25. August 2019 / 10:58 Uhr

MT Melsungen: Großangriff aus der Provinz auf die Handball-Bundesliga

MT Melsungen: Großangriff aus der Provinz auf die Handball-Bundesliga

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Finn Lemke, Julius Kühn, Kai Häfner, Tobias Reichmann und Silvio Heinevetter sind die fünf deutschen Nationalspieler bei der MT Melsungen.
Finn Lemke, Julius Kühn, Kai Häfner, Tobias Reichmann und Silvio Heinevetter sind die fünf deutschen Nationalspieler bei der MT Melsungen. © Getty / imago/Eibner
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Die MT Melsungen will in der Handball-Bundesliga mit vielen Nationalspielern die Großen in Bedrängnis bringen. Der SPORTBUZZER hat sich bei den Hessen umgeschaut.

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Finn Lemke ragt heraus aus dem kleinen Kreis, der sich um ihn gebildet hat. Gut 40 Fans sind von seinem Verein für ein kleines Grillfest an der Schulsporthalle in Melsungen eingeladen. Der eher zurückhaltende 2,10-Meter-Riese bedankt sich bei den Anhängern seiner MT Melsungen für die Unterstützung in der Handball-Bundesliga, schwört sie auf den Klub ein. Es ist beeindruckend, wie nah sich Fans und Profis hier sind. Die Profis haben Salate, Brot und Getränke für das Grillfest selbst mitgebracht.

In der nächsten Saison spielt dieser Klub aus der nordhessischen Provinz im EHF-Pokal, trifft auf Topklubs aus ganz Europa. Die nächste Stufe des „Masterplans“, wie Vorstand Axel Geerken es nennt, ist damit erklommen. Doch die „Vision“ sieht noch viel mehr vor. „Wir wollen uns in den Top 5 etablieren“, sagt Geerken.

In diesen Tagen haben die Bundesligisten die Sommerpause beendet. Überall wird auf den Saisonstart Ende August hintrainiert. In Melsungen wird – trotz vermeintlicher Provinzialität – besonders groß gedacht. Die Truppe, in der einst viele Tschechen und Griechen spielten, will mit deutschen Stars die Ligaspitze angreifen. Der THW Kiel, Meister Flensburg-Handewitt und die Rhein-Neckar Löwen sollen zittern.

Zeugnisse zur Handball-WM: Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik

Am Ende reichte es für die deutsche Mannschaft bei der Heim-WM nur zum vierten Platz. Doch Uwe Gensheimer, Andreas Wolff & Co. entfachten im ganzen Land eine Handball-Euphorie. Wie gut waren die deutschen Spieler wirklich? Das zeigt der <b>SPORT</b>BUZZER in der Gesamt-Einzelkritik. Zur Galerie
Am Ende reichte es für die deutsche Mannschaft bei der Heim-WM "nur" zum vierten Platz. Doch Uwe Gensheimer, Andreas Wolff & Co. entfachten im ganzen Land eine Handball-Euphorie. Wie gut waren die deutschen Spieler wirklich? Das zeigt der SPORTBUZZER in der Gesamt-Einzelkritik. ©
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Melsungen-Trainer Grimm: "Hier wird kontinuierlich etwas entwickelt"

„Hier wird kontinuierlich etwas entwickelt“, sagt Trainer Heiko Grimm. Er folgte 2018 auf den langjährigen Trainer Michael Roth und baut kräftig mit am Konstrukt MT.

Kapitän Lemke ist eine weitere Säule. Zusammen mit Julius Kühn, der mit der MT „nicht einer von vielen“ sein will, „sondern etwas Außergewöhnliches entwickeln“ möchte, und Tobias Reichmann kam er vor zwei Jahren nach Melsungen. Drei deutsche Nationalspieler in einem Sommer – das sorgte damals für Wirbel in der Handballszene. Nun hat es auch Kai Häfner von der TSV Hannover-Burgdorf in die hessische Provinz gezogen.

Melsungen "stolz" auf Heinevetter-Transfer

Aus dem Nationalmannschaftstrio wird somit ein Quartett. Im kommenden Jahr wird sich auch Silvio Heinevetter Melsungen anschließen. „Darauf sind wir stolz“, sagt Grimm. Heinevetters Freundin, Schauspielerin Simone Thomalla, war von dem Wechsel erst nicht so begeistert. „Ich kann nicht behaupten, dass mich das besonders glücklich macht“, sagte sie. „Unsere Homebase bleibt Berlin.“ Später ruderte sie zurück: „Wir werden das als Paar meistern, und auch ich wie jede andere Spielerfrau werde meinen Freund unterstützen und da sein, wann und wo es geht.“

Am Ende sorgte die kleine MT sogar für ein Rauschen in den Boulevardspalten der Republik. Heinevetter erzählte, dass der Klub um ihn gekämpft habe „wie um eine tolle Frau“. Von seinem Nochklub Füchse Berlin und dessen Manager Bob Hanning habe er dieses Vertrauen nicht gespürt. Hanning reagierte beleidigt. Es schloss sich eine von Thomalla über die sozialen Medien angefeuerte Debatte an.

