18. April 2021 / 19:30 Uhr

MSV Neuruppin-Trainer Henry Bloch: "Der Verein wird aus Fehlern gelernt haben"

MSV Neuruppin-Trainer Henry Bloch: "Der Verein wird aus Fehlern gelernt haben"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Nachdem feststand, dass der MSV das Startrecht für die Oberliga erhält, kramte Henry Bloch das Aufstiegsshirt von 2001 aus dem Kleiderschrank.
Nachdem feststand, dass der MSV das Startrecht für die Oberliga erhält, kramte Henry Bloch das Aufstiegsshirt von 2001 aus dem Kleiderschrank. © Böttcher, Privat
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Brandenburgliga: Der MSV Neuruppin spielt in der Saison 2021/22 unter dem Dach des NOFV – Trainer Henry Bloch erinnert sich an Oberliga-Erlebnisse als Kicker und will sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen.

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Am Freitagabend dürften in der Fontanestadt so einige Sektkorken geknallt haben. Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) hat auf seiner Präsidiumssitzung über die Wertung der Saison 2020/21 entschieden. Der seit November ruhende Spielbetrieb wurde offiziell abgebrochen, außerdem soll es Aufsteiger in die Oberligen geben. Ein Nutznießer davon ist der MSV Neuruppin, der erstmals seit 14 Jahren wieder überregional vertreten sein wird. Über Fünftklassigkeit im Volksparkstadion, die Fairness der NOFV-Entscheidung, mögliche Aktivitäten auf dem Transfermarkt und seine eigene Zukunft sprach Trainer Henry Bloch im SPORTBUZZER-Interview am Samstagmittag.

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Herr Bloch, sind Sie verkatert und müde oder fit und ausgeschlafen?

Henry Bloch: Selbstverständlich Letzteres, da bin ich professionell.

Von Christian Schreier bis Henry Bloch: Die Trainer des MSV Neuruppin seit 2002

Detlef Zimmer führte den MSV Neuruppin (M.) 2002 in die Oberliga. Bei der Aufstiegsfeier auf dem Balkon des Neuruppiner Stadions war neben Stadtwerkechef Dietmar Lenz l.) auch sein Nachfolger Jens Dreschler (r.) an seiner Seite. Auch der derzeitige Trainer Henry Bloch (2. v.l.) spielte seinerzeit in der Mannschaft. Zur Galerie
Detlef Zimmer führte den MSV Neuruppin (M.) 2002 in die Oberliga. Bei der Aufstiegsfeier auf dem Balkon des Neuruppiner Stadions war neben Stadtwerkechef Dietmar Lenz l.) auch sein Nachfolger Jens Dreschler (r.) an seiner Seite. Auch der derzeitige Trainer Henry Bloch (2. v.l.) spielte seinerzeit in der Mannschaft. © Peter Geisler

Wurde also am Freitagabend im Hause Bloch nicht angestoßen?

Doch, doch. Mit meiner Frau habe ich eine gute Flasche Wein aufgemacht, entsprechend der Corona-Regeln erreichten mich die meisten Glückwünsche aber per Nachricht oder Telefonat.

Der MSV Neuruppin spielt in der Saison 2021/22 in der Fußball-Oberliga. Was löst das in Ihnen aus?

Große Freude natürlich. Ich habe die letzten Jahre Revue passieren lassen, 2017 bin ich als Trainer des MSV Neuruppin mit dem Ziel angetreten, eine Mannschaft zusammenzustellen, die in drei, vier Jahren das Zeug hat, aufzusteigen. Worten haben wir Taten folgen lassen, auch wenn dieser Erfolg auf sportlichem Wege geplant war. Wir haben im Sommer bewusst den Druck erhöht, klar kommuniziert, dass wir bis zum Ende um die Meisterschaft mitspielen wollen. Dafür haben wir auch den Kader zusammengestellt, ich hatte großes Vertrauen in die Jungs.

Wie und durch wen haben Sie am Freitag davon erfahren?

