01. September 2020 / 11:44 Uhr

Nach dem Umbruch sollen die Hemminger Jungs frech, unberechenbar und kreativ sein

Nach dem Umbruch sollen die Hemminger Jungs frech, unberechenbar und kreativ sein

Jens Niggemeyer
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Michael Gerlach (rot) ist mit seinen 23 Jahren schon einer der älteren Spieler des SC Hemmingen-Westerfeld. Trainer Martin Pyka (links) hat zwölf Zugänge zum Verein gelockt.
Michael Gerlach (rot) ist mit seinen 23 Jahren schon einer der älteren Spieler des SC Hemmingen-Westerfeld. Trainer Martin Pyka (links) hat zwölf Zugänge zum Verein gelockt. © Debbie Jayne Kinsey / deisterpics/Stefan Zwing
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Der SC Hemmingen-Westerfeld geht nach dem großen Umbruch mit dem neuem Trainer Pyka und einem runderneuertem Aufgebot in die Landesligaspielzeit. "Der Kader ist jünger geworden“, sagt der Coach. Das Durchschnittsalter liegt jetzt bei 22 Jahren.

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Die Ausgangslage für Martin Pyka ist keine ganz einfache. Der neue Coach des Landesligisten SC Hemmingen-Westerfeld hat gleich mehrere Umbrüche zu bewältigen: einen personellen, einen konzeptionellen und einen in der Spielphilosophie. „Der Kader ist jünger geworden“, sagt der Trainer. Das Durchschnittsalter liege jetzt bei 22 Jahren. „Das heißt: Die Jungs brauchen Zeit.“ Das Konzept sei, verstärkt Talente aus dem eigenen Nachwuchs und der Region einzubauen, sie zu entwickeln und zu verbessern. „Außerdem versuchen wir, von Balleroberungs- auf Ballbesitzfußball umzustellen. Das geht nicht von jetzt auf gleich – das ist ein Prozess. Deshalb ist es klar, dass das Ganze Geduld benötigt und Lehrgeld kosten wird.“

Armin Tvrtkovic, Metehan Kayhan, Gibril Ceesay (alle zum 1. FC Wunstorf), Aron Gebreslasie (OSV Hannover), Maximilian Riegel (HSC) und Tim Hansmeier (SV Gehrden) haben sechs gestandene Spieler dem Verein den Rücken gekehrt, dazu hat der ehemalige Regionalliga-Spieler Sebastian Baar aufgrund permanenter Knieprobleme seine Schuhe an den Nagel hängen müssen. Demgegenüber stehen zwölf Neuzugänge: Wisam Askar (Koldinger SV), Mohamed Chahrour (Arminia Hannover), Lazar Grozdanic (TSV Havelse U19), Benedikt Kube (TSV Bemerode), Neel Schönleiter (HSC Hannover U23), Frederic Schoppe (1. FC Germania Egestorf/Langreder), Joe Khambor (zuletzt TV Askania Bernburg) sowie Tom Brauer, Anouar Erchidi, Philipp Hensel und Marvin Sierk (alle eigene A-Jugend). „Das sind alles Jungs mit Qualität, die können und wollen Fußball spielen“, sagt Pyka. Aber zum Personal zählen viele junge, unerfahrene und unfertige Youngsters. Deshalb könne nicht alles auf Anhieb klappen. „Ich bin allerdings von unserem Ziel überzeugt: Und ich habe das Gefühl, das die Mannschaft diese Idee mitträgt.“

Testresultate sind sekundär

Und wie sieht dieses Ziel konkret aus? „Nicht nur lange Dinger schlagen und auf den zweiten Ball gehen. Wir wollen den Ball haben, kombinieren und offensiv spielen“, so Pyka. Das sei das, was er liebe, was Fußballern am meisten gefalle und was für die Zuschauer am attraktivsten sei. „Und ich halte diesen Weg auch für den am Ende vielversprechendsten“, sagt der Trainer. „Fürs Verteidigen gibt es natürlich klare Grundsätze, aber wir wollen keine entmündigten Spieler – in der Offensive haben die Spieler wahnsinnig viele Freiheiten. Unser Motto soll sein: Frech, unberechenbar und kreativ.“

