22. November 2021 / 18:30 Uhr

Nach dem Derby: Chemie und Lok Leipzig im Stahlbad der Gefühle

Nach dem Derby: Chemie und Lok Leipzig im Stahlbad der Gefühle

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
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Sowohl auf Seiten von Chemie als auch Lok Leipzig hofft man, dass die anstehenden Geisterspiele zu etwas Positiven führen. © PICTURE POINT
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Auf das stimmungsvolle Duell der Lokalrivalen folgen drei Wochen lang Geisterspiele in Leipzig. Zwischen Chemie und Cottbus kommt es zu keinem Heimrechttausch.

Leipzig. Das Derby ist vorbei, die Emotionen kühlen langsam ab, aber schon wartet der nächste Aufreger: In Sachsen werden vorerst alle Spiele der Fußball-Regionalliga ohne Zuschauer stattfinden. Besonders hart betroffen ist die BSG Chemie Leipzig, die mit den Spielen gegen Cottbus und Eilenburg gleich zwei zuschauerträchtige Spiele vor leeren Rängen austragen muss. Lok hat fast schon Glück im Unglück, da in den nächsten drei Wochen nur das Heimspiel gegen Rathenow ansteht. Trotzdem sind hüben wie drüben nicht eben Glücksgefühle zu vernehmen.

Kühne sieht Wettbewerbsverzerrung

Die Chemiker lecken nach dem 0:1 noch ihre Wunden und versuchen den dritten Tiefschlag in Folge sportlich zu nehmen. „Die Mannschaft hat super gespielt, unser leidiges Problem, der Abschluss, hat verhindert, dass wir etwas mitnehmen“, ärgert sich der Vorstands-Chef Frank Kühne noch am Tag danach. Den Blick nach vorn gerichtet, wird die Stimmung nicht besser. Denn gegen die Spitzenmannschaft Energie Cottbus darf nach der aktuellen Coronaverordnung kein Zuschauer ins Stadion. Bislang nur in Sachsen. „Das ist Wettbewerbsverzerrung“, moniert Kühne, der aber weiß: „Die Lage ist wie sie ist, man kann es sich ja nicht aussuchen.“

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Der 1. FC Lok Leipzig konnte am Sonntag das 104. Derby für sich entscheiden. Die Blau-Gelben gewannen knapp mit 1:0 gegen aufopferungsvoll kämpfende Leutzscher. Zur Galerie
Der 1. FC Lok Leipzig konnte am Sonntag das 104. Derby für sich entscheiden. Die Blau-Gelben gewannen knapp mit 1:0 gegen aufopferungsvoll kämpfende Leutzscher. ©

Dennoch hätte er sich andere Lösungen gewünscht. Er sieht den Verband in der Pflicht, macht sich da aber wenig Hoffnungen: „Da kommt doch nichts, da wird immer auf die Vereine verwiesen.“ Einen Tausch des Heimrechtes mit Cottbus habe man intern kurz diskutiert, doch in der Kürze der Zeit sei dies unrealistisch. „Ob da Verband, Polizei und Gegner zugestimmt hätten, wage ich zu bezweifeln, zumal das Match als Hochrisikospiel eingestuft wurde.“ Am Ende habe die sportliche Leitung auch für die Austragung im heimischen AKS plädiert, da man sich dort auch ohne Fans bessere Chancen gegen den Favoriten ausrechnet.

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Dies meint Alex Bury, Beinahe-Torschütze vom Derby: „Ein Geisterspiel ist nicht die allerschönste Sache, aber ich finde, die Ausgangsposition ist für uns damit nicht schlechter, auch wenn die Fans fehlen. Die Cottbusser kommen den langen Weg hierher, dann ist da ein leeres Stadion, schwierige Platzverhältnisse – die sind sicher angepisst. Das spielt uns eher in die Karten.“ Seine vergebene Mega-Chance am Sonntag hat Bury, der am Montag seinen 30. Geburtstag feierte, schon verarbeitet: „Klar, extrem ärgerlich, nach dem langen Sprint fehlte etwas die Kraft. Wir hatten definitiv mindestens einen Punkt verdient!“

„Sind als Menschen so klein“

Ohne Fans von Hundert auf Null abgebremst fühlt sich Chemie-Kapitän Stefan Karau: „Das ist wirklich schwierig. Die vierte Liga lebt doch auch von der Stimmung, jetzt wird es einfach nur traurig. Wenn man es gewinnt, ist es im Nachhinein nicht ganz so hart.“ Auch der Kapitän vermisst die Chancengleichheit, aber die ist seit Beginn der Pandemie eh nicht mehr vorhanden. Chemie-Neuzugang Dennis Mast sieht es fast philosophisch: „Wir sind als Menschen so klein, wir können nur wenig beeinflussen. Es kommt, wie es kommt. Ich kenne es schon aus den höheren Ligen mit vielen Geisterspielen. Es ist eine andere Atmosphäre, es hat Freundschaftsspielcharakter. Aber natürlich kämpfen alle um Punkte.“

Auch Trainer Miro Jagatic sieht das Unvermeidliche: „Wenn es so ist, muss man es akzeptieren. Gesundheit geht über alles. Aber wir wollen natürlich unsere Fans dabeihaben. Wie wir jetzt die Kuh vom Eis kriegen, weiß ich nicht. Das ist für alle Fans, auch für Lok, hart. Wir leben von den Fans. Es ist natürlich momentan eine Katastrophe. Aber die Pandemie-Zahlen sind jetzt so.“


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Der Ortsrivale in Probstheida hofft auf eine kurze Spanne, die man halbwegs unbeschadet übersteht. Präsident Thomas Löwe: „Wir hoffen, dass nach dem Lockdown am 12. Dezember das ganze wieder aufgehoben wird und wir mit Zuschauern kicken dürfen. Wir wollen die Saison auf jeden Fall durchspielen und hoffen, dass in der Rückrunde Zuschauer gestattet sind. Die Fans sind unsere Geschäftsgrundlage. Wir haben die Hygieneregeln immer erfüllt und das wird auch in Zukunft möglich sein.“

Auch Top-Torjäger Djamal Ziane macht sich so seine Gedanken: „Es geht ja nicht nur um uns, sondern auch um die anderen, die ein paar Fans mitbringen.“ Ob ein Team wie Altglienicke seine 300 Fans dabeihat, „interessiert die womöglich nicht so sehr“. Ziane hätte gern mal wieder 10.000 Fans im Rücken. „Das geht leider nicht – und tut weh. Man hat das Gefühl, wir sind kein Stück weiter als vor einem Jahr. Ich weiß auch nicht, ob das jeder Verein überlebt. Das ist bares Geld, was fehlt.“ Robert Berger bleibt positiv: „Wenn es der Wellenbrecher sein soll und wir haben nächstes Jahr ein volles Stadion – dann nehmen wir das an.“

von Jens Fuge und Anton Kämpf