20. April 2020 / 17:17 Uhr

"Müssen für Abbruch kämpfen": Streit zwischen Vereinen und dem NFV entfacht

"Müssen für Abbruch kämpfen": Streit zwischen Vereinen und dem NFV entfacht

Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Trainer
Wollen einen Saisonabbruch: Jose Salguero (l.) vom SV Reislingen/Neuhaus und Ralf Ende vom MTV Gamsen.
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Der Niedersächsische Fußball-Verband plant, die Saison mindestens bis zum 15., vielleicht sogar bis zum 31. August zu pausieren. Dieser Vorschlag sorgt bei den Vereinen in den NFV-Kreisen Gifhorn und Wolfsburg auf SPORTBUZZER-Nachfrage für Empörung - der Streit zwischen Klubs und Verband ist entfacht.

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Nun könnte es richtig Ärger geben: Am Freitag hatten sich die 42 Kreisvorstände und das NFV-Präsidium in einer Videokonferenz getroffen, um über die Zukunft der Saison im Amateurfußball zu diskutieren. Dabei hatte der NFV-Kreis Gifhorn den Vorschlag gemacht, die Spielzeit bis Mitte oder gar bis Ende August einzufrieren - und das sorgt bei vielen Klubs für Unverständnis. Wie lange genau pausiert wird, "hängt von der Gesetzgebung ab", sagt Ralf Thomas, Vorsitzender des NFV-Kreises Gifhorn.

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Ab dem 1. September soll es spätestens weitergehen, bis Ende November soll die Saison dann bestenfalls beendet sein - auch eine erneute Verlängerung ist denkbar. Die neue Spielzeit könnte ab 1. Dezember in Turnier- oder Pokalform ausgetragen werden. Oder es wird nur eine Halbserie gespielt. Spieler- und Trainerwechsel würden erst nach Beendigung der Saison vollzogen werden, auch Kinder und Jugendliche blieben bis nach der Spielzeit in ihren Altersklassen. Eine Entscheidung wird am Mittwoch erwartet. Die Gifhorner haben ihre Klubs in einer Telefonkonferenz bereits nach der Meinung gefragt. "Bis auf drei Vereine haben alle zugestimmt", freut sich Thomas. Doch in Wirklichkeit sieht es anders aus: Keiner der befragten Klubs begrüßt die Idee.

Die Netzreaktionen zur NFV-Entscheidung im Amateurfußball (19. April)

Corona und der Fußball: Am 27. Juni entscheidet sich auf dem außerordentlichen Verbandstag des Niedersächsischen Fußballverbandes der Umgang mit der am 12. März abgebrochenen Saison 2019/2020. Zur Galerie
Corona und der Fußball: Am 27. Juni entscheidet sich auf dem außerordentlichen Verbandstag des Niedersächsischen Fußballverbandes der Umgang mit der am 12. März abgebrochenen Saison 2019/2020. ©

Michael Spies (Trainer des Oberligisten MTV Gifhorn): "Für mich ist es wichtig, eine Entscheidung zu finden, die möglichst vielen gerecht wird. Eigentlich bin ich ein Verfechter davon, eine Saison sportlich zu Ende zu bringen, aber es muss halt auch durchführbar sein. Dieser Vorschlag bringt viele Probleme mit sich. Wie ist es beispielsweise, wenn ein Spieler sagt, er spielt nach dem 30. Juni nicht mehr weiter. Dann verliert man Spieler, kann aber keine neuen holen. Zudem weiß man nicht, was mit der neuen Saison passiert. Und wie sieht es in der Regionalliga aus, in der es ähnlich laufen könnte. Die 1. bis 3. Liga starten ihre neue Saison vielleicht wie gewohnt, was ist dann mit den Aufsteigern aus den Regionalligen? Die können ja nicht verspätet dazukommen. Es gibt viele offene Fragen."

Giampiero Buonocore (Trainer des Landesligisten Lupo/Martini Wolfsburg): "Für mich ist das Quatsch. Dann müsste man garantieren, dass die Vereine die Saison mit den selben Mannschaften zu Ende spielen - aber was ist mit Studenten oder Spielern, die sich beruflich verändern und umziehen und nicht mehr dabei sind? Das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Die beste Lösung für mich wäre, die Ligen mit Aufsteigern aufzustocken, vielleicht auf mehrere Staffeln zu wechseln. Dann würde man den Teams in Sachen Auswärtsfahrten entgegenkommen - wenn sie nicht so weit fahren müssten, wäre es finanziell besser zu verkraften. Es muss eine einheitliche Lösung her, die auch sicherstellt, dass die Folgesaison gespielt werden kann."


