30. Dezember 2020 / 21:59 Uhr

Nach dem Corona-Jahr: Die beiden Fußball-Kreis-Chefs ziehen im Interview Bilanz

Nach dem Corona-Jahr: Die beiden Fußball-Kreis-Chefs ziehen im Interview Bilanz

Benno Seelhöfer
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Ziehen Bilanz nach einem aufregenden Jahr: Die beiden heimischen Fußball-Kreis-Chefs Stefan Pinelli (l.) und Ralf Thomas.
Ziehen Bilanz nach einem aufregenden Jahr: Die beiden heimischen Fußball-Kreis-Chefs Stefan Pinelli (l.) und Ralf Thomas. © NFV-Kreis GF/Boris Baschin/Britta Schulze
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Ein aufregendes Corona-Jahr liegt auch hinter den Amateur-Fußballern. Es gab so manche hitzige Diskussion um den Saison-Abbruch im Sommer – und nun ruht der Spielbetrieb erneut. Viel Arbeit für die beiden heimischen Kreis-Vorsitzenden Stefan Pinelli (Wolfsburg) und Ralf Thomas (Gifhorn).

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Der SPORTBUZZER hat mit beiden in Einzelgesprächen über dieses verrückte Jahr 2020, den Saison-Abbruch im Sommer und über eine mögliche Fortsetzung der laufenden Spielzeit gesprochen.

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Herr Pinelli, war 2020 das schwierigste Jahr in Ihrer Amtszeit?
Stefan Pinelli:
Das würde ich so nicht sagen. Jedes Spieljahr ruft unterschiedliche Situationen rund um den Spielbetrieb hervor, die gemeistert werden müssen. Das letzte Spieljahr war sicherlich das ungewöhnlichste, in seinen Auswirkungen einschneidendste und politischste Amtsjahr.

Warum?
Pinelli:
Es wirkt paradox, aber gerade in der Zeit des Ruhens des Spielbetriebs jagt eine Sitzung die andere, immer im Bemühen um die Bearbeitung und Erörterung von Konzepten für die Weiterführung und Weiterentwicklung des Spielbetriebes. Das gilt auch für andere Bereiche, wie beispielsweise das Schiedsrichterwesen, die Qualifizierungsmethoden oder die Verfeinerung des eFootball-Angebotes.

Herr Thomas, war es bei Ihnen das schwierigste Amtsjahr?
Ralf Thomas:
Das war sicherlich ein schwieriges Jahr, aber die Herausforderungen in der Zukunft werden sicherlich noch schwieriger. Es ist der Beginn einer schwierigen Zeit mit gesellschaftlichen Veränderungen.


Gesellschaftliche Veränderungen im Hinblick auf Corona?
Thomas:
Nicht unbedingt. Ich meine damit auch gesellschaftliche Trends, die schon vor Corona angefangen haben, aber dann durch die Pandemie verstärkt worden sind. Wir kommen aus einer Mangelgesellschaft nach dem Krieg und befinden uns nun in einer Wohlstands- und Überflussgesellschaft. Da verändert sich das Verhalten in der Gesellschaft automatisch.

Unsere Top-Ten-Momente: Das war das Sport-Jahr 2020 in Wolfsburg und Gifhorn.

