30. Juli 2021 / 14:46 Uhr

Nach zwölf Jahren VfL: Jakabfi spricht über ihren neuen Lebensabschnitt in Berlin

Nach zwölf Jahren VfL: Jakabfi spricht über ihren neuen Lebensabschnitt in Berlin

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Jakabfi
Nach toller Karriere nun am Schreibtisch: VfL-Urgestein Zsanett Jakabfi arbeitet in Berlin. © Hermstein, privat
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Sie hat fast ihre ganze Profi-Karriere beim Frauenfußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg verbracht: Zsanett Jakabfi, ungarische Ausnahmespielerin. Mit dem Saisonende hörte sie auf - und hilft jetzt bei der Durchsetzung von Versicherungsansprüchen nach Arbeitsunfällen. 

Zsanett Jakabfi, ist die Ausnahmespielerin des ungarischen Frauenfußballs. Die vielfache Nationalspielerin gewann mit dem VfL Wolfsburg alles, was es zu gewinnen gibt, beendete jüngst ihrer Karriere. Sie hilft jetzt bei der Durchsetzung von Versicherungsansprüchen nach Arbeitsunfällen. Im Interview spricht sie über ihren neuen Job in Berlin und ihre Karriere.

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Frau Jakabfi, Anfang Juni haben Sie ihr letztes Spiel im Trikot des VfL Wolfsburg absolviert. Wie sieht Ihre Gefühlslage mittlerweile aus?
Viele haben mir gesagt, dass es ein Gefühlschaos geben wird - aber davon kann ich noch nichts berichten. Ich spüre noch nicht viel von der Veränderung - bis auf Rückenschmerzen, da ich jetzt mehrere Stunden am Tag wieder im Büro sitze. (lacht). Den Schritt, aufzuhören, habe ich sehr bedacht gewählt habe und mir war klar, dass ich wieder arbeiten gehen und ohne den VfL und Sport mein Leben gestalten muss. Wahrscheinlich fällt es mir deswegen jetzt auch leichter.

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Wo trifft man Sie jetzt an?
Ich arbeite nun bei Alpha Sports in Berlin.

Welcher Tätigkeit gehen Sie dort nach?
Ich bin dort im Backoffice aktiv. 2007 startete Alpha Sports mit Fokus auf Prozessfinanzierung nach Arbeitsunfällen von aktiven und ehemaligen Profisportlern. Heute sind wir aber für alle da und unterstützen Profi- oder Amateursportler, Arbeitnehmer oder Selbstständige als Prozessfinanzierer dabei, Ansprüche gegenüber der gesetzlichen Unfallversicherung und im privaten Versicherungsrecht geltend zu machen. Wir sind sogesehen ein Prozesskostenfinanzierer von kostspieligen, langwierigen und komplexen Rechtsstreitigkeiten mit der gesetzlichen Unfallversicherung und im privaten Versicherungsrecht. Es ist super interessant, sehr vielfältig und ich lerne jeden Tag etwas Neues. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

Gab es für Sie keine berufliche Perspektive in Wolfsburg?
Es gab Gespräche, aber es war aktuell wegen Corona auch nicht so einfach. Und ich wollte nicht warten und die Chance in Berlin ergreifen, wenn ich sie bekomme. Ich habe mich in Wolfsburg sehr wohlgefühlt, da es dort sehr familiär ist und es kurze Wege gibt. Aber jetzt erfreue ich mich daran, wieder in einer Großstadt zu leben und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überall hin zu kommen.

Zwölf Jahre VfL, alle Erfolge miterlebt, für die Fans sind sie eine Vereinsikone. Haben Sie das Maximum rausgeholt?
Das Wort Vereinsikone mag ich nicht so. Aber auf Vereinsebene habe ich alles erreicht und alles gewonnen, was möglich ist. Darauf bin ich wahnsinnig stolz. Leider war ich mit der ungarischen Nationalmannschaft nie erfolgreich, dieser Teil wird mir leider immer fehlen.


