzten WM-Lauf in Estoril verzichtet das Team trotzdem. Wieso eigentlich?

Der Termin wurde kurzfristig verlegt, unsere Mechaniker sind im Urlaub. Hinzu kommt die weite Anreise, ursprünglich sollte das Rennen ja in Bol d‘Or sein. Und weil wir in der Gesamtwertung 26 Punkte Rückstand haben, ist der Verzicht auch nicht so schlimm. Stattdessen werde ich wahrscheinlich das Rennen zur Internationalen Meisterschaft auf dem Hockenheimring fahren. Auch nicht übel.