Mehr zum Heinevetter-Wechsel

Spätestens mit Heinevetter will die MT ganz oben angreifen. „Der Sprung nach vorn ist ganz extrem. Diese Vereine sind uns Jahre voraus“, relativiert Grimm. Vor allem im Umfeld muss die MT aufholen. „Wir müssen unsere Abläufe optimieren.“ Kühn stellt klar: „Das Ziel sind die Top 5 – aber wir schielen nach oben. Irgendwann müssen wir aufhören zu reden und auch die entsprechenden Leistungen zeigen. Ich will hier um die Meisterschaft mitkämpfen und in der Champions League spielen.“ Auch sein Nationalmannschaftskollege Reichmann geht in die Offensive. „Wir sind kein Fallobst, sondern können größer denken“, sagt er.

Melsungen: Bundesligist hat nur 90 Minuten Hallenzeit

Groß denken – ausgerechnet im idyllischen Melsungen. In den Straßen der kleinen Stadt (knapp 14 000 Einwohner) südlich von Kassel zeugt kaum etwas davon, dass hier ein zukünftiger Riese des Handballs schlummert. Die Geschäftsstelle der MT versteckt sich in einer Seitenstraße, nur ein kleines Schild weist auf den Verein hin. Nach einem Trainingskomplex sucht man vergebens. Die Mannschaft des Bundesligisten trainiert – während im hinteren Bereich der Stadtsporthalle Jugendliche ihr Hochsprungtraining absolvieren. Nicht unüblich, wie Grimm verrät. „Wir haben exakt 90 Minuten Hallenzeit.“ Oftmals steht die nächste Mannschaft schon parat, wenn der ehemalige Nationalspieler noch etwas einstudieren will. „Dann gibt es kein Pardon, ich muss abbrechen.“

Deshalb träumt die MT von einer eigenen Trainingshalle. Und anders als bei anderen Vereinen wären solche Projekte zumindest finanziell darstellbar. Mit dem Pharmaunternehmen B. Braun steht ein potenter Sponsor hinter dem Klub. Allen voran Barbara Braun-Lüdicke, Vorsitzende des Aufsichtsrats, ist eine große Unterstützerin.

Die Macher der MT Melsungen: Sponsorin Barbara Braun-Lüdicke, die Vorstände Martin Lüdicke und Axel Geerken, sowie Trainer Heiko Grimm.
Die Macher der MT Melsungen: Sponsorin Barbara Braun-Lüdicke, die Vorstände Martin Lüdicke und Axel Geerken, sowie Trainer Heiko Grimm. © Stefan Döring

Ohne Großsponsor wäre der Melsungen-Masterplan nicht umsetzbar

Doch übers Knie brechen wollen sie es nicht in Melsungen. „Wir leisten uns, was wir uns leisten können. Wir wollen stetig wachsen“, sagt Braun-Lüdicke. Trainer Grimm will die MT nicht verstanden wissen als sponsorgeführten Verein: „Vielleicht gäbe es auch die finanzielle Möglichkeit, Meister zu werden. Aber wir wollen hier etwas kontinuierlich entwickeln.“ Dennoch ist klar: Ohne das Pharmaunternehmen als Großsponsor wäre der Masterplan der MT kaum umsetzbar. „Wir könnten auch ohne B. Braun – dann aber anders“, gibt Vorstand Geerken zu. Immerhin gut die Hälfte des 5-Millionen-Euro-Etats des Vereins kommt vom Konto des Pharmariesens.

Mit einem Mythos wollen die Verantwortlichen dennoch aufräumen: dass die Nationalspieler vor allem aufgrund des Geldes nach Melsungen wechseln. „Die verdienen teilweise weniger als vorher“, sagt Grimm, der es „gewohnt ist, aufs Geld zu achten“. Auch aus diesem Grund entwickeln sie bei der MT erfolgreich junge Talente. Im Nachwuchsleistungszentrum gibt es eine Jugend-WG. Die A- und B-Junioren sind Spitzenteams in ihren Bundesligen. Die meisten Spieler kommen aus der Umgebung.

Denn am Ende will die MT Melsungen – trotz großer Ambitionen – vor allem eines bleiben: bodenständig, familiär und emotional. „Wir sehen uns als regionalen Leuchtturm“, sagt Geerken.

Finn Lemke beim lockeren Grillabend mit Fans.
Finn Lemke beim lockeren Grillabend mit Fans. © Stefan Döring

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