06. Mai 2022 / 17:11 Uhr

Nach dem RB-Aus in Glasgow: So wird es für Augsburg, Bielefeld und schon gar nicht für Freiburg reichen

Nach dem RB-Aus in Glasgow: So wird es für Augsburg, Bielefeld und schon gar nicht für Freiburg reichen

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Sparsame Mienen nach dem Aus im Halbfinale: RB-Boss Oliver Mintzlaff, Coach Domenico Tedesco und Kapitän Peter Gulacsi (v.l.).
Sparsame Mienen nach dem Aus im Halbfinale: RB-Boss Oliver Mintzlaff, Coach Domenico Tedesco und Kapitän Peter Gulacsi (v.l.). © dpa / Getty Images
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Und nun? RB Leipzig stand vor der erfolgreichsten Saison seiner jungen Geschichte. Doch nach zwei Bundesliga-Niederlagen in Folge und dem verpassten Europa-League-Finale droht ein gänzlich anderes und deutlich weniger erfreuliches Saison-Ende. Zu verantworten haben das die Profis selbst (und wohl auch ihr Trainer).

Glasgow. 1:3 im Ibrox-Stadium. Raus aus dem Europapokal. Laienhafte Abwehrfehler, die den Tatbestand „Geschenke, schöne“ erfüllen. Groteske Fehlentscheidungen vorm 40-jährigen schottischen Torhüter Allan McGregor. Motto: „Nimm du ihn, ich hab’ ihn sicher!“ Als das 2:2 in der Glasgower Luft liegt, die Rangers aus dem vorletzten Loch pfeifen und die Fans den Schlusspfiff und die Verlängerung herbeisehnen, fällt das 3:1. Wie eine Kokosnuss von der Palme. Unangekündigt. Schmerzhaft. Blopp. Das RB-Abwehrverhalten ist nicht nur in dieser 81. Minute einer Profi-Mannschaft unwürdig. Man ist willfährig, träge und behilflich. 1:3, das war’s. Mit den Reizen gegeizt. In der Europa League haben sie mit ihren Hintern eingerissen, was sie mit ihrer Füße/Hände Arbeit in dieser Saison aufgebaut haben.

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Fragen über Fragen

Nach RB-Fußballspielen ploppen regelmäßig E-Mails in der Redaktion auf. Tenor nach dem 4:1 in Dortmund, dem Bergamo-Ausflug oder dem Einzug ins DFB-Pokalfinale: „Notengebung ist fürn A…, was soll das mit den Zweiern und Dreiern? Alle haben eine 1 verdient!“ Wenn gewonnen wird, wird der dicke Pinsel im weißen Farbeimer geschwenkt. Nach dem verdienten Aus in Glasgow gab es wieder Post. Diesmal mitternächtliche, diesmal mit anderem Inhalt: „Alle haben eine 6 verdient. Auch der Trainer!“ Garniert wurden diverse Schreiben mit der Aufforderung, bei der Pressekonferenz vorm Augsburg-Spiel (Sonntag, 19.30 Uhr, Red Bull Arena) „endlich die richtigen Fragen“ zu stellen.

Als da wären: Ist der Trainer noch der Richtige oder schon vom Schalke-Virus seines zweiten Amtsjahres befallen? Lebt Domenico Tedesco in einer WG mit Dani Olmo, der sehr wahrscheinlich auch mit eingegipsten Füßen auflaufen würde? Wie kann es sein, dass Yussuf Poulsen hinterher erklärt, dass er und die Seinen nicht ausreichend auf die Atmosphäre im Ibrox-Stadium vorbereitet worden seien? Könnte es sein, dass ein RB-Bewegungsmelder in den ersten Halbzeiten des Gladbach- und Glasgow-Spiels nix angezeigt hätte? Und, schließlich und endlich: Wann kommt endlich ein Sportdirektor, der sich vor den Mikros gerade und seinen Untergebenen Beine macht?

Wo war Forsberg?

Zur Frage aller Fragen, warum Pokalheld Emil Forsberg 90 Minuten auf der Bank schmorte, versuchte Tedesco eine Antwort: „Die Überlegung war, Dani Olmo das Vertrauen zu schenken.“ Alles wartete wenigstens auf die Einwechslung des Schweden – die gab es nicht. Tedesco wollte Willi Orban in der Schlussphase als „Zielspieler“ für Kopfballduelle vorn platzieren, brachte zudem André Silva und Dominik Szoboszlai als frische Kräfte und wusste offenbar nicht, wen er rausnehmen soll. „Hinterher ist man immer schlauer”, sagte der Coach.

Ja, die Lage ist kompliziert, emotional aufgeladen, aber nicht ohne Hoffnung. Versuch einer Annäherung an Gewesenes und Kommendes. Phönix aus der Asche/Balljagd: RB hat ein desaströses erstes Halbjahr hingelegt, unter Tedesco erfolgreich den Weg „Zurück zu den Wurzeln“ des gepflegten Ballbesitzfußballs eingeschlagen. In dieser Zeit wurden viele Spiele gewonnen. Auch jene, die auf der Kippe standen (z.B. Stuttgart, Leverkusen), bogen Richtung Leipzig ab. Weil dem Glücklichen und nie Zweifelnden die Welt gehört. Zutaten der nahezu ewig währenden Serie: eine stimmige Strategie, fitte Köper, wache Köpfe, sicheres Fundament (Abwehr, Restverteidigung), auch Matchglück. Und Offensiv-Aktionen, die anarchisch und deshalb kaum auszurechnen und aufzuhalten waren.

Der Erfolg ließ große Themen wie die Elfer-Gate-Affäre André Silva/Emil Forsberg und Platzhirsch-Getöse von vermeintlichen Zwölfendern schrumpfen.


Die Wende zum Unguten

Irgendwann wurde es weniger. Weniger leichtfüßig und bissig. Weniger fokussiert und inspiriert. Weniger überzeugt und effektiv. Und weniger erfolgreich.

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Der Halbfinalsieg gegen Union im DFB-Pokal kommt auf der letzten schwedischen Rille zustande. Bei den Niederlagen gegen die Eisernen, in Gladbach und Glasgow blitzt das nach wie vor vorhandene Können nur noch sporadisch auf. Das reicht nicht für schottische Bravehearts, die im Schleuderwaschgang Ibrox sinnbildlich ihr Leben auf dem Platz lassen. Das wird auch nicht für Augsburg, Bielefeld und die Champions-League-Qualifikation reichen. Und schon gar nicht für den SC Freiburg am 21. Mai in Berlin. Das ist kein Herrschaftswissen, sondern war beherrschendes Thema in Reihen der RB-Delegation, die am Freitagnachmittag mit hängenden Flügeln auf dem Airport Halle/Leipzig landete.

Spieltage 33 und 34: In der Liga müssen sechs Punkte her. Die könnten auch deswegen herumkommen, weil Tedesco in Berlin nur jene Fußballer kicken lässt, die sich gegen Augsburg und Bielefeld reinhauen. Das Pokal-Finale: Der Europapokal kostet keine Körner mehr, eine ordentliche Vorbereitung auf Freiburg ist eingedenk der Nichtteilnahme am Finale in Sevilla (18. März) möglich. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Oder so.