19. August 2020 / 11:32 Uhr

Kommentar zum Aus von RB Leipzig in der Champions League: Nagelsmanns Matchplan ging nicht auf

Kommentar zum Aus von RB Leipzig in der Champions League: Nagelsmanns Matchplan ging nicht auf

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Julian Nagelsmann hatte sich das Halbfinale gegen Paris anders vorgestellt.
Julian Nagelsmann hatte sich das Halbfinale gegen Paris anders vorgestellt. © Picture Point
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Das 0:3 von RB Leipzig gegen Paris Saint-Germain im Halbfinale der Champions League hat die Schwachstellen der Messestädter offen gelegt. Julian Nagelsmanns Kicker fanden kein Mittel gegen die Franzosen. Der Coach muss sich die Frage stellen, was und wohin er will, sagt SPORTBUZZER-Redakteur Guido Schäfer.

Nein, kein Geburtstagsgeschenk zum 45. von RB-Boss Oliver Mintzlaff am Mittwoch. Nein, Ralf Rangnick jettet nach seinem Sonnabend-Auftritt im Sportstudio nicht nach Lissabon zum großen Finale. Das Endspiel um die Krone Europas steigt ohne Leipziger Beteiligung, sehr wahrscheinlich zwischen Bayern München und Paris. Die Roten Bullen haben es unter die besten vier Mannschaften in Europa geschafft. Das ist sensationell, hebt den Verein auf ein neues Niveau - emotional, faktisch und in Sachen Strahlkraft. Dafür gebührt dem jungen Trainer Julian Nagelsmann und seiner jungen Equipe Lob und Anerkennung. RB Leipzig ist einstweilen auf der Fußball-Weltkarte angekommen. Mit der Unterstützung von Red Bull, intelligenter Mittelverwendung, Energie, Fleiß, einer sich just wandelnden Philosophie und Überzeugung.

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Keine Ballbesitz-Mannschaft auf internationalem Top-Niveau

Dass die Pariser Mannschaft fünfmal so teuer/wertvoll wie die von RB ist, wusste man vorher. Dass RB im Normalfall keine Chance haben wird, war wenig geheimnisumwoben. Und doch speiste sich die Spannung dieser Partie aus der Überlieferung, wonach ein perfekt funktionierendes Team gegen bessere Einzelkönner gewinnen kann. Und, ja, Mentalität schlägt an besonderen Tagen bekanntlich Qualität. Ein Problem aus Leipziger Sicht: Der mit allen Wassern gewaschene Thomas Tuchel hat seine Superstars zum Laufen und Kämpfen gebracht, den Neymars und Mbappés die Wichtigkeit des Miteinanders eingeimpft, ihnen den Rückwärtsgang nahe gebracht.

DURCHKLICKEN: So kommentiert die Presse die Partie

L'Equipe (Frankreich): Nachdem die Pariser im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo zittern mussten und lange zurück lagen, überließen sie es diesmal nicht dem Gegner, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihr 4-3-3 war sehr gut organisiert, sie besetzten die Räume perfekt und ließen die Deutschen vor allem in der ersten Halbzeit viel laufen. Zur Galerie
L'Equipe (Frankreich): "Nachdem die Pariser im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo zittern mussten und lange zurück lagen, überließen sie es diesmal nicht dem Gegner, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihr 4-3-3 war sehr gut organisiert, sie besetzten die Räume perfekt und ließen die Deutschen vor allem in der ersten Halbzeit viel laufen." ©

Ein weiteres Problem: Nagelsmanns Matchplan ging nicht auf. Während es das limitierte Team von Atalanta Bergamo geschafft hatte, die Pariser 85 Minuten lang zu stressen und die Tuchel-Stars schon am eigenen Strafraum zu Fehlern zwingen, störte RB - wenn überhaupt - erst ab der Mittellinie. Sie liefen viel, die Konrad Laimers und Co. Vornehmlich hinterher. Die Quantität der Läufe stimmte, die Qualität nicht.

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Und: Das Festhalten am gepflegten Spiel von hinten heraus war gegen Paris keine gute Idee. Man hätte wissen können, dass Neymar und Co. vorne Bälle jagen und wissen, wohin die ergatterte Kugel dann muss: ins Tor. Dass weite Bälle auf Mittelstürmer Yussuf Poulsen gegen Augsburg oder Mainz auf dem Index stehen, ist nachvollziehbar. Auf internationalem Top-Niveau ist RB noch keine Ballbesitz-Mannschaft. Julian Nagelsmann muss sich die Frage stellen, was und wohin er will. Die RB-DNA des Immer-und-Überall-Pressings ist weitgehend über Bord gegangen. Platz drei in der Liga und das Halbfinale der Champions League könnten ein Beleg für die richtige Stoßrichtung sein. Könnten. Anders als Pep Guardiola kann sich Nagelsmann nicht im Katalog die besten Ballbesitz-Kicker des Erdballs aussuchen.