Wie ist die Umstellung vom Fußball- zum Arbeitsleben?
Ich war in meinen letzten vier Jahren beim VfL Profi, davor war ich auch halbtags arbeiten und habe meine Ausbildung gemacht. Da ich aber beim VfL angestellt war, hatte ich bei wichtigen Spielen beispielsweise frei. Bei anderen Verein geht das nicht, das ist schade und muss sich dringend verbessern. Wenn man acht Stunden am Tag arbeitet und danach noch trainieren muss, ist die Belastung einfach enorm, das merke ich jetzt. Und dann ist natürlich auch nicht jede Spielerin im Büro tätig. Wenn man einen anstrengenden Job hat, kann man auf dem Platz keine hundert Prozent geben.

Sie kamen 2009 zum VfL, als dieser sportlich noch eine eher kleine Nummer war. Hätten Sie sich und dem Verein die Entwicklung damals so zugetraut?
Als ich damals von Ungarn nach Wolfsburg gezogen bin, habe ich als Jungspund noch gar nicht viel nachgedacht und was die Zukunft möglicherweise bringt. Die Entwicklung ist aber wirklich der Wahnsinn und ich bin froh, dass es letztlich so gekommen ist. Für mich war das als junge Spielerin ein riesiger Schritt und im Nachhinein natürlich mit die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Allein schon der Triumph in der Champions League 2013 an der Stamford Bridge ist etwas, das ewig in Erinnerung bleiben wird.

Wer hat Sie beim VfL besonders geprägt?
Navina Omilade und Annelie Brendel muss ich da erwähnen. Ich habe damals mit ihnen in einer WG gewohnt. Ohne Ommel hätte ich nie so gut Deutsch gelernt oder meinen Führerschein geschafft. (lacht) Auch Anna Blässe hat mich gut erzogen. Sie sagt dir immer ehrlich die Meinung, ganz egal, ob man die in dem Moment hören will oder nicht. Alexandra Popp, Almuth Schult, Lena Goeßling und auch Lara Dickenmann spielen in meinem Leben ebenfalls eine große Rolle. Ich hatte wirklich viel Glück, dass ich so ein tolles Umfeld hatte. Für diese Freundschaften bin ich total dankbar.

Mit wettbewerbsübergreifend 17 Treffern in 30 Spielen haben Sie zum Abschluss Ihre stärkste VfL-Saison gespielt...
Ja, man kann durchaus sagen, dass ich aufgehört habe, als es am schönsten war. Am liebsten hätte ich natürlich noch mal die Meisterschaft geholt. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, auch noch mal einen Champions-League-Titel. Aber es ist, wie es ist. Ich habe mich über den Pokalsieg riesig gefreut, auch wenn ich im Finale nicht gespielt habe. Es war für mich der perfekte Abschluss.

Und der perfekte Zeitpunkt?
Ich hatte schon vor Monaten das Gefühl, mit dem Fußball fertig zu sein. So ein Gefühl kommt nicht, weil man mal zwei Spiele nicht gespielt hat. Das kommt, wenn man wirklich so weit ist. Als so weit war, mit Freunden, Familie und Verein darüber zu reden, bin ich auch direkt an die Öffentlichkeit gegangen. Ich war aber auch professionell genug und habe meinen Restvertrag respektiert. Ich kann voller Überzeugung sagen, dass ich noch mal alles aus mir rausgeholt und mein Bestes gegeben habe. Ich wollte dem VfL und der Mannschaft etwas zurückgeben.

Wie sieht's mit der aktuellen Fitness aus?
Ich kann immer noch schnell rennen (lacht). Das Karriere-Ende hatte auch nichts mit meiner körperlichen Verfassung zu tun, mir war einfach klar, dass ich das nicht mehr machen möchte. Ich habe diesem Gefühl vertraut.

Wie sehen Sie mit etwas Abstand den VfL jetzt mit dem neuen Trainer?
Der VfL war schon immer ein Top-Verein, egal wer gekommen oder gegangen ist. Es ist aber immer die Frage, wie schnell sich das neue Konstrukt zusammenfügt. Weil mit Alex Popp, Almuth Schult oder Anna Blässe noch Spielerinnen vom alten Schlag dabei sind, hat man eine gute Achse. Dazu kommen die jungen, wilden, die von Erfolg geleitet und angezogen werden. Dementsprechend denke ich nicht, dass der große Umschwung so ein großes Problem wird. Ich bin sehr gespannt auf die neue Saison - und werde versuchen, beim Bundesliga-Auftakt gegen Potsdam vor Ort dabei zu sein.