11. März 2019 / 17:00 Uhr

Chemnitzer FC versucht nach Neonazi-Trauerfeier Schadensbegrenzung zu betreiben

Chemnitzer FC versucht nach Neonazi-Trauerfeier Schadensbegrenzung zu betreiben

Matthias Puppe
Leipziger Volkszeitung
Schweigeminute vor dem Anpfiff: Ruhe in Frieden, Tommy, steht auf einem Banner. Der Fanblock zündet Pyrotechnik.
Schweigeminute vor dem Anpfiff: "Ruhe in Frieden, Tommy", steht auf einem Banner. © imago / HärtelPRESS
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Dass es in der Chemnitzer Fanszene auch rechtsextreme Gruppierungen gibt, ist nicht neu. Die Trauerfeier für einen bekannten Neonazi am Samstag bringt den Regionalligisten nun allerdings in Bedrängnis. Der CFC reagiert mit einer Strafanzeige und entlässt Mitarbeiter.

Chemnitz Nach der Trauerfeier für den bekannten Neonazi Thomas Haller am Samstag im Stadion des Chemnitzer FC ringt der seit Jahren für eine teilweise rechtsradikale Fanklientel bekannte Regionalligist einmal mehr um Schadensbegrenzung. Am Montag erstatteten die Himmelblauen Strafanzeige gegen unbekannt bei der Staatsanwaltschaft. Zudem setzte Insolvenzverwalter Klaus Siemon – seit April 2018 starker Mann im Verein – die Fanbetreuerin und den Stadionsprecher vor die Tür.

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„Der Ablauf zum Heimspiel gegen die VSG Altglienicke weicht so weit von unserem Sicherheitskonzept und den Vorfestlegungen und Absprachen zur Durchführung eines Spiels in der Regionalliga ab, dass es zu klären gilt, wie dies geschehen konnte“, sagte Siemon. Ihm lägen Aussagen von Sicherheitsmitarbeitern vor, denen „massive Ausschreitungen“ angedroht wurden. Ein Anfangsverdacht „schwerwiegender Nötigung“ und „schweren Landfriedensbruchs“ sei gegeben, behauptet Siemon. Ob das zutrifft, entscheidet die Staatsanwaltschaft. Diese bestätigte am Montag erstmal nur den Eingang der Anzeige.

DURCHKLICKEN: Der CFC und seine Fans trauern um einen Neonazi

Schweigeminute vor dem Anpfiff: Ruhe in Frieden, Tommy, steht auf einem Banner. Der Fanblock zündet Pyrotechnik. Zur Galerie
Schweigeminute vor dem Anpfiff: "Ruhe in Frieden, Tommy", steht auf einem Banner. Der Fanblock zündet Pyrotechnik. ©

Wer die Drohungen ausgesprochen hat und warum, ist unklar. Nachfragen wurden nicht beantwortet. Auch die Tatsache, dass eine Traueranzeige für den nach einem Krebsleiden gestorbenen Neonazi auf der Videoleinwand des Stadions gezeigt wurde, blieb vom CFC unkommentiert. Klar scheint für den Regionalligisten immerhin, dass „einschlägig bekannte Personen der rechtsextremen Szene für diesen Tag aus anderen Städten nach Chemnitz und Sachsen gereist sind“. Ob diese Auswärtigen auch dafür gesorgt haben, dass das vielseitige Zaunfahnenmeer auf der Südtribüne verschwunden war und stattdessen die Fans nur ein großes schwarz-weißes Kreuz zeigten? Insolvenzverwalter Siemon setzt bei der Aufklärung dieser Frage ebenfalls auf die Staatsanwaltschaft.

Mehrere rechtsextreme Fangruppen beim CFC

Gänzlich neu dürfte auch ihm der rechtsradikale Einfluss auf Teile der Chemnitzer Fanszene allerdings nicht sein. Seit 2004 gibt es die Gruppierung New Society Boys, abgekürzt NS Boys, im himmelblauen Anhang. Der Verfassungsschutz stuft die Boys mit Hitlerjungen im Logo ebenso wie Kaotic Chemnitz als rechtsextremistisch ein. Bei den Chemnitzer Hetzjagden auf Migranten im August 2018 sollen Gruppenmitglieder ein tragende Rolle gespielt haben. Verbindungen gibt es auch zur teilweise ähnlich politisch aktiven Fanszene von Energie Cottbus. Wohl nicht zufällig waren am Samstag im Energie-Stadion auch Beileidsbekundungen für Thomas Haller zu sehen.

Der Neonazi galt vor allem in den 1990er Jahren als zentrale Figur in der gewaltbereiten Chemnitzer Szene. Kurz nach der Wende hatte Haller die Gruppe HooNaRa gegründet – Kurzform von „Hooligans Nazis Rassisten“. Später wurde Haller trotz politisch extremer Positionen Chef der Stadion-Security beim Chemnitzer FC und blieb es bis 2006. Rassistische Aussagen in einem Interview wurden ihm dann aber zum Verhängnis. HooNaRa ist im Gegensatz zu NS-Boys und Kaotic Chemnitz inzwischen offiziell aufgelöst, aber dennoch immer noch präsent.

Verein entlässt Fanbetreuerin und Stadionsprecher

Wie präsent, das zeigte am Samstag nicht nur CFC-Kicker Daniel Frahn mit einem T-Shirt der Gruppe beim Torjubel, sondern auch Fanbetreuerin Peggy Schellenberger, die persönliche Worte zum Tod des Neonazis fand. Inzwischen ist ihr Facebook-Statement gelöscht und Schellenberger abgetaucht. Am Montag wurde die SPD-Stadträtin nun auch vom CFC freigestellt – zusammen mit Stadionsprecher Olaf Kadner und Mitarbeiter Maximilian Glös. Bereits am Sonntag hatte der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Uhlig seinen Rücktritt erklärt.


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Ob sich der CFC damit rehabilitieren kann? „Der CFC hat in diesem Fall mindestens blauäugig agiert. Das muss Konsequenzen haben, der Hergang und die Ursachen müssen aufgeklärt werden“, sagte die Landtagsabgeordnete Verena Meiwald (Linke) gegenüber der LVZ. Der aktuelle Fall zeige umso mehr, wie nötig es sei, „die Präventionsarbeit auszubauen und die professionelle Fanbetreuung zu stärken“. SPD-Pendant Jörg Vieweg erinnerte daran, dass sächsische Fußballvereine besonders im Bereich Kinder- und Jugendförderung hervorragende Arbeit leisteten, allerdings häufig auch mit rechtsradikalen Fans zu kämpfen hätten. „Deshalb haben wir uns beim Doppelhaushalt wieder dafür eingesetzt, dass die Landeszuschüsse für Fanprojekte erneut im Umfang von 450.000 Euro pro Jahr fließen“, so Vieweg.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) blickt derweil mit Sorge nach Chemnitz. „Wir distanzieren uns in aller Deutlichkeit von den Vorkommnissen im Chemnitzer Stadion und vertrauen gleichzeitig darauf, dass unsere für die Regionalliga zuständigen Kollegen im Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) die richtigen Maßnahmen einleiten und konsequent umsetzen“, sagte Vizepräsident Rainer Koch am Montag. Beim angesprochenen NOFV kündigte man indes an, das Sportgericht mit den Ermittlungen betrauen zu wollen.

Matthias Puppe, Moritz Naumann