18. November 2020 / 13:54 Uhr

In der Heimat: Bult-Legende Hans-Jürgen Gröschel und sein letzter Einsatz

In der Heimat: Bult-Legende Hans-Jürgen Gröschel und sein letzter Einsatz

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Dresden ist mein Ursprung, der Kreis schließt sich, sagt Hans-Jürgen Gröschel mit Blick auf seinen letztes Rennen als Trainer.
"Dresden ist mein Ursprung, der Kreis schließt sich", sagt Hans-Jürgen Gröschel mit Blick auf seinen letztes Rennen als Trainer. © Debbie Jayne Kinsey
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Kommt noch ein Sieg hinzu? Hans-Jürgen Gröschel feiert in seiner Heimat seinen Ausstand als Trainer. "Dresden ist mein Ursprung, der Kreis schließt sich", sagt die Bult-Legende, die dort zwei Pferde in die Startboxen schickt. Und dem erfahrenen Wallach Adaris traut der 77-Jährige einiges zu.

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Bevor Wallach Adaris im Bauch des riesigen Pferdetransporters verschwindet und es sich mit einem leckeren Heunetz als Reiseproviant gemütlich macht in seiner Kabine, gibt es noch ein paar Streicheleinheiten und liebe Worte vom Chef. „Alles fein, gleich geht’s los“, sagt Trainer Hans-Jürgen Gröschel, tätschelt den Vierbeiner am Hals und flüstert ihm noch ins Ohr: „Du musst der letzte Sieger werden.“ Transporteur Michael Steinmetz klappt alle Türen zu, klettert in die Fahrerkabine und macht sich um 10.45 Uhr auf in Richtung Dresden.

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Gröschel, die lebende Trainerlegende von der Neuen Bult in Langenhagen, setzt sich ein paar Stunden später mit seinem Sohn Gunnar ins Auto und fährt hinterher.

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Es ist eine ganz besondere Reise nach Sachsen. Dresden ist Gröschels Heimat. Dort wurde er, mitten im Krieg, am 16. Juni 1943 geboren. Dort wuchs er auf, von dort machte er sich im Januar 1990 auf in den geöffneten Westen. In Dresden-Seidnitz findet am Mittwoch einer der letzten Galopprenntage der Gras-Saison in Deutschland statt. Für den 77-Jährigen ist es der allerletzte Renntag überhaupt – als Trainer.

"Der Kreis schließt sich"

Zum Jahreswechsel übergibt er seinen Stall an seine Nachfolgerin Janina Reese. So lange hat Gröschel noch das Sagen, aber die zwei, drei Renntage auf Sand im Dezember spart er sich. Für ihn wird Dresden der krönende Abschluss. „Dresden ist mein Ursprung, der Kreis schließt sich“, sagt Gröschel und ruckelt sich die Mütze auf dem Kopf zurecht.

Es sei seine „persönliche Pflicht“, in Dresden Abschied zu nehmen. „Schade, dass es in Corona-Zeiten passiert“, findet Gröschel, „sonst wäre es sicher noch viel emotionaler“. Mit einem feierlichen Abschiedsrahmen wie neulich auf der Bult rechnet er nicht. Heute sind lediglich 250 Menschen auf der Rennbahn zugelassen. Organisatoren, Jockeys, Pfleger, Trainer. Keine Besitzer, keine Besucher, keine Angehörigen. „Meine liebe Frau Renate kann leider nicht dabei sein“, seufzt Gröschel.

An Buß- und Bettag „war es immer Tradition, nach Dresden zu fahren“, erzählt er. Nicht nur wegen der Renntage. Die weiteren Gründe: Besuch des Familiengrabes und Masseneinkauf von Dresdner Stollen. „Ich bekomme jedes Mal so viele Anfragen, ob ich nicht einen Stollen mitbringen könnte. Aber ich hab’ doch keinen Lastwagen“, stöhnt Gröschel.

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Er ist gut gelaunt, angriffslustig, wie eh und je. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Aber mir ging es immer um den Sport, nicht ums Geld“, sagt er. „Ich wollte und will immer gewinnen.“ Natürlich zum Abschied auch noch einmal in Dresden. Ein letztes Mal Zähne zeigen.

Gröschel traut Adaris einiges zu

Zwei Pferde schickt er in Dresden in die Startboxen. Die junge Stute India im vierten Rennen. Sie hat allerdings keine großen Chancen. Seine Hoffnungen setzt Gröschel im achten Rennen des Tages auf den erfahrenen Wallach Adaris (5). Es ist ein Ausgleich-III-Rennen über 1900 Meter mit elf anderen Startern. Die Konkurrenz ist groß. „Es ist kein einfaches Rennen“, weiß Gröschel und bremst: „Adaris zählt nicht zu den Favoriten.“ Trotzdem: „Er ist gut genug, so ein Rennen zu gewinnen, wenn alles passt. Er ist immer gut gelaufen.“

Im September gewann Adaris in Baden-Baden. Es folgten ein dritter und ein siebter Platz jeweils in Hannover. Im Oktober gelang Gröschel mit dem Sieg von Be Sweet in Baden-Baden der perfekte Abschied auf Deutschlands wichtigster Rennbahn. In Langenhagen blieb ihm ein Sieg zum Heimabschied verwehrt. In Hoppegarten wiederum, wo er einst seine Ausbildung absolviert hatte, siegte er Anfang November mit Wildfang. Es war der 1287. Treffer in Gröschels Laufbahn als Trainer.

Gegen Nummer 1288 heute in der Heimat Dresden hätte er nichts einzuwenden. Dieses eine Mal noch jubeln – Wallach Adaris wäre eine Möhre extra als Belohnung sicher. Mindestens. Und falls es nicht klappt? Gröschel würde es sportlich nehmen. Ganz sicher.