Die Testspiele gegen den TSV Bemerode (0:3), die eigene Reserve (6:5), die eigenen A-Junioren (6:1) den SV Kutenhausen/Todtenhausen 07 (3:3), die U23 von Hannover 96 (0:10) und die FT Braunschweig (2:6) maß Pyka nicht an den puren Ergebnissen: „Zum einen, weil wir wirklich alle Spieler einsetzen und durch die vielen Wechsel natürlich Rhythmus und Spielfluss verloren geht und letztlich auch noch qualitativ zum Teil deutliche Leistungsunterschiede bestehen.“

Auch das Feilen an der neuen Spielweise sorge für das eine oder andere Problem: „Aber das müssen wir als Entwicklungsschritte in Kauf nehmen.“ Im jüngsten Praxistest beim Oberligisten FT Braunschweig habe das Team eine ordentliche erste Halbzeit hingelegt, durch Tore von Steven Melz (25. Minute) und Michael Gerlach (33.) sogar mit 2:0 geführt. „Durch Fehler im Spielaufbau haben wir dem Gegner dann allerdings zwei Tore geschenkt. Und nach dem Wechsel waren die Jungs dann platt.“ Da habe sich die harte Trainingsarbeit bemerkbar gemacht. Das nutzten die Braunschweiger durch Julian-Lukas Pohlai (35.), Maurice Franke (41.), Phil-Louis Kunze (45., 62), Damir Vracic (60) und Niklas Neudorf (90.) aus.

Die Chemie stimmt

Mit der Trainingsresonanz und der Einstellung sei Pyka hoch zufrieden. „Die Stimmung ist gut. Alle ziehen super mit. Sie sind lernwillig, wollen Input, haben viele Fragen. Und: Wir können oft elf gegen elf spielen.“ Auch die Chemie im Trainerteam stimme: „Wir sind unterschiedliche Typen, ergänzen uns aber echt gut.“ Jeder habe seinen Spezial-Arbeitsbereich: Wenn es um die Technik gehe, sei Tobias Brinkmann gefragt, um die Kondition kümmere sich Frank Sledz – und seine Domäne sei die Taktik. „Aber selbstverständlich tauschen wir uns über alles aus.“ Und in Can Tuna, der eigentlich noch als Spieler zum Kader gehört, bekommt das Funktionsteam sogar regelmäßig Verstärkung: „Can steht berufsbedingt nicht immer zur Verfügung, hilft uns aber als kundiger Beobachter, Aushilfs-Co-Trainer und Experte in puncto Technik“, lobt Pyka. „Can hat eine gute Mentalität und ist, auch wenn er fehlt, ein wichtiger Teil der Mannschaft.“

Zur Liga-Konkurrenz kann der Coach noch nicht allzu viel sagen: „Das ist aber auch nicht so entscheidend, weil ich in erster Linie auf uns schaue. Wir wollen unser Spiel durchdrücken.“ Klar sei, jeder wolle unter die ersten drei, um der Abstiegsrunde aus dem Weg zu gehen. Eine solch junge Mannschaft wie der SCH brauche Führungsspieler, die vorangehen und den jungen Talenten Halt und Orientierung geben. Dass sich Julian Hyde einen Achillessehnenriss zugezogen hat und monatelang ausfallen wird, macht das Projekt nicht einfacher. Mit Aljoscha Hyde, Joel Wauker, Fabian Klein, Emmanouil Skountridakis, Steven Melz, Yannick Kranz und Mohamed Chahrour hat Pyka aber einige potenzielle Leitwölfe ausgemacht. „Da werden einige in neue Rollen reinwachsen müssen.“

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Pyka spürt Rückendeckung

Der Trainer weiß: „Man kann keinen Umbruch initiieren und dann davon ausgehen, dass es einfach wird.“ Er spüre Rückendeckung, auch wenn die Testspielresultate nicht so gut gewesen seien. „Ich bin immer im Austausch mit dem Verein“, sagt Pyka. Man brauche manchmal einen längeren Atem. „Ich bin überzeugt davon, dass wir das hinkriegen.“ Er sei aber auch Realist: „Klar weiß ich, dass es letztlich ein Ergebnissport ist.“

Manager Sven Othersen rechnet mit einer harten Saison: „Es wird schwer, die ersten drei zu erreichen, denn die Staffel ist echt gut.“ Dass die bisherigen Resultate „nicht berauschend“ gewesen seien, bestätigt ihn in seiner Befürchtung. Auf der anderen Seite gelte ja im Sport auch manchmal eine hoffnungsfroh stimmende Binsenweisheit: „Auf eine schlechte Vorbereitung folgt ja nicht selten eine gute Saison.“