25. Juni 2020 / 18:58 Uhr

Nach Mega-Torwart-Patzer: Lok Leipzig muss mit 2:2 gegen Verl leben

Nach Mega-Torwart-Patzer: Lok Leipzig muss mit 2:2 gegen Verl leben

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
In der 90. Minute greift Lok-Leipzig-Keeper Fabian Guderitz ordentlich daneben und sorgt so für den 2:2-Endstandt im Relegationshinspiel gegen den SC Verl.
In der 90. Minute greift Lok-Leipzig-Keeper Fabian Guderitz ordentlich daneben und sorgt so für den 2:2-Endstandt im Relegationshinspiel gegen den SC Verl. © imago images / Beautiful Sports
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Schade! Der 1. FC Lok macht über weite Strecken das Spiel, schießt ein Wembley-Tor und legt sich am Ende selbst ein Ei. Die Probstheidaer müssen sich mit einem 2:2 und damit mit einer deutlich schlechteren Ausgangslage für das Rückspiel in Westfalen begnügen.

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Leipzig. „Tomislav Piplica“ ruft jemand auf der trotz Geisterkulisse gut gefüllten Holztribüne des Bruno-Plache-Stadions. Der ehemalige Keeper von Energie Cottbus legte sich einst ein kurioses Eigentor ins Netz und wird seitdem bundesweit mit jener ikonischen Szene in Verbindung gebracht. Nun "gelingt" Lok-Keeper Fabian Guderitz beim 2:2 im Relegationshinspiel des 1. FC Lok Leipzig gegen West-Regionalligist SC Verl in der 88. Minute ein ähnliches Kunststück. Der Torwart verhilft dadurch den zuvor glücklosen Verlern zum Ausgleich und einer guten Ausgangsposition für das Rückspiel am 30. Juni, das wohl im Dortmunder Stadion Rote Erde stattfinden wird. Für Lok trafen zuvor Patrick Wolf (6.) und Matthias Steinborn (55.).

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Der 1. FC Lok und der SC Verl trennen sich im Relegationshinspiel mit 2:2. Zur Galerie
Der 1. FC Lok und der SC Verl trennen sich im Relegationshinspiel mit 2:2. © Christian Modla

Chefcoach und Sportdirektor Wolf, der weiterhin ungeschlagen bleibt, überraschte vor Anpfiff mit zwei Personalentscheidungen. In seinem vorletzten Spiel auf der Lok-Trainerbank verzichtete er zunächst auf seinen Toptorjäger sowie auf seinen Topscorer. Steinborn (neun Treffer) saß nur auf der Bank, Aykut Soyak (sieben Tore, sechs Vorlagen) stand nicht einmal im Kader. Für den Sommerneuzugang scheint es keine Zukunft in Probstheida zu geben – egal in welcher Liga. Das 4-2-3-1 der Gastgeber war sehr defensiv ausgerichtet: Verteidiger Leon Heynke rückte auf die Sechs, Maik Salewski übernahm die Rolle des linken Flügelflitzers.

Kompakte Defensive in Probstheida

Und zeigte dort seine Allrounderqualitäten, die er in Halbzeit eins auch als solider Rechtsverteidiger unter Beweis stellte. Nach sechs Minuten butterte er den Ball als perfekte Welle in den Strafraum, die Flanke Typ „Die senkt sich noch“ durfte Patrick Wolf einschieben. Der Jubel war laut, die Freude groß, die Vision dritte Liga greifbar.

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Fabian Guderitz: Die neue Nummer 1 hält lange souverän und unaufgeregt, dann passiert ihm der Riesenpatzer zum 2:2-Ausgleich. Note: 3. Zur Galerie
Fabian Guderitz: Die neue Nummer 1 hält lange souverän und unaufgeregt, dann passiert ihm der Riesenpatzer zum 2:2-Ausgleich. Note: 3. ©

Auf der ganzen Welt herrschen Abstandsgebote, die Spieler des 1. FC Lok Leipzig hielten davon - natürlich - nichts. Sie bedrängten, bewachten, beackerten den SC Verl auf Schritt und Tritt. Spielfluss kam so nicht wirklich zustande, doch Lok führte und Verls gefürchtetes Kombinationsspiel fand kaum statt. Die Zweikampf-Werte stimmten und der Fokus schien vorhanden. Allerdings musste Probstheidaer Gefahr zu Gunsten einer kompakten Defensive weichen, Lok kam nur noch aus der Ferne zu Abschlüssen.

