17. Juli 2019 / 10:47 Uhr

Nachfahren von Turnvater Jahn: Ein bewegender Besuch

Nachfahren von Turnvater Jahn: Ein bewegender Besuch

Kerstin Förster
Leipziger Volkszeitung
Ernest John Rohr mit der olympischen Goldmedaille von Klaus Köste an dessen Grab. Mit dabei Ernest John senior (2.v.l.) und Ehefrau Kelly Ann, Sabine Köste (r.) und Matthias Brehme (l.).
Ernest John Rohr mit der olympischen Goldmedaille von Klaus Köste an dessen Grab. Mit dabei Ernest John senior (2.v.l.) und Ehefrau Kelly Ann, Sabine Köste (r.) und Matthias Brehme (l.). © Kerstin Förster
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Ernest John Rohr, der Urururur-Enkel von Friedrich Ludwig Jahn besuchte Klaus Köstes Grab in Groitzsch. Die Nachfahren von Turnvater Jahn haben von der Stadt eine Einladung zum Internationalen Deutschen Turnfest 2021 bekommen.

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Leipzig. Diesen Blick hat er geliebt. Wenn Klaus Köste mit seiner Frau Sabine auf dem Rad durch die heimatliche Jesewitzer Gegend fuhr, stoppten die beiden oft auch am Groitzscher Friedhof. Idylle pur, diese Muldenaue. Am Dienstag waren es Gäste aus Amerika, die diese Stimmung aufnahmen und sich vor dem Grab des 2012 im Alter von 69 Jahren verstorbenen Pferdsprung-Olympiasiegers verneigten. Ernest John Rohr, der Urururur-Enkel von Friedrich Ludwig Jahn sowie dessen Eltern Kelly Ann (52) und Ernest John Rohr senior (56) sind seit vergangenem Freitag auf Deutschland-Tour.

Kurz bevor der junge Mann an der University of Kansas im August mit dem Studium für Sportmanagement beginnt, wollte er sich unbedingt auf die Spur seiner Ahnen begeben. Emotionale Momente in Hülle und Fülle, gestern ein sehr bewegender Besuch an der letzten Ruhestätte von Klaus Köste, der ebenso wie Geher-Olympiasieger Peter Frenkel sein Pate ist. „Ich bin sehr traurig, sehr berührt. Ich war damals noch ein Baby und habe erst jetzt erfahren, was für ein großer Mann Klaus Köste für mich und unsere Familie war“, sagte der 18-Jährige aus Chicago/US-Bundesstaat Illinois – mit der olympischen Goldmedaille des Weltklasseturners in der Hand.

In der Sportschule Friedrich Ludwig Jahn in Potsdam.
In der Sportschule Friedrich Ludwig Jahn in Potsdam. © Peter Stein
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Lächelnd verfolgte Sabine Köste (71) die berührenden Szenen. „Das tut mir gut. Ich nehme es als starkes Gefühl, dass Klaus nicht vergessen ist. Er lebt in unseren Herzen weiter.“ Einen Blumenstrauß hatte auch Matthias Brehme (76) dabei. Der Olympiamedaillengewinner von Mexiko und München ist regelmäßig bei seinem Turnfreund zum Innehalten und zugleich im Gedenken an Erika Zuchold. Die 2015 verstorbene Weltklasseturnerin und Künstlerin hatte den Grabstein gestiftet. Der Eilenburger Steinmetz Andreas Heinitz brachte darauf die Köste-Autogrammschrift sowie dessen Geburts- und Sterbedatum auf.

Marathon-Programm für Jahn-Nachfahren

Gestartet wurde das Marathon-Programm des US-Trios in Potsdam, wo die Sportschule im Luftschiffhafen den Namen von Friedrich Ludwig Jahn (1778 bis 1852) trägt. Weiter führte die Route in die Berliner Hasenheide. Dort eröffnete Jahn, dessen ältester Sohn Siegfried 1852 in die USA ausgewandert war, 1811 den ersten deutschen Turnplatz. Am Montag ging es in Jahns Geburtsort Lanz in der Prignitz, wo dessen Vater als Pfarrer wirkte und Klein-Ernie in derselben Dorfkirche vor 17 Jahren symbolisch getauft wurde.

Ernest John Rohr, Urururur-Enkel von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, an der Sportschule Potsdam, die nach seinem Urururur-Großvater benannt ist.
Ernest John Rohr, Urururur-Enkel von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, an der Sportschule Potsdam, die nach seinem Urururur-Großvater benannt ist. © Peter Stein

Die Ahnenforschung von Ernest John Rohr senior begann mit einem Klick auf die Internet-Seiten der Berliner GymMedia-Agentur von Eckhard Herholz und der Idee, die Wirkungsstätten des berühmten Vorfahren zu besuchen. Im August 1999 eröffnete der ehemalige Ringer und Footballer das 77. Jahn-Gedenkturnen in Freyburg/Unstrut. „Es ist eine große Ehre für unsere Familie zu sehen, wie das Vermächtnis unserer Vorfahren hier gepflegt wird“, bekannte er, überrascht von 1500 Startern beim Turnfest unter freiem Himmel. Mit viel Beifall bedacht wurden Erika Zuchold und Klaus Köste.

„Little Ernie“ Ehrengast beim 31. Deutschen Turnfest in Leipzig 2002

Knapp drei Jahre später war Ehepaar Rohr wieder in Deutschland, mit Sohnemann „Little Ernie“ als Ehrengäste beim 31. Deutschen Turnfest in Leipzig. Im Alten Rathaus trafen sie auf deutsche Verwandte, darunter den in Knautkleeberg wohnenden Ururur-Enkel des Turnvaters: Torsten Quehl, von Jahns Tochter Sieglinde abstammend. Gerne hätte Quehl die weitgereisten Gäste in eine Jahn-Schule geführt, aber aus der geplanten Namensgebung für die 43. Schule, der Sportmittelschule, wurde nichts. Nachforschungen in Jahns Gesamtwerk hatten umstrittene Sätze und Gedanken zu Tage gefördert. Auch zu Ernest John Rohr waren die Vorwürfe gedrungen: „Wer so etwas sagt, kennt Jahn einfach nicht.“

Beim Deutschen Turnfest 2002 in Leipzig staunt „Little Ernie“ über den Rummel.
Beim Deutschen Turnfest 2002 in Leipzig staunt „Little Ernie“ über den Rummel. © Klaus-Dieter Gloger

Den elf Monate alten Ernie berührte diese Debatte nicht, wie die LZV schrieb. Er staunte nur über den Rummel. Allerdings hatte man als Ehrengast nicht überall Vorteile: Als es zum Seniorenturnen in die Arena ging, um den neuen Patenonkel Klaus Köste in Aktion zu sehen, gab es zum Sitzen keine Ehrenloge, sondern nur Papas breite Schultern.

Mit der Gerätekunst hat es der Nachfahre in sechster Generation übrigens nicht so, er favorisiert Football, Basketball und Baseball. „Auch wenn ich kein Turner bin, fasziniert mich diese Sportart. Ich werde ihr dank meiner persönlichen Geschichte immer verbunden bleiben.“

Einladung zum Internationalen Deutschen Turnfest in Leipzig 2021

Die vier F für „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ – dem Leitspruch Jahns finden sich auch auf dem Logo für das Internationale Deutsche Turnfest in Leipzig 2021. Eine Einladung für Familie Rohr wurde seitens der Stadt ausgesprochen. Am Dienstag hieß eine weitere Station Turnfest-Zentrale in Gohlis, wo OK-Geschäftsstellenleiterin Kati Brenner und Eberhard Firl, Geschäftsführer des Sächsischen Turn-Verbandes, einen Vorgeschmack auf das Breitensport-Spektakel über Himmelfahrt gaben. Dankbar nahmen die weitgereisten Gäste einen Bildband des Berliner Festes von 2017 entgegen. GymMedia war überall mit Auge und Ohr dabei.

Am Mitwoch ist ein Besuch des Stadtgeschichtlichen Museums und der historischen Sportroute an der Leplay-Halle geplant. Final geht es nach Freyburg, wo sich Jahns Grabstätte, das Museum und die erste deutsche Turnhalle befinden – und 2022 das 100. Jahnturnfest gefeiert wird.

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