10. November 2020 / 17:25 Uhr

Mountainbiker Mirko Schütze: Zwischen Titel und Schlüsselbeinbruch

Mountainbiker Mirko Schütze: Zwischen Titel und Schlüsselbeinbruch

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Immer am Anschlag: Ende Oktober gewann Mirko Schütze vom OSC Potsdam in den Wäldern zwischen Rhein und Mosel die deutsche Ü40-Meisterschaft.
Immer am Anschlag: Ende Oktober gewann Mirko Schütze vom OSC Potsdam in den Wäldern zwischen Rhein und Mosel die deutsche Ü40-Meisterschaft. © Privat
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Der deutsche Ü40-Meister betreibt für den OSC Potsdam einen Sport, der in Deutschland nicht alltäglich ist – beim Mountainbike-Orientierungsfahren geht es um mehr als nur Geschwindigkeit.

Wie es passiert ist, schildert Mirko Schütze detailliert. „Ich hatte gerade einen Riegel im Mund, es war nass und feucht, da ist mir das Vorderrad auf einem Holzbalken weggerutscht.“ Was der Mountainbike-Fahrer des OSC Potsdam einen „klassischen Trainingsunfall“ nennt, hatte böse Folgen. Der 48-Jährige brach sich das Schlüsselbein, das Telefonat mit dem SPORTBUZZER musste er im Krankenhaus führen. „Der Bruch war kompliziert“, erzählt Schütze also, dem die Ärzte Titanplatten einsetzten und ihm erstmal eine Pause verordneten. „14 Tage darf ich nicht aufs Rad“, sagt Schütze.

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Er trägt das Malheur, das ihm bei einer Trainingsfahrt rund um Potsdam passierte, mit Fassung. Immerhin ist Schütze erst gestürzt, als er den Höhepunkt des Jahres schon erfolgreich gemeistert hatte. Ende Oktober ist Schütze in den bergigen Wäldern Waldeschs, gelegen zwischen Rhein und Mosel, Deutscher MTBO-Meister in der Altersklasse Ü40 geworden. MTBO steht für: Mountainbike-Orientierungsfahren. In Deutschland ist MTBO nicht gerade Volkssport, verglichen jedenfalls mit anderen Ländern. „In Frankreich und den skandinavischen Gebieten kennt das jedes Kind, aber bei uns ist Orientierungsfahren ziemlich exotisch“, sagt Schütze, der die deutsche MTBO-Szene auf rund 200 Mitglieder schätzt.

Erstmal orientieren: Mit Hilfe dieser MTBO-Karte fuhr Mirko Schütze zum Titel.
Erstmal orientieren: Mit Hilfe dieser MTBO-Karte fuhr Mirko Schütze zum Titel. © Mirko Schütze

Dabei klingt das Prinzip recht simpel. In möglichst kurzer Zeit müssen MTBO-Fahrer von A nach B kommen und auf dem Weg von Start zu Ziel eben noch ein paar Orientierungspunkte, die sogenannten K-Punkte, anfahren. Das K steht für Kontrolle. Damit auch niemand schummelt, haben die Fahrer elektronische Chips dabei, die mit den K-Punkten interagieren, wenn die Stelle angefahren wurde. „Früher musste man die Chips noch reinstecken, neuerdings geht das auch kontaktlos“, erklärt Schütze.

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Aber mit Punkte an- und möglichst schnell die Strecke abfahren ist es beim MTBO noch nicht getan. Die entscheidende Herausforderung ist, die Strecke erstmal ausfindig zu machen. Zwar führen nicht alle Wege ins Ziel, aber viele. Und der direkteste ist nicht unbedingt der schnellste. „Manchmal ist es besser, die etwas längere Route zu wählen, weil die vielleicht weniger hügelig ist“, erklärt Schütze. „Und wenn das Gelände ruppiger ist, kann man die Hände schwerer vom Lenker nehmen, was die Energieaufnahme erschwert.“

Die Krux beim Mountainbike-Orientierungsfahren leitet sich vom Namen ab und liegt darin, die Orientierung zu behalten. Denn die verschiedenen Wege, die vom Start ins Ziel führen, sind nicht ausgewiesen. Mit einer ortsspezifischen Karte ausgestattet, müssen die Fahrer ihre Strecke selbst wählen, Handys sind theoretisch zwar erlaubt, in der Praxis aber unbrauchbar.

„Die Karte ist viel besser als ein Handy, weil viele Pfade sehr detailliert eingezeichnet sind, die man im Handy gar nicht erkennt“, sagt Schütze, der als exzellenter Kartenleser gilt und genau weiß, worauf es ankommt: „Die Wahl, welche Route man nimmt, muss sehr schnell und gut getroffen werden. Danach sollte man möglichst selten anhalten, um die Karte zu checken – das kostet Zeit.“ Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle Wege denselben Zustand haben, vier Klassifizierungen gebe es, erklärt Schütze: „Sehr schlecht, schlecht, mittel, gut befahrbar.“

Mehr Radsport

Die perfekte Entscheidung unter Zeitdruck treffen, das schaffen die wenigsten so mühelos wie Schütze, dem mehrere Komponenten helfen. Von Kindesbeinen an übte er sich im Orientierungslaufen, weshalb ihm das Kartenlesen so leicht fällt. „Dinge wie ,einen halben Kilometer noch fahren, dann rechts in den Talweg rein’ denkt man sich während eines Wettkampfs“, sagt Schütze, der nicht nur navigieren, sondern auch fest strampeln kann. „Bis zu meinem Bruch bin ich wirklich fit gewesen, da hilft mir das Radsporttraining beim OSC.“

Den Beleg erbrachte er bei den deutschen Meisterschaften in Waldesch, wo er die Konkurrenz deklassierte und mit großem Vorsprung das Ziel der rund 22 Kilometer (Luftlinie) langen Strecke erreichte. „Je nach Gelände und Kurswahl fährt man rund ein Drittel länger“, erklärt Schütze, der die Fahrt durch die herbstlichen Wälder im Rhein-Mosel-Tal sehr genoss. „Die Höhenkomponente kann man in Brandenburg allerdings schlecht trainieren.“

Mit einem sogenannten Mountainbike-Crosscountry klettert Schütze durch die Berge und rast die Hänge auf 32 Millimeter dicken Reifen hinab. Allzu komfortabel ist das nicht, Schützes Mountainbike hat keine Vollfederung. Gerade mal rund acht Kilogramm wiegen diese Modelle, für die Spitzenfahrer zwischen 4000 und 8000 Euro investieren.


Die Räder beim Modell des deutschen Ü40-Meisters stehen nun erstmal still, mit einem gebrochenen Schlüsselbein fährt es sich eben nicht so flott wie gewünscht. Für das kommende Jahr mindert der Unfall die Ambitionen aber kaum. Ende April plant Schütze, sofern Corona will, einen Trip durch den Harz, wo der Auftakt zu den Deutschland-Cup-Rennen ansteht, „der nächste Höhepunkt“. Dann will der Meister der Karten wieder bereit sein.