Georgios Palanis (Trainer des Landesligisten SSV Kästorf): "Für mich sollte die Saison abgebrochen werden, so dass man ab dem 1. September mit einer neuen starten kann. Wenn man den Vorschlag des NFV nehmen würde, hätten Spieler, die ab Sommer in der A-Jugend spielen würden, möglicherweise nur ein Jahr dort. Das halte ich als Vorbereitung auf den Herrenbereich für dramatisch. Außerdem weiß ja niemand, wie es dann genau ab dem 1. Dezember weitergeht, wenn man es überhaupt schafft, die Saison bis Ende November zu beenden. Die Zeit bis September zu überbrücken, ist ohnehin zum Kotzen, wobei die Gesundheit natürlich an erster Stelle steht. Ich finde es aber viel zu weit im Voraus geplant. Man sollte die Saison abbrechen und die Hinrundentabelle werten, da haben alle Vereine einmal gegeneinander gespielt."

Jose Salguero (Trainer des Landesligisten SV Reislingen/Neuhaus): "Ich halte den Vorschlag des NFV für schwierig. Viele Spieler haben sich schon für einen Wechsel entschieden, vielleicht sogar aus beruflichen Gründen oder wegen des Studiums. Wenn wir wirklich ab September weiterspielen, dürfen niemandem Steine in den Weg gelegt werden. Mich selbst betrifft es ja auch, ich höre zum 30. Juni auf jeden Fall auf. Ich habe ab 1. Juli etwas anderes geplant. Es sollte viel mehr auf die Vereine gehört werden und deren Meinungen sollten dann auch in die Entscheidungsfindung einfließen. Man sollte die Saison abbrechen und dafür sorgen, dass es nur Aufsteiger und keine Absteiger gibt."

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Ralf Ende (Trainer des Bezirksligisten MTV Gamsen): "Ich bin sehr verwundert, wie vom NFV so ein Vorschlag kommen kann, wenn vorher schon die Mehrheit für einen Abbruch war. Außerdem finde ich, würde man viel zu früh handeln. Ich halte die Idee für problematisch, man kann nicht wirklich planen. Wir haben schon mit A-Jugendlichen gesprochen, alles hängt in der Luft. Ich wäre dafür, die Saison abzubrechen. Wir sind zwar Letzter, aber mir geht's gar nicht darum, dass wir durch einen Abbruch in der Liga bleiben würden. Wenn es Auf- und Absteiger gibt, dann sind wir eben abgestiegen. Ab dem 1. September könnte man dann die neue Saison starten. Aber durch eine Fortsetzung schaffen wir viel mehr Probleme. Ich weiß, dass es um viel Geld geht, aber gerade jetzt könnte der DFB mal ein Zeichen setzen, indem er die Gelder trotzdem zahlt. Es ist ohnehin schwer, Spieler zu bekommen. In der Telefonkonferenz wurde direkt gesagt, dass ein Abbruch nicht infrage kommt. Aber wir müssen weiter für den Abbruch kämpfen. Wir sind ein demokratisches Land, dann soll es doch eine Umfrage mit allen Vereinen geben. Die Lösung, die dann die meisten Stimmen erhält, wird umgesetzt."

Mohammed Rezzoug (Trainer des Bezirksligisten 1. FC Wolfsburg): "Ich finde den Vorschlag überhaupt nicht gut. Einen Saison nach neun Monaten fortzuführen, um dann die folgende in einer Turnier-Form oder Kurzform zu beginnen. Warum so kompliziert? Jeder mit dem ich spreche ist für einen Abbruch. Der, der Erster ist, hat es verdient, weil er zu diesem Zeitpunkt das beste Team der Liga ist und soll aufsteigen. Im September dann neu beginnen, mit einer etwas größeren Liga und mehr Absteigern. Es gibt Jungs, die sich verändern wollen. Es gibt welche, die beruflich weggehen oder umziehen, weil Sie nur bis Ende Juni Beschäftigungen in Wolfsburg haben. Es gibt da viele Aspekte. Ich denke, dass die Jungs diejenigen sind, die Spielen und das Amateurdasein verkörpern. Sie sind diejenigen, die noch Lust an der ganze Sache haben. Warum fragt man nicht die Spieler?"

Lars Ebeling (Trainer des VfB Fallersleben): "Keine Lösung wird alle zufriedenstellen. Aber ich wäre dafür, die Saison abzubrechen und die Hinrundentabelle zu werten - nur mit Aufsteigern. Es wäre das sinnvollste, die Ligen aufzustocken. Was Wechsel angeht, sind wir zum Glück nur wenig betroffen, aber man könnte dann noch eine Wechselperiode im Sommer einschieben, sollte man die Saison tatsächlich fortsetzen. Ein anderes Problem sind die Kinder und Jugendlichen. Dort verliert man ganz viele Spieler, wenn man jetzt ein halbes Jahr lang gar nicht spielt."

Phillip Molkentin (scheidender Trainer des Wolfsburger Kreisligisten TSV Heiligendorf): "Wir haben noch nicht entschieden, ob ich die Saison auch bis November zu Ende bringe, da werden wir uns noch zusammensetzen. Ich finde die Situation schwierig, würde nie entscheiden wollen. Persönlich hätte ich die Hinrunde gewertet - ob es im September tatsächlich weitergehen kann, ist ja noch nicht sicher. Für uns ist die Lage ja nicht so extrem, wir stehen in der Tabelle jenseits von Gut und Böse. Aber was ist mit Abgängen, die eigentlich im Sommer weg sein wollten? Die kommen dann in die Vereine zurück, obwohl jeder weiß, dass sie gehen. Fest steht: Man kann es nie allen recht machen. Meinen Abschied hätte ich mir aber anders gewünscht."