Schalke hat in dieser Saison Probleme? Darüber können die Spieler des SV Dannenbüttel nur Schmunzeln. In Sachen Durststrecke waren sie die Marathon-Läufer. Ab Anfang Juni 2015 blieb das Team - damals noch in der 1. Kreisklasse - zwei Jahre lang in Punktspielen ohne Sieg, stieg ab, bis es nicht mehr tiefer ging. 3. Kreisklasse. Das Fußball-Magazin 11 Freunde verlieh dem SVD daraufhin mit einem großen Augenzwinkern den Titel der „schlechtesten Amateurmannschaft der Republik“. Und Dannenbüttel? Das bewies Nehmerqualitäten wie Boxer Axel Schulz zu seinen besten Zeiten. Die Jugend rückte nach, seitdem wird aufgestiegen. „Wir haben hier einen tollen Zusammenhalt“, sagt Noah Giesecke, einer dieser jungen Kicker aus der neuen SVD-Generation. Nach dem Abbruch der Saison 19/20 kam die Quotienten-Regelung zum Tragen, 0,01 Pünktchen fehlten Dannenbüttel zum direkten Aufstiegsplatz. Ein Happy End gab’s trotzdem: Der Fußball-Gott hatte ein Einsehen und der SVD rutschte als Nachrücker in die 1. Kreisklasse. Ist 2020 also wieder da, wo 2015 der Absturz begann. Ein Comeback, das hier stellvertretend für alle im Amateursport gebührend gefeiert werden soll. Coach Denis Mora: „Wir hätten das gern sportlich geregelt. Doch auch so müssen wir uns für den Aufstieg nicht schämen.“ Das beweisen die jüngsten Ergebnisse: Das Team hat bis zur Corona-Pause im Schnitt die meisten Punkte gesammelt, klopft an der Tür zur Kreisliga. Zur Galerie
Schalke hat in dieser Saison Probleme? Darüber können die Spieler des SV Dannenbüttel nur Schmunzeln. In Sachen Durststrecke waren sie die Marathon-Läufer. Ab Anfang Juni 2015 blieb das Team - damals noch in der 1. Kreisklasse - zwei Jahre lang in Punktspielen ohne Sieg, stieg ab, bis es nicht mehr tiefer ging. 3. Kreisklasse. Das Fußball-Magazin 11 Freunde verlieh dem SVD daraufhin mit einem großen Augenzwinkern den Titel der „schlechtesten Amateurmannschaft der Republik“. Und Dannenbüttel? Das bewies Nehmerqualitäten wie Boxer Axel Schulz zu seinen besten Zeiten. Die Jugend rückte nach, seitdem wird aufgestiegen. „Wir haben hier einen tollen Zusammenhalt“, sagt Noah Giesecke, einer dieser jungen Kicker aus der neuen SVD-Generation. Nach dem Abbruch der Saison 19/20 kam die Quotienten-Regelung zum Tragen, 0,01 Pünktchen fehlten Dannenbüttel zum direkten Aufstiegsplatz. Ein Happy End gab’s trotzdem: Der Fußball-Gott hatte ein Einsehen und der SVD rutschte als Nachrücker in die 1. Kreisklasse. Ist 2020 also wieder da, wo 2015 der Absturz begann. Ein Comeback, das hier stellvertretend für alle im Amateursport gebührend gefeiert werden soll. Coach Denis Mora: „Wir hätten das gern sportlich geregelt. Doch auch so müssen wir uns für den Aufstieg nicht schämen.“ Das beweisen die jüngsten Ergebnisse: Das Team hat bis zur Corona-Pause im Schnitt die meisten Punkte gesammelt, klopft an der Tür zur Kreisliga. ©

Was bedeutet das für den Fußball?
Thomas:
Menschen sind nicht mehr unbedingt bereit zu geben. Das gilt beispielsweise auch für die Erhöhung von Vereins-Beiträgen. Das ist für mich die schwierigste Aufgabe, die wir in der Zukunft zu bewältigen haben: diesen Gesamtgedanken der Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Außerdem müssen wir durch Corona online und digital einen Umschwung bewerkstelligen, der aufzeigt, wo die Schwächen im System Fußball liegen.

Und wo liegen die?
Thomas:
Die liegen in der mangelnden Ausrichtung der Zukunft und speziell in Gifhorn der mangelnden Wertschätzung der Infrastruktur. Wir haben relativ schlechte Sportheime, Flutlichtanlagen laufen bei uns noch mit ganz alten Lampen-Technologien, Vereine müssen viel Geld für Energie aufwenden, haben dadurch aber kein Geld, um mal einen vernünftigen Kunstrasen-Platz zu bauen. Mit alter Technik ist es schwierig, junge Leute für die Vereine zu begeistern.

