20. März 2021 / 09:59 Uhr

Nachwuchskicker im Leipziger Land schon wieder ausgebremst

Nachwuchskicker im Leipziger Land schon wieder ausgebremst

Heiko Henschel
Leipziger Volkszeitung
Besser als nichts: In Grimma wurde wenigstens zeitweise mit dem Ball trainiert. 
Besser als nichts: In Grimma wurde wenigstens zeitweise mit dem Ball trainiert.  © Karsten Hannover
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Kompliziert ist untertrieben: Der Trainingsbetrieb für Nachwuchssportler im Muldental und Leipziger Land wird mit den geltenden Corona-Regelungen zu einem Vabanquespiel.

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Borna/Grimma. Inzidenzwert unter 100 und unter 50; eine gewisse Anzahl an Tagen mit stabilen Zahlen im Landkreis und im Freistaat; eventuelle Öffnungsschritte am 8. März und am 22. März und am 5. April; Notbremse bei einer Überschreitung des Grenzwertes nach einer bestimmten Anzahl an Tagen, Sport im Freien und in der Halle; Kinder bis 14 Jahre sowie Jugendliche und Erwachsene ab 15 Jahre; Training kontaktfrei oder mit Kontakt jeweils entsprechend der Übungseinheit und nicht der Sportart; Training einzeln beziehungsweise zu zweit oder in der Gruppe mit höchstens zehn oder 20 Teilnehmern sowie einer festgelegten Anzahl an Übungsleitern, Training mit tagesaktuellem Corona-Schnelltest oder ohne derartigen Nachweis.

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„Hier blickt doch keiner mehr durch“

Die Verwirrung ist groß, seit der letzten Bund-Länder-Konferenz Anfang des Monats und dem daraufhin entstandenen Bürokratie-Monster brummt den Verantwortlichen in den Sportvereinen und deren Fußballabteilungen auch ohne Alkoholgenuss der Schädel. Allein das überarbeitete Muster-Hygienekonzept des DFB mit dem sperrigen Namen „Leitfaden für Trainings- und Spielbetrieb im Amateurbereich“ hat beinahe biblische Ausmaße, es umfasst 29 Seiten und da sind mehrere ellenlange Anhänge noch gar nicht mit eingerechnet. Böse Zungen behaupten bereits, die Regelungen würden die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes in den Vereinen eher blockieren anstatt zu beschleunigen.

Sätze wie „Hier blickt doch keiner mehr durch“ machen die Runde, der Frust steigt und verdrängt aufkeimende Frühlingsgefühle. Dabei hatte man in den Vereinen die verständliche und berechtigte Hoffnung gehegt, mit dem einen oder anderen Schlupfloch im Rücken zunächst wenigstens erst einmal die jüngeren Kicker von der Leine zu lassen. Was dann trotz aller Schwierigkeiten mancherorts zwischenzeitlich auch gelingen sollte.

Corona ist sensibles Thema

Zu mindestens teilweise sieht die Realität allerdings etwas anders aus, wie wir bei einer Nachfrage in den Nachwuchs-Hochburgen und DFB-Trainingsstützpunkten des Fußballverbandes Muldental/Leipziger Land erfahren mussten. Ein kleiner Streifzug durch die vergangenen Tage auf der Suche nach vorsichtigen Schritten auf dem Weg hin zu ein wenig Normalität für die fußballbegeisterten Kinder in den regionalen Sportstätten und ein Blick auf die Sorgen sowie Nöte der Vereinsvertreter im Dickicht des Paragrafen-Dschungels.

Uli Löser (Leiter der Jugendabteilung und des Nachwuchsleistungszentrums beim Döbelner SC) war zunächst frohen Mutes, in der dritten Märzwoche endlich wieder einige Kinder zu Trainingseinheiten im Heinz-Gruner-Sportpark begrüßen zu dürfen: „Ich habe zwar ein wenig Bedenken angesichts der zuletzt gestiegenen Infektionszahlen, doch wir planen den Restart ohne in irgendeiner Weise vorschnell sein zu wollen. Corona ist natürlich ein sensibles Thema, aber bei strenger Einhaltung der Hygienemaßnahmen sollte der Sache nichts im Wege stehen. Wir müssen die Kids vom Computer weg bekommen, bevor sie dort festwachsen. Leicht wird das sicherlich nicht, hoffentlich kehren nach dem Lockdown alle Kicker in den Verein zurück.“

Nur zwei Tage und eine Vorstandsversammlung später musste Löser allerdings einen ungewollten Salto rückwärts verkünden: „Unser Präsident hat nach gründlicher Analyse der Regelungen herausgefunden, dass alle Trainingsteilnehmer einen aktuellen und negativen Corona-Test vorweisen müssten. Das ist völlig realitätsfremd und von uns oder den Erziehungsberechtigten überhaupt nicht zu bewältigen. Deshalb haben wir die Wiederaufnahme des Übungsbetriebs erst einmal auf Eis gelegt. Das ist natürlich sehr schade, wir kommen uns alle ziemlich veralbert vor. Jetzt gilt es die weitere Entwicklung abzuwarten, derweil können die Kinder halt noch etwas für die Schule machen, manch Elternteil ist gezwungenermaßen auch dieser Meinung.“