Steinborn-Hammer zum 2:1

Dass die Aktionen zum Ende der ersten Hälfte fahriger und die Lücken größer wurden, war der fehlenden Kraft nach fast viermonatiger Pause sowie den sommerlichen Temperaturen geschuldet. Fehlt Sauerstoff im Muskel, fällt konzentrieren schwerer: In der Nachspielzeit der ersten Hälfte gelang ein unbedrängter Lupfer aus dem Mittelfeld zu Verls Patrick Schikowski. Lok-Rechtsverteidiger Robert Berger schaute zum Linienrichter, der hob keine Fahne, Berger verlor wertvolle Zeit, Schikowski schob zum 1:1 ein.

Noch vor dem Pausenpfiff schickte Wolf schließlich seinen Torjäger Steinborn zum Warmmachen. Das wirkte wie eine Drohung Richtung Verl, die der gebürtige Berliner nach seiner Halbzeit-Einwechslung durch einen Traumschuss in der 55. Minute wahr machte. Drittligareif knallte Steinborn halblinks vorm Strafraum den Ball ins lange Eck zur erneuten Lok-Führung.

Guderitz in Piplica-Manier

Bereits fünf Minuten vorher hatten alle Blau-Gelben auf dem Spielfeld und auf der Holztribüne geujubelt, doch Schiedsrichter Florian Badstübner setzte dem ein jähes Ende. In einem Strafraum-Tohuwabohu gurkte Djamal Ziane den Ball auf's Tor, dieser sprang von der Latte auf die Linie und wieder an den Querbalken. Der Ball schien hinter der Linie, doch der Referee ließ weiterspielen. Im direkten Gegenzug verhinderte Guderitz' ganz langes Bein eine mögliche Verler Führung.

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Lok behielt den engen Körperkontakt bei und tat Verl im wahrsten Sinne des Wortes weh. Und auch wenn die Müdigkeit allen Akteuren zusetzte, blieb die Partie hitzig und schnell. Ein Qualitätsunterschied zu den Leistungen vor der Corona-Zwangspause war nicht zu erkennen. Extra-Reserven zogen die Lok-Profis womöglich auch aus den Hupen und Gesängen außerhalb des Bruno-Plache-Stadions. Während des kompletten Spiels waren Fans vor den Toren des altehrwürdigen Stadions zu hören, die ab und an auch Böller zündeten. Die Probstheidaer scheinen das registriert zu haben, hörten nicht auf, kompakt zu stehen und versuchten, die knappe Führung über die Ziellinie zu fighten. Doch dann kam die 88. Minute. Dem Keeper, der zuvor souverän gehalten hatte und Ruhe ausstrahltee, flutschte der Ball durch die Finger. Kapitän Robert Zickert tröstete und herzte den 23-jährigen Schlussmann umgehend.

„Nicht schön, in so einem Spiel zu patzen“

Lok-Coach Wolfgang Wolf äußerte sich nach dem Spiel über seinen jungen Torwart: „Er hat keinen Fehler gemacht und dann haut er sich so ein Ding rein. Damit muss er leben und die Mannschaft muss auch damit leben. Beim 2:2 waren beide Mannschaften stehend k.o.. So ein Tor hat mit Taktik nicht zu tun. Wir müssen ihn aufbauen“

Über die gesamte Partie sagte der 62-Jährige: „Das Ergebnis tut weh. Ich bin stolz auf die Mannschaft, bei den Temperaturen aus der Kalten, da musst du solche Nackenschläge erstmal wegstecken. Berger ist angeschlagen gewesen, deswegen habe ich ihn rausgenommen, er war nicht richtig fit. Salewski hat es hervorragend gemacht, und ich habe mir erhofft, dass Steinborn noch einen Schub bringt, wenn er reinkommt.“ Und das tat er mit seinem Treffer zum 2:1 auch. „Ich hatte ne Menge Wut im Bauch, das hatte Herr Wolf mir vorher auch genauso gesagt: Auch er hatte gehofft, dass ich mit Wut im Bauch etwas bewegen kann“, so der 31-Jährige Lok-Stürmer. Sein Trainer weiter: „Ich denke, das schweißt die Mannschaft zusammen. Jetzt müssen wir uns schütteln, wir wollten ein Ergebnis, wo noch alles drin ist. Es ist noch nichts passiert. Wenn wir alle Kräfte bündeln, ist es ein offenes Spiel.“

Von einer kräftezehrenden Partie sprach hörbar heiser auch Verl-Coach Guerino Capretti: „Es war das erwartet schwere Spiel. Keiner wusste, wo man steht, wie es angenommen wird. Man musste aus der kalten Hose so ein Spiel angehen, dementsprechend war das Spiel sehr hektisch. Lok war sehr robust und konnte mit jeder Aktion gefährlich werden. Auf dem Platz musst du erstmal deinen Mann stehen. Vom Engagement und Einsatz her kann ich meiner Mannschaft ein Kompliment machen, fußballerisch können wir es besser. Es ist noch gar nichts gegessen. Das 2:2 tut mir leid für den Torwart. Es ist nicht schön, in so einem Spiel zu patzen.“