Viele Spieler und Trainer haben bezüglich der Diskussionen rund um den Saison-Abbruch im Sommer gesagt: „Ich will nicht in der Haut der Entscheidungsträger stecken.“ Wie ist es denn, in dieser Haut zu stecken?
Pinelli:
Ich bin von Natur aus jemand, der gerade in schwierigen Situationen dazu neigt, bevorzugt mit ruhiger Hand zu navigieren, um gezielt Orientierung in Richtung eines großen gemeinsamen Interesses zu geben. Es ist auch wichtig, dass man Verantwortung übernehmen will, die von Entscheidungen Betroffene angemessen einbindet und gleichzeitig empathisch in Bezug auf diejenigen ist, die von einer Entscheidung am härtesten betroffen sein können, wie beispielsweise Absteiger. Kurzum: Bislang ist es noch nicht unangenehm, in dieser Haut zu stecken, und so geht es meinen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand auch.

Thomas: Das war natürlich schon eine schwierige Zeit. Aber auch weil ich sie mir nicht leicht gemacht habe. Für mich war von Anfang an klar, dass es keine Einzelentscheidung von mir geben wird. Wir haben im Vorstand Ideen geschmiedet und die mit den Vereinen diskutiert. Was mich getroffen hat, waren diese völligen Entgleisungen in den sozialen Medien von einigen Lautsprechern und auch die persönlichen Beleidigungen durch die Menschen, die vermeintlich alles besser wissen.

Es war eine extrem emotionale Diskussion im Sommer. Wie sind Sie damit umgegangen?
Thomas:
Ich habe versucht, das nicht so doll an mich heranzulassen, weil ich mir meiner Meinung nach nichts vorwerfen lassen konnte. Es lief alles demokratisch ab. Ich scheue mich aber dann auch nicht, Entscheidungen zu treffen, wenn sie gut abgewogen sind. Dafür bin ich gewählt worden. Hätten wir in Niedersachsen nicht auf diese Lautsprecher gehört, die aus meiner Sicht ihre persönlichen Interessen in den Vordergrund geschoben haben, woraufhin der öffentliche Druck so groß geworden ist, dass wir die Saison abbrechen mussten, dann hätten wir nicht die Probleme, die wir jetzt haben.

Pinelli: Es war ein langer Lernprozess für uns alle gemeinsam. Ich war im März ein vehementer Befürworter der Verlängerung der Saison 2019/20 bis zum Sommer 2021. Zudem sah ich schnelle Entscheidungen als erforderlich an, um Planungssicherheit auch für die Vereine zu bekommen. Im Nachhinein könnte man meinen, dass meine seinerzeitige Forderung berechtigt war. Es bringt jedoch nichts, über Vergangenes im Konjunktiv zu denken und zu reden. Am Ende stellte sich eine Situation heraus, in der man es nicht allen recht machen konnte: Nicht jeder konnte aufsteigen, aber immerhin musste keiner absteigen. 

Es muss vielleicht wieder umgedacht werden. Wurde die zweite Corona-Welle, von der bereits im Sommer die Rede war, damals unterschätzt?
Thomas:
Die Lautsprecher haben sie jedenfalls unterschätzt.

Pinelli: In unseren früheren Interviews habe ich darauf hingewiesen, dass eine zweite Welle nicht unwahrscheinlich sei – aber mit solch einer Wucht der zweiten Welle haben viele von uns wohl nicht gerechnet. Wir haben keine Glaskugel und das ist auch gut so. Insofern würde ich nicht von einer unterschätzten Gefahr sprechen.

Wie geht es in dieser Saison weiter? Droht wieder ein Abbruch?
Thomas:
Das wissen wir noch nicht. Es wird bereits gemunkelt, dass wir die Saison vielleicht im Sommer 2021 verlängern. Die Leute, die in diesem Jahr ihre vermeintlich guten Argumente hatten, sind ja jetzt Lügen gestraft worden. Ungefähr im März könnte die Diskussion wieder aufkeimen. Ganz viele Erkenntnisse, wie sich der Impfstoff und das Virus verhalten, werden wahrscheinlich in den ersten zwei Monaten vorliegen.

