30. März 2020 / 17:40 Uhr

Neue Bult: Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Besitzer bekommen Videos

Neue Bult: Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Besitzer bekommen Videos

Carsten Schmidt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Galopper der Neuen Bult trainieren derzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die Galopper der Neuen Bult trainieren derzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. © Lisa Malecha
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Das Gelände der Galopprennbahn Neue Bult in Langenhagen ist für die Öffentlichkeit gesperrt, die Trainer, das Personal und die Pferde bleiben unter sich. Besuchsverbot gibt es auch für Besitzer der Pferde - sie werden mit Videos auf dem Laufenden gehalten.

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Beinahe 77 Jahre Lebenszeit und Erfahrungen in zwei deutschen Staaten – Hans-Jürgen Gröschel hat schon viel erlebt. Aber die gegenwärtige Coronavirus-Pandemie führt für den Galopptrainer, der auf der Neuen Bult in Langenhagen arbeitet, zu ganz neuen Erfahrungen. „Ich habe noch nie erlebt, dass Renntage wegen Erkrankungen von Menschen abgesagt worden sind“, sagt der gebürtige Dresdner. „Früher in der DDR sind mal Veranstaltungen wegen Pferdeseuchen ausgefallen. Die Pause war aber mit 14 Tagen bis vier Wochen relativ kurz.“

Unterbrechung mindestens bis zum 18. April

Auch einzelne Quartiere wie 2012 die Ställe von Peter Schiergen und Waldemar Hickst in Köln wurden schon in Quarantäne geschickt, weil Tiere an infektiöser Anämie erkrankt waren. Aber eine deutschland- und sogar europaweite Unterbrechung des Galoppsports – hierzulande mindestens bis zum 18. April – zwingt auch Gröschel sowie die Kollegen Dominik Moser, Bohumil Nedorostek und Christian Sprengel zu diversen Im­pro­vi­sa­tio­nen im Langenhagener Trainingsquartier.

Das geringste Problem bietet sich für die Galopper selbst, die nach wie vor im täglichen Übungsbetrieb bewegt werden. „Wir stimmen uns ab“, sagt Moser, der wie Nedorostek und Gröschel mit mehr als 40 Pferden arbeitet. Sprengel hat mit fünf Vollblütern eine deutlich kleinere Trainingsgruppe. „Auf dem Gelände gibt es drei Trainingsbahnen, da kommt man sich nicht in die Quere“, ergänzt Nedorostek. Und Gröschel weist darauf hin, dass die Pferde hintereinander gehen. „Auf diese Weise halten die Reiter den Abstand“, sagt der 76-Jährige.

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Das menschliche Miteinander auf der Neuen Bult folgt den aktuellen Pandemiebeschränkungen. „Wir grüßen uns, geben uns aber nicht die Hand“, sagt Moser, in den Pferdeboxen selbst halte sich ohnehin nur ein Pfleger auf. Alle Trainer betonen, dass sie die Mitarbeiter zur Handhygiene, zur Desinfektion und zum Abstandhalten ermahnen.

Zugang nur für Trainer, Angestellte und Lieferanten

Gröschel beschränkt sich zudem auch im Privatleben auf die notwendigsten Aufenthalte außerhalb seines Hauses. „Meine Frau und ich gehen nicht zusammen nach draußen“, sagt der Trainer, der aufgrund seines Alters und einer schweren Erkrankung in diesem Winter zu der Gruppe jener Menschen zählt, bei denen Covid-19 besonders schwer verlaufen kann.

Zudem ist das Trainingsgelände in Langenhagen für die Öffentlichkeit gesperrt. Nur die Trainer, deren Angestellte und Lieferanten bekommen aktuell Zugang. „Wir halten quasi eine Art Quarantäne, um die Tiere und die Menschen zu schützen“, sagt Moser. Besonders schwer fällt es den Besitzern der Galopper, auf den Besuch bei den Tieren zu verzichten, zu denen sie oft eine starke emotionale Bindung aufgebaut haben. Da verschicken die Trainer als Trost Fotos und kleine Videosequenzen. „Ich stehe mit den Besitzern auch in regelmäßigem Telefonkontakt“, sagt Gröschel stellvertretend für seine Kollegen.

Hans-Jürgen Gröschel hat schon viel erlebt - aber eine solche Zwangspause wie die vom Corona-Virus ausgelöste noch nicht.
Hans-Jürgen Gröschel hat schon viel erlebt - aber eine solche Zwangspause wie die vom Corona-Virus ausgelöste noch nicht. © Florian Petrow
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Der 76-Jährige kann die Traurigkeit der Eigner nachvollziehen, betont aber auch: „Es ist jetzt wichtig, dass das Virus draußen bleibt, dazu muss der Publikumsverkehr minimiert werden. Nicht auszudenken, wenn wegen einer Infektion das ganze Quartier unter Quarantäne gestellt werden muss.“

Fokus auf die zweite Jahreshälfte

Es bleibt aber die Ungewissheit in den drei großen Bult-Quartieren über das Ende der Zwangspause. Gröschel hält den April-Termin für „ausgesprochen optimistisch“, der erfahrene Trainer baut die Form seiner Galopper allerdings seit Jahrzehnten für die zweite Jahreshälfte auf.

Moser und Nedorostek hoffen auf den 1. Mai als Saisonstarttermin, für diesen Tag ist der 96-Renntag auf der Neuen Bult geplant. „Vielleicht wird es ein Geisterrenntag“, mutmaßt Moser. Er hat die Trainingsplanung auf diesen Zeitkorridor ausgerichtet: „Wir waren noch nicht im Kraftbereich und haben die Einheiten jetzt etwas nach hinten verschoben“, sagt er.

Dominik Moser, Trainer des Gestüts Brümmerhof, misst beim Training die Herzfrequenz der Pferde.
Dominik Moser, Trainer des Gestüts Brümmerhof, misst beim Training die Herzfrequenz der Pferde. © Tim Schaarschmidt

Schwierig wird es seiner Ansicht nach, wenn die Pause bis weit ins Frühjahr dauert. Im Mai stehen die Trials fürs Deutsche Derby und den Preis der Diana an, da würde der Fahrplan zu diesen klassischen Rennen gehörