26. Januar 2022 / 09:29 Uhr

Zwischen Heimweh und Rekorden: Das rasante NBA-Leben der Wagner-Brüder

Zwischen Heimweh und Rekorden: Das rasante NBA-Leben der Wagner-Brüder

Ronald Tenbusch
Märkische Allgemeine Zeitung
Basketball Berlin 12.04.2019 Eurocup Finale Spiel 2 Saison 2018 / 2019 Alba Berlin - Valencia Basket Franz Wagner (Alba Berlin, No.22) mit seinem bruder Moritz (Spieler LA Lakers NBA Basketball Herren USA *** Basketball Berlin 12 04 2019 Eurocup Final Match 2 Season 2018 2019 Alba Berlin Valencia Basket Franz Wagner Alba Berlin No 22 with his brother Moritz Player LA Lakers NBA
2019 stand Franz Wagner (l.) mit Alba Berlin im Eurocup-Finale und erhielt Unterstützung von Bruder Moritz. © imago images / Camera 4
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Seit 2018 spielt Moritz Wagner in der NBA, im vergangenen Sommer stieß auch sein jüngerer Bruder Franz hinzu. Seither spielen die beiden Berliner in Orlando. Gemeinsam geben sie sich im großen Basketball-Zirkus Halt, aber nur einer greift nach den Sternen.

Es ist bezeichnend, wieso die beiden NBA-Brüder später als angekündigt zum Gespräch erscheinen. Es sind keine Star-Allüren von Moritz (24) und Franz (20) Wagner, den Geschwistern aus Berlin-Prenzlauer-Berg, die gemeinsam in der besten Basketballliga der Welt spielen. Auch an den sechs Stunden Zeitverschiebung nach Orlando, Florida (USA), wo sie gemeinsam für die Magic auf Körbejagd gehen, hat es nichts zu tun. Sie haben einfach nach dem Teamtraining noch eine freiwillige Extraeinheit eingelegt. „Ob ich ein gutes Gefühl habe, wenn ich abends zu Bett gehe, hängt davon ab, ob ich am Tag beim Training oder im Spiel alles gegeben habe“, sagt Franz Wagner.

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Es ist diese Arbeitsethik, die beiden den Sprung aus der Talentschmiede von Alba Berlin über ein Stipendium an der University of Michigan bis in die NBA ermöglicht hat – und das als erstes deutsches Bruderpaar in der Geschichte. Dass der Name „Wagner“ in der NBA aktuell in aller Munde ist, liegt aber vor allem am jüngeren der beiden. Franz ist zwar Neuling in der Liga, spielt aber seit der ersten Woche, als hätte er nie etwas anderes gemacht. In jedem Spiel der regulären Saison kam der 2,08 Meter große Small Forward bislang zum Einsatz und legte dabei beachtliche 15,4 Punkte pro Spiel im Schnitt auf.

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„Ich wusste, dass Franz gut Basketball spielen kann. Aber dass er das so konstant abruft - drei, vier Mal die Woche, das ist etwas Besonderes“, sagt Moritz Wagner über seinen Bruder. Im Dezember wurde Franz daher zum „Rookie des Monats“ im Osten gewählt. Und auch bei der Wahl zum „Rookie des Jahres“ sehen ihn viele Experten in aussichtsreicher Position. „Es klingt abgedroschen, aber wenn man von Tag zu Tag lebt, passieren gewisse Dinge von ganz alleine. Ich versuche so gut zu spielen wie möglich. Alles andere liegt nicht bei mir“, sagt Franz Wagner.

Wenn er das so erzählt, sitzt sein älterer Bruder Moritz neben ihm und hört ganz genau zu. Man merkt, dass er seinen Bruder im Blick behält. Das tut, was Mutter Beate Wagner und Vater Axel Schulz, der selbst Jugendnationalspieler der DDR im Handball war, aus der Ferne nicht tun können. An der Rollenverteilung im Privatleben hat sich nichts geändert, auch wenn Franz auf dem Parkett bereits deutlich mehr Verantwortung trägt als Moritz.

„Ich bin ein ganz normaler kleiner Bruder. Ich habe angefangen Basketball zu spielen, weil Moritz gespielt hat und mir natürlich auch viel von ihm abgeschaut“, sagt Franz, der dennoch weiß, wie unterschiedlich beide in der Halle agieren. Einerseits, weil Moritz als Center eine ganz andere Aufgabe auf dem Feld zu erfüllen hat, andererseits aber auch, weil er vom Basketball-Gott ein klein bisschen weniger Fähigkeiten in die Wiege gelegt bekam als sein kleiner Bruder.

