08. Juni 2021 / 08:12 Uhr

Freiheit für die Kinder: So erobert der Nachwuchs in Engelbostel die Fußballplätze zurück

Freiheit für die Kinder: So erobert der Nachwuchs in Engelbostel die Fußballplätze zurück

Christoph Hage
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Endlich wieder: Beim Funino-Turnier in Engelbostel konnten Kinder endlich wieder frei aufspielen.
Endlich wieder: Beim Funino-Turnier in Engelbostel konnten Kinder endlich wieder frei aufspielen. © Kinsey
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Als erster Verein in der Region Hannover hat der MTV Engelbostel-Schulenburg 56 Mannschaften zu sechs Funino-Turnieren eingeladen. Mehr als acht Monate hat der Nachwuchs auf diesen Tag warten müssen. SPORTBUZZER-Redakteur Christoph Hage hat genau hingeschaut und beschreibt, wie die Kinder den Turnier-Auftakt erlebt haben.

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Erwachsene müssen schon genau hinschauen, um einen Blick in die Köpfe ihre Kinder zu erhaschen. Unsicher schauen sich ihre Kleinen auf der Anlage um. Natürlich wissen die Nachwuchskicker, warum sie hier sind: Der MTV Engelbostel-Schulenburg ist Vorreiter und hat als erster Verein überhaupt in der Region Hannover 56 Mannschaften zu sechs Funino-Turnieren eingeladen. Irgendwo tief drinnen ist da sicher auch ganz viel Vorfreude. Aber allein die Scharen von Menschen wirken irgendwie einschüchternd auf den Nachwuchs. Über ihnen ziehen dunkle Regenwolken hinweg, entfernt ist Gewittergrollen zu hören – was das Innenleben der Sieben- bis Elfjährigen ziemlich gut beschreibt.

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Mehr als acht Monate hat der Nachwuchs auf diesen Tag warten müssen. Seit knapp zwei Wochen dürfen sie auch im Training wieder mit der ganzen Mannschaft trainieren. Das allein wirkte schon befreiend – aber Spiele gegen Kinder, die sie nicht kennen, sind dann eben doch noch mal etwas anderes. So dauert es, bis eine gewisse Befangenheit von den Kindern abfällt. Und zu tröpfeln hat es mittlerweile auch angefangen.

Bilder vom Funino-Festival beim MTV Engelbostel:

Bilder vom Funino-Festival. Zur Galerie
Bilder vom Funino-Festival. ©

Kinder spielen befreit auf

Yul Wiegand, Funino-Koordinator beim MTV-Partnerverein FC St. Pauli, hatte Trainer und Eltern eingeimpft: „Wir wollen kein Playstation-Coaching.“ Gespielt wird acht Minuten, nach zwei Minuten Pause geht’s weiter. Auch Einwürfe oder Ecken gibt es bei dieser Variante mit zwei kleinen Toren und drei Spielern auf beiden Seiten nicht. „Der Ball wird eingeschossen oder eingedribbelt“, sagt Wiegand und betont: „Wir wollen aufmerksame Kinder belohnen.“



Der Regen ist mittlerweile stärker geworden, den Kindern hängen die Haare klitschnass im Gesicht, das Trikot klebt am Körper. Behindert sie das? Ganz im Gegenteil. Spätestens im zweiten Spiel haben sie sich freigeschwommen, sind wieder in ihrem Element, haben nur noch Augen für Ball, Mitspieler und gegnerisches Tor. Schließlich haben sie lange genug darauf warten müssen. „Irgendwann lassen sie los, denken nicht mehr nach“, sagt Oliver Busse aus dem Organisationsteam der unteren MTV-Jugend.

Ungewohnt auch für den Veranstalter MTV

Lange genug hat sich der Nachwuchs sein Leben von Corona diktieren lassen. Auch für den MTV waren die Turniere ein Neuanfang. „Seit März haben wir dieses Turnier geplant, es immer wieder nach hinten verschoben“, sagt Abteilungsleiter Maximilian Grabher. „Es ist ungewohnt, so viele Leute auf der Anlage zu haben.“ Knapp 600 Menschen waren es über den Tag verteilt. Masken tragen die wenigsten, getestet haben sich die meisten, auch wenn sie das seit dem Tag vor dem Turnier nicht mehr mussten. Allein daran ist abzulesen, dass in diesen Zeiten eben noch mehr Arbeit drinsteckt als sonst. „Das ist auch für den Gesamtverein schwierig gewesen“, sagt Grabher. Schwimmer, Handballer, Volleyballer, Turner, Tänzer, Petanque-Spieler – alle Abteilungen tummeln sich seit Wochen unter freiem Himmel auf den drei Rasenplätzen am Stadtweg. „Anfang April beim Individualtraining hast du verunsicherte, in sich gekehrte, übergewichtige Kinder gehabt“, sagt Jugendleiter Steven Deparade, „und jetzt blühen sie langsam wieder auf.“

Pokale, Urkunden oder Medaillen gibt es diesmal nicht – Ergebnisse sind maximal nebensächlich. Zu Beginn und zum Ende des Turniers versammeln sich die Mannschaften nebeneinander aufgereiht. „Wer hat alles ein Tor geschossen?“, fragt Wiegand nach den knapp 90 Minuten mit leicht angeschlagener Stimme. Alle Finger gehen nach oben. „Wer hat ein Tor vorbereitet?“ Alle Finger gehen nach oben. „Und wer hat alles ein Tor verhindert?“ Nicht mehr ganz so viele Finger sind zu sehen. Entscheidend ist aber die Antwort auf die vierte Frage: „Hattet ihr Spaß?“ Und das langgezogene „Jaaa“ schreien die Kinder – im krassen Gegensatz zur Begrüßung anderthalb Stunden zuvor – aus voller Kehle. Man muss genau hinsehen oder in diesem Fall hinhören. Der Regen hat aufgehört.