Pinelli: Diese Diskussion führen wir derzeit nicht. Jetzt ruht der Spielbetrieb zunächst einmal bis auf Weiteres und in der Zwischenzeit werden wir Szenarien für den Fall eines Falles entwerfen und unter Beteiligung der Vereine Entscheidungen treffen, wie es weitergehen kann, wenn die Verhältnisse im Frühjahr nicht besser werden.

War es die richtige Entscheidung, die Gifhorner Ligen in Staffeln einzuteilen?
Thomas:
Ja, klar. Wir haben mit einem Lockdown im Oktober gerechnet und uns planerisch darauf eingestellt, dass wir eine Hinrunde gut spielen können, eine Pause in der Hallen-Zeit machen, um dann die Rückrunde auch wieder gut spielen zu können. Und meiner Meinung nach ist uns das famos gelungen, weil wir im März und April 2020 schon eine Punktlandung vorausgesagt haben. Mit dem letzten Liga-Spieltag 2020 ging‘s in den Lockdown.

War es die richtige Entscheidung, die Wolfsburger Ligen nicht in Staffeln einzuteilen?
Pinelli:
Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt noch im Plan, natürlich kann die Situation im Frühjahr anders aussehen. Aber es gibt aus jetziger Sicht nichts, was besser oder schlechter hätte laufen können. Wir haben ja ohnehin in Wolfsburg traditionell eine kleine Kreisliga.

Was haben Sie aus diesem ereignisreichen Jahr mitgenommen? Auch im Hinblick auf Ihre weitere Amtszeit.
Thomas:
Dass wir ganz viele hochmotivierte Sparten- und Vereinsvorstände in unseren Klubs haben, die sich auch vorbildlich an die Corona-Regeln halten. Mich hat das sehr motiviert, dass sogar schon die ersten Online-Sitzung total professionell abgelaufen ist. Die Zusammenarbeit war klasse und auch die Arbeit unter den Vereinen läuft bei allem sportlichen Wettbewerb auch. Das stimmt mich und das gesamte Kreis-Vorstands-Team positiv für die Zukunft.

Pinelli: Dass es die Wolfsburger Vereine auch in Krisenzeiten den amtierenden NFV-Kreis-Verantwortlichen durch ihre jederzeitige Kooperationsbereitschaft sehr leicht machen, hier Verantwortung zu übernehmen. So macht das Ehrenamt Spaß, und mein Elan für diesen Job ist ungebrochen.

Wie wirkt sich das Jahr 2020 auf den Fußball-Nachwuchs aus? Kinder bleiben zu Hause, Videospiele machen dem Vereins-Fußball noch größere „Konkurrenz“. Wie große ist die Sorge um ein Nachwuchs-Problem? Gab es schon viele Abmeldungen?
Pinelli:
Dass die pandemisch bedingte Pause dem Fußballsport wie auch anderen Sportarten nicht guttut, liegt auf der Hand. Und klar ist auch, dass wir im Fußball auch um jeden Sportler - einschließlich Schiedsrichter - kämpfen müssen. In Wolfsburg verzeichnen wir gegen den Trend im Jugendfußball steigende Zahlen, wie die aktuelle Mannschaftsstatistik zeigt. Ob dies eine Momentaufnahme ist, wird sich zeigen. Und sicherlich ist es auch ein Vorteil, dass wir in Wolfsburg direkt in der Stadt Bundesligisten haben, die für den Nachwuchs den Fußballsport attraktiv machen. 

Thomas: Wir haben speziell wegen Corona noch keine ganz großen Auswirkungen oder Tendenzen. Grundsätzlich ist ein allgemeiner Rückwärtstrend aber zu erkennen, das geht auch am Kreis Gifhorn nicht vorbei. Im Senioren- und Jugend-Bereich haben wir über das ganze Jahr gesehen zwölf Mannschaften verloren. Wir haben Sorgen, aber die sind noch nicht so groß, weil wir noch Ideen haben, die unserer Meinung nach Früchte tragen.