Eigentlich habe ich darauf gewartet, dass mich Stefan Prüfer (Abteilungsleiter, Anm. d. Red.) anruft. Als das der Fall war, hatte ich aber bereits mehrere verpasste Anrufe und Nachrichten auf dem Handy. Es scheint, als gäbe es viele gut informierte Kreise.

Sieben von angesetzten 32 Partien hat der MSV in der abgebrochenen Brandenburgliga-Spielzeit absolviert – fünf Siege, ein Remis und eine Niederlage genügten, um im nächsten Jahr eine Etage höher um Punkte zu kämpfen. Ist das fair?

Ich habe es schon einmal betont: Wir haben uns das ja auch nicht ausgesucht. Alle Teams hatten einen normalen Saisonstart und andere Mannschaften hätten in dem Zeitraum bis zur Unterbrechung auch mehr Punkte holen können. Ein schlechtes Gewissen muss man mir nicht einreden. Das ist zwar rein hypothetisch, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht einfach gewesen wäre, den MSV Neuruppin zu schlagen. Außerdem hat sich meine Mannschaft diese Situation auch erspielt – in Lübben, Frankfurt, Altlüdersdorf und Klosterfelde muss man erstmal bestehen, auch Werder besiegt nicht jeder. Unser Saisonstart war super, kein Glück.

Haben Sie eine ausgeprägte Vorstellungskraft?

Ich würde mich schon als Kopfmensch bezeichnen, ja.

Dann stellen Sie sich mal folgendes Szenario vor: Die Saison 2021/22 wird wegen der Corona-Pandemie abgebrochen, ihre Mannschaft hat neun Partien absolviert und ist Letzter der Oberliga. Der NOFV beschließt, dass das Tabellenschlusslicht – in diesem Fall der MSV Neuruppin – absteigen muss. Wie würden Sie da reagieren?

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Natürlich mit großer Enttäuschung. Nach zwei abgebrochenen Spielzeiten, in denen jeweils eine Wertung vollzogen wurde, haben wir dieses Szenario auch im Kopf. Die Spielordnung besagt ja, dass es theoretisch so kommen kann, wir spielen nun einmal nach bestimmten Regeln.

Können Sie nachvollziehen, dass man beim BSC Süd 05, der nach neun Spielen als Letzter aus der Oberliga absteigen muss, fassungslos ist und sich rechtlichen Beistand holt?

Klar, wir leben im Rechtsstaat und unterschiedliche Auffassungen muss dann eben ein Dritter bewerten – ob es dann einem gefällt oder nicht. Weil ich in diesem Fall jedoch nichts beeinflussen kann, fehlt mir die Emotion. Dass der BSC Süd alles versucht, ist nachvollziehbar und war zu erwarten. In solch eine Situation will man nicht kommen.

Aktuelles aus Brandenburg

Erstmals seit 14 Jahren, seit der Spielzeit 2006/2007, ist der Märkische Sportverein wieder überregional vertreten. Sie haben den MSV 2001 als Kapitän in die damals noch viertklassige Oberliga geführt – welche Erinnerungen kommen da hoch?

Unglaublich positive natürlich. Dort wurden Zuschauerrekorde gebrochen, ich erinnere mich an Flutlichtduelle gegen den BFC Dynamo oder Tennis Borussia vor über 2000 Fans im Volksparkstadion. Mir fallen etliche Anekdoten ein.

Bitteschön.

Es ging ja schon am letzten Spieltag der Verbandsliga los. Stahl Brandenburg hätte uns mit sieben Toren Unterschied schlagen müssen, um uns noch von der Spitze zu verdrängen, letztlich haben wir 6:2 gewonnen und mit etwa 850 Anhängern aus Neuruppin im Stadion am Quenz gefeiert. Danach gab es wenig Urlaub, weil die Oberliga früh begann. Wir waren euphorisch, wurden aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Das erste Punktspiel gegen Süd 05 verloren wir 0:1, danach wurden wir in Reinickendorf in der zweiten Halbzeit vorgeführt – Endstand 0:3. Ich weiß noch, dass sich das Magazin Fußball-Woche einige Seitenhiebe nicht verkneifen konnte. Wir haben uns dann aber zurechtgefunden, sieben oder acht Spiele in Serie nicht verloren.