DURCHKLICKEN: Training im Nachwuchszentrum Döbeln im September 2020

Unter der Aufsicht von Nachwuchsleiter Ulrich Löser haben die Kids des Döbelner SC viel Spaß beim Trainieren und Spielen. Zur Galerie
Unter der Aufsicht von Nachwuchsleiter Ulrich Löser haben die Kids des Döbelner SC viel Spaß beim Trainieren und Spielen. © Sven Bartsch

Der DSC teilt auf seiner Homepage offiziell mit, dass noch erheblicher Klärungsbedarf besteht. Dies betrifft die Herkunft der Tests, deren Durchführung und Dokumentation, die Kostenfrage sowie notwendige Prozessabläufe vor Trainingsbeginn. Bevor diese Probleme nicht gelöst seien, könne kein Fußballtraining durchgeführt werden. Zu beachten ist außerdem, dass Döbeln zum Landkreis Mittelsachsen gehört und dort die Inzidenzwerte zuletzt meist etwas höher lagen als im Landkreis Leipzig, welcher den Großteil des Verbandsgebiets umschließt. Uli Löser (selbst wohnhaft in Nordsachsen) muss also besonders aufpassen, beim täglichen Studium der Infektionszahlen den genauen Überblick zu behalten.

Training nach 20 Wochen Pause

Einige Kilometer die Mulde abwärts war auch Patrick Wiede (Nachwuchsleiter beim FC Grimma) sofort nach Bekanntwerden der Mini-Lockerungen in freudiger Erwartung, vielleicht bald wieder etwas Leben in die Bude Husaren-Sportpark hinein zu bekommen: „Bei unserer kommenden Vorstandssitzung steht die Thematik auf jeden Fall ganz oben auf der Agenda und wird selbstredend ausführlich besprochen. Im Moment warten wir allerdings noch auf Informationen aus der Stadtverwaltung, ob und wann die Sportstätten wieder geöffnet werden. Ich hoffe, so schnell wie möglich konkrete Vorbereitungen treffen zu dürfen.“

Diese waren dann auch nicht umsonst, denn am vergangenem Mittwoch hatte das lange Warten endlich ein Ende. Die D-Junioren-Mannschaft trainierte nach 20 Wochen Pause erstmals wieder, in vier kleinen Gruppen und unter strenger Einhaltung aller vorgeschriebenen Hygienevorschriften. Die verantwortlichen Übungsleiter Volker Sturm und Jens Böhme – welche fast den kompletten Kader begrüßen konnten – wurden dabei von Jens Frankenstein (Coach der A-Jugend) sowie von Ramo Zeißig tatkräftig unterstützt.

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Kevin Kutzner (Jugendleiter beim Bornaer SV) war ebenso umgehend in die Spur gegangen, um die Möglichkeiten einer Aufnahme des Trainingsbetriebs im Rudolf-Harbig-Stadion auszuloten. So rasch wie gewünscht war es ihm dann jedoch nicht gelungen, einen Terminplan zu präsentieren: „Wir sind dran an der Problematik und arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung unseres Vorhabens, den Kindern wieder Trainingseinheiten anbieten zu können. Mit den Kleinsten wollen wir anfangen und sind optimistisch, dass es klappt. Genaueres wird aber erst nächste Woche spruchreif sein.“

Der Anfang ist gemacht

Einige Tage danach war es dann tatsächlich so weit, denn auf dem Kunstrasen tummelte sich nach schier unendlich langer Wartezeit ein Teil der Nachwuchsmannschaften in Kleingruppen bei Kontakt freien Trainingseinheiten. Unter Leitung von Coach Jens Wagner wurde penibel darauf geachtet, dass die Hygiene-Regeln strikt eingehalten werden.

Ein Anfang ist gemacht, doch die Zukunftsaussichten sind angesichts der nahenden beziehungsweise bereits angekommenen „dritten Welle“ keinesfalls ungetrübt. Auch in Sachsen steigen die Infektionszahlen seit Tagen abermals an. So hat sich das Licht am Ende des Tunnels bereits wieder ein wenig verdunkelt.

Einige Vereine haben den Motor deswegen noch gar nicht angelassen, einige andere deshalb erneut den Rückwärtsgang eingelegt. Die Kinder – welche lediglich mit ihren Kameraden Sport treiben wollen – verstehen das ganze Durcheinander am wenigsten. Es ihnen einigermaßen verständlich zu erklären, das ist eine der großen Herausforderungen der Gesellschaft in diesen schwierigen Wochen und Monaten.