26. April 2021 / 15:50 Uhr

Kommentar zu Nagelsmann: Keiner bietet den Bayern in deutschen Landen die Stirn

Kommentar zu Nagelsmann: Keiner bietet den Bayern in deutschen Landen die Stirn

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Oliver Mintzlaff und Julian Nagelsmann: Trennen sich ihre Wege im Sommer?
Oliver Mintzlaff und Julian Nagelsmann: Trennen sich ihre Wege im Sommer? © Imago / Jan Huebner
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RB Leipzig war in dieser Saison Bayern-Verfolger Nummer eins. Von Saison zu Saison konnten die Messestädter den Rückstand zum Rekordmeister verringern, auch dank Julian Nagelsmann. Nun könnten die Sachsen dieses gewaltige Pfund aus der Hand geben. Das "wäre zu verhindern gewesen", sagt SPORTBUZZER-Reporter Guido Schäfer.

Leipzig. Die letzten zwei, drei Transferperioden der Bayern sind gelinde gesagt suboptimal verlaufen, ein diesbezügliches Versäumnis reparieren die Rekordmeister mit Sommer-Neuzugang Dayot Upamecano. RB verliert seinen besten Abwehrspieler, die Bayern lösen ihr Schnelligkeitsproblem in der Abwehr auf Jahre hinweg.

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Lebenstraum Bayern

Eben jene Bayern haben es geschafft, einen ausgesprochen friedfertigen Mann wie Hansi Flick zu vergraulen. Sehenden Auges oder fahrlässiger Weise, vielleicht ein Mittelding. Diese XXL-Baustelle wollen sie mit Julian Nagelsmann schließen. Bayern-Denke: „Wer den besten Abwehrspieler der Bundesliga bekommt, kriegt auch den besten Trainer der Bundesliga. Wir machen uns unbesiegbar und stutzen den aufmüpfigen Leipzigern die Schwingen. Haben wir immer so gehalten. Mia san mia!"

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Dass Upamecano zu den Bayern geht, war nicht zu verhindern. Der junge Mann hat eine Ausstiegsklausel, hinterlässt in Leipzig bleibenden Eindruck und runde 40 Millionen Euro. Der Weggang von Julian Nagelsmann wäre zu verhindern gewesen. Mit harter Hand und Unnachgiebigkeit.

Nagelsmann ist ein Genie, macht Spieler, Mannschaftsteile, Teams besser. Dass Nagelsmann bei einer Bayern-Offerte schwach werden und um Freigabe bitten könnte, war bei dessen Vertragsunterschrift 2018 schon klar. Der Mann ist ehrgeizig, ungeduldig, hat als Kind in Bayern-Bettwäsche geschlafen. Doch wer/was sollte RB dazu veranlassen, diesem Ansinnen zu entsprechen? Der Profifußball ist weder Ponyhof noch Wunschkonzert.

Nach jüngsten Erkenntnissen hat Nagelsmann seinen Wechselwunsch mit emotionalem Nachdruck bei RB-Chef Oliver Mintzlaff hinterlegt, von einem Lebenstraum gesprochen. Damit kam abseits von vertraglichen Verabredungen eine neue Qualität und Güterabwägung ins Spiel. Nagelsmanns unmissverständlicher Vorstoß (und eine im Raum stehende Rekordablöse) haben RB bewegt, darüber nachzudenken, wie sinnvoll es ist, mit einem Trainer, der nicht nur auf gepackten Koffern sitzt, sondern schon Lederhosen trägt, in die neue Saison zu gehen.

Ohne Rücksicht auf Verluste

RB hat von 2018 bis 2019 auf Nagelsmann gewartet, trotzdem fünf Millionen Euro nach Hoffenheim überwiesen und mit dem Gottbegnadeten Handelseinigkeit über einen fantastisch dotierten Vier-Jahres-Vertrag bis 2023 erzielt. Ohne Ausstiegsklausel. Die Statik des RB-Gebildes hat viel mit Nagelsmann zu tun. Dass RB die hausgemachten Bayern-Probleme löst und d e n Unterschiedstrainer schlechthin an die Isar lässt, bringt eben jene Statik ins Wanken. Der Abstand zwischen RB und Bayern war noch nie so klein, die Chance auf einen Leipziger Titel 2022 ist real. Wenn die Bayern bei RB abgeblitzt wären, hätte der FCB auf der wichtigsten Position eines jeden Clubs, der des Cheftrainers, mit einer B-Lösung in die Saison gehen müssen.


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Jetzt kürzt er, der Supertrainer, den Weg zum persönlichen Gipfelkreuz ohne Rücksicht auf Verluste ab. Er geht für eine Rekordablöse zum Rekordmeister. Und selbst 100 oder mehr Millionen Euro Ablöse helfen den RB-Bossen nicht, die Fragezeichen über den gesalbten Häuptern aktueller und potenzieller RB-Spieler wegzumoderieren. Viele sind wegen Nagelsmann in Leipzig, Diverse kommen wegen ihm.

Der Weggang von Nagelsmann wirft kein gutes Zeichen auf die Szene. Es bleibt dabei: Keiner bietet den Bayern in deutschen Landen die Stirn. Kein Spieler, kein Trainer, kein Club. Verträge sind Preisschilder. Sonst nichts.