"Ganz im Ernst, ich glaube, es gibt für ihn kein Limit“

Moritz, dessen Name in den USA für Zungenbrecher sorgt und der deshalb nur „Moe“ gerufen wird, spielt bereits seit 2018 in der National Basketball Association. Von den Los Angeles Lakers ausgewählt, wurde er nach einem Jahr nach Washington abgegeben. Eineinhalb Jahre später ging es für ein kurzes Intermezzo nach Boston, seit einem dreiviertel Jahr spielt er in Orlando. Während Moritz darum kämpfen muss, überhaupt Spielminuten zu ergattern und weiter den NBA-Traum leben zu dürfen, scheinen für Franz ganz andere Sphären möglich.


Schon jetzt hat er einige Rekorde geknackt, die aufhorchen lassen. Kein Deutscher wurde früher beim Draft ausgewählt (8. Stelle, wie Detlef Schrempf) – NBA-Legende Dirk Nowitzki wurde 1998 erst eine Position später ausgewählt. Mit 38 Zählern im Spiel gegen Meister Milwaukee Ende Dezember stellte Franz Wagner zudem einen neuen Punkterekord für einen deutschen Rookie auf, den hielt bis dato Nowitzki mit 29 Punkten. „Heute kam er raus und hat großartig gespielt. Er hat seine Mannschaftskameraden mit einbezogen und hat seine Würfe getroffen. Ganz im Ernst, ich glaube, es gibt für ihn kein Limit“, sagte Milwaukees Superstar Giannis Antetokounmpo nach dem Spiel.

Worte der Anerkennung, die es für einen Deutschen in der Liga zuletzt für Nowitzki gab. Als der große Blonde 2011 mit den Dallas Mavericks die Meisterschaft holte, war Franz neun Jahre alt, Moritz war 14. Dennoch ist er für beide bis heute eine Inspiration. „Er hat gezeigt, dass man als deutscher Junge in die NBA kommen und hier erfolgreich sein kann“, sagt Moritz, der in seinem Zimmer stets ein Poster von Nowitzki zu hängen hatte, flankiert vom Satz: „Alle Träume klingen verrückt. Bis sie wahr werden.“

 LOS ANGELES, CA - DECEMBER 11: Orlando Magic center Moritz Wagner 21 and Orlando Magic forward Franz Wagner 22 while playing the LA Clippers during an NBA, Basketball Herren, USA professional basketball game. Photo by John McCoy/Icon Sportswire NBA: DEC 11 Magic at Clippers Icon2112111729
Nummer 21 (Moritz) und Nummer 22 (Franz) der Orlando Magic heißen Wagner. © imago images/Icon SMI

Der Traum der beiden Wagner-Brüder war es, eine Karriere in der NBA zu starten. Dafür mussten sie früh Opfer bringen. Eines davon war der Umzug in die USA. Erst aufs College in Ann Arbor, Michigan, dann an den Ort, den ihnen das wenig romantische Franchise-System der NBA vorschreibt. “Ich persönlich vermisse Berlin sehr“, sagt Franz Wagner, „jeder, der schon mal in der Stadt war, kennt den Vibe. Natürlich vermisse ich auch die Leute, meine Freunde, meine Familie.“

Zumindest gelegentlich gebe es Besuch aus der Heimat, wenn es der eng getaktete Spielplan mit 82 Hauptrunden-Spielen denn zulässt. Neben der anhaltenden Corona-Pandemie mit Sicherheit auch der Hauptgrund, wieso es Franz Wagner in den letzten zwei Jahren nur ein einziges Mal nach Berlin geschafft hat. Ersatz-Heimat ist sein Bruder Moritz. Die beiden gehen zwar auch mal bewusst auf Abstand, weil es ihnen guttut, wie Moritz bekräftigt. Grundsätzlich stehen sie aber Seite an Seite, in der großen und manchmal auch etwas einschüchternden Welt der NBA.

Und so sagt Moritz mit großer Freude und voller Überzeugung: „Mein Bruder ist mein bester Kumpel. Und mit dem darf ich auch noch meinen Traumjob ausüben.“ Viel besser könnte es aktuell also gar nicht sein, zwei Dinge vielleicht: Sportlich könnte es besser laufen, die Orlando Magic sind aktuell Tabellenletzter im Osten. Und einen Heimatbesuch dürfte es mal wieder geben. Anbieten würde sich dafür die Heim-EM im Herbst, die unter anderem in Köln und Berlin stattfindet (1. bis 18. September). Bundestrainer Gordon Herbert und die deutschen Basketballfans würde ein so talentiertes Geschwister-Paar im DBB-Team mit Sicherheit freuen.