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0, 18+1 und 121: Die kuriosesten Trikotnummern im Weltfußball

Bixente Lizarazu
 (von links) mit der Rückennummer 69 beim FC Bayern, Jens Lehmann trägt als Torhüter der deutschen Nationalmannschaft die 9 und Ivan Zamorano weicht bei Inter Mailand auf die 1+8 aus. Der SPORTBUZZER präsentiert die kuriosesten Trikot-Nummern im Weltfußball.  Zur Galerie
Bixente Lizarazu (von links) mit der Rückennummer 69 beim FC Bayern, Jens Lehmann trägt als Torhüter der deutschen Nationalmannschaft die 9 und Ivan Zamorano weicht bei Inter Mailand auf die 1+8 aus. Der SPORTBUZZER präsentiert die kuriosesten Trikot-Nummern im Weltfußball.  ©

Kenny Hülsebusch (Trainer des Wolfsburger Kreisligisten WSV Wendschott): "Zunächst waren wir für eine sportliche Lösung. Aber die Pause hat sich deutlicher verlängert, als zuerst gedacht. Jetzt muss ein Cut her. Eines der Hauptprobleme sind doch die Spielerwechsel. Uns betrifft es zwar nicht, aber was sollen denn Vereine machen, die berufs- oder studienbedingt Spieler im Sommer verlieren? Was tun, wenn in der Folge sogar Punktabzüge und Geldstrafen für Nichtantritte drohen? Sollte sich die laufende Saison sogar bis zum Sommer 2021 strecken, macht dies das Problem noch größer. Meiner Meinung nach muss eine bundesweite Lösung her, die Landesverbände sollten sich einig sein. Also, jetzt einen Schlussstrich unter die Saison ziehen, dann in Ruhe entscheiden, wie man Auf- und Abstiegsfragen klärt."

Toni Renelli (Trainer des Wolfsburger Kreisligisten TSV Ehmen): "Der Verband hätte meinetwegen noch zwei, drei Wochen warten können, um zu sehen, wie sich die Lockerungen auf die Zahl der Neuinfizierten auswirkt, was dann auch im Fußball absehbar vielleicht möglich gewesen wäre. Vielleicht hätten wir unsere Saison sogar noch in englischen Wochen zu Ende bringen können. Doch jetzt platzt die Bombe, im Nachgang werden die Vereine gefragt. Wenn es so kommt wie angedacht, was machen dann Vereine, die im Sommer Spieler verlieren, die beispielsweise umziehen müssen? Daran könnten Mannschaften kaputtgehen. Dann lieber jetzt einen Cut machen! Im Profi-Eishockey war es doch auch möglich."

Sven Schubert (Trainer des Wolfsburger Kreisligisten SV Barnstorf): "Um vernünftig wieder in die Saison zu gehen, brauchst du sechs Wochen Vorbereitung. Und es nicht mal sicher, ob wir im September überhaupt weitermachen können. Für mich ist das nur eine Lösung, mit der der Verband möglichen Regressforderungen der Vereine aus dem Weg gehen will. Wo ist das Problem, die Saison nach der Hinrunde zu werten oder nach der Quotientenregelung? Der Handball hat es uns doch vorgemacht. Stattdessen wird so getan, als wäre es die einzige Lösung. Meiner Meinung nach ist sie utopisch."

Chris Wimmer (Jugend-Trainer beim MTV Gifhorn): "Es ist sein sehr emotionales Thema. Allgemein bin ich mega enttäuscht, wie die Umfrage vom Kreis gelaufen ist. Die Empfehlung gerät zwei Tage vor der Telefonkonferenz an die Öffentlichkeit. Das Gespräch hatte dann den Beigeschmack einer Pro-Forma-Umfrage, zumal der erste Satz in der Konferenz lautete, dass rein rechtlich ein Saisonabbruch nicht möglich sei. Ich frage mich aber schon, warum er in anderen europäischen Ländern möglich ist? Ich weiß, dass es um den wirtschaftlichen Aspekt geht. Aber eine besondere Situation erfordert besondere Maßnahmen. Die Saison muss abgebrochen werden. Das ist auch besser für die Psyche. Man schleppt keine Altlasten mit. Dann gibt es im September einen Neuanfang. Den Jugendspielern würde das auch gut tun. Vielleicht gibt es auch Jugendliche, die nach einer so langen Pause das Interesse verloren haben. Wir sind gut aufgestellt. Aber was machen dann Vereine mit kleinen Kadern? Und: Meine D-Jugendlichen wechseln normalerweise im Sommer in die C-Jugend und aufs Großfeld. Das sollten sie auch. Und da sind jetzt natürlich altersentsprechend andere Trainingsinhalte gefragt als auf dem Kleinfeld. Wir müssten dann eine Zwitterlösung finden. Das ist alles andere als optimal."