Nach erfolgreichen Jahren meldete der Verein am 27. Juni 2007 Insolvenz an – jene Zeit ist gleichbedeutend mit dem dunkelsten Kapitel in der Geschichte des MSV Neuruppin. Um in die Oberliga zu kommen und dort auch Fuß zu fassen, muss Geld investiert werden. Wie gefährlich ist das und was stimmt Sie positiv, dass sich Geschichte nicht wiederholt?

Der Verein wird aus Fehlern gelernt haben, der heutige Vorstand ist ohnehin neu aufgestellt. Das war eine völlig andere Zeit und es ist ganz klar, dass es so etwas nicht noch einmal geben kann. Damals waren die Stadtwerke der große Geldgeber, heute gibt es eine klare Vorgabe vom Vorstand, was überhaupt möglich ist. Man sieht es ja an den Transfers der letzten Jahre, dass wir junge Talente für uns gewinnen wollen, keine fertigen Spieler oder 20 Profis wie damals. Diesen Weg wollen wir beibehalten – nur mit 18-Jährigen in der Oberliga zu bestehen, wird aber schwer, das ist auch klar.

Bis das Abenteuer Fünftklassigkeit startet, vergehen noch einige Monate. Nutzt man die Zeit, um auf dem Transfermarkt aktiv zu werden?

Wir werden in den nächsten Tagen in die Kaderplanung gehen, das Gros der Mannschaft wird sich nicht verändern und es gibt auch viele Jungs, denen wir zutrauen, in der Oberliga mitzumischen. Vom Hörensagen wollen alle Jungs bleiben, lediglich Lukas Japs geht nach Neustadt, was absolut fair kommuniziert wurde. Bemerkenswert ist, dass wir einige A-Junioren mit in den Kader ziehen werden, unsere Philosophie bleibt gleich. Externe Verstärkungen oder Spieler mit Erfahrung will ich aber nicht ausschließen.

Der Großteil der künftigen Gegner kommt aus Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Auf welche Duell freuen Sie sich am meisten?

Erstmal ist generell die Vorfreude auf das höhere Niveau riesig. Es freut mich auch für die gestandenen Spieler wie Kevin Blumenthal oder Marcus Lemke, die sich den Oberliga-Traum endlich erfüllen konnten. Wir lernen neue Vereine und ein paar neue Stadien und Sportanlagen kennen, das Duell mit dem RSV Eintracht um Trainer Patrick Hinze wird sicher interessant. Und bei Hertha 03 Zehlendorf habe ich als A-Jugendlicher gespielt. Zu euphorisch will ich aber nicht sein, wir können uns alle glücklich schätzen, wenn wir wirklich drei Drittel einer Saison absolvieren dürfen.

Ist der MSV als Oberligist nun automatisch Mitfavorit auf den Landespokal-Titel?

Naja, Mitfavorit wäre wohl übertrieben. Brandenburg hat fünf Regionalligisten, als Oberligist gehört man vom Papier her somit zu den vermeintlich besten Teams. Ich sage aber immer wieder, dass in einem Spiel alles möglich ist.

Die Fontanestadt hat etwa gleich viele Einwohner wie Fürstenwalde und ist größer als Rathenow, Luckenwalde, Auerbach, Meuselwitz oder Eilenburg. Ist Neuruppin demnach auch ein geeigneter Regionalliga-Standort?

Vom Umfeld, dem Stadion und der Schönheit der Stadt her auf alle Fälle. Für die Regionalliga muss dann aber nicht nur das Budget stimmen, da müssen auch wirklich alle an einem Strang ziehen. Wir tun gut daran, uns in der Oberliga zu etablieren – alles weitere wird die Zukunft zeigen.

Die bestreitet der MSV mit Henry Bloch als Trainer an der Seitenlinie?

Ohne dem Sportlichen Leiter da vorgreifen zu wollen, denke ich schon, dass sich der Vertrag mit dem Sprung in die Oberliga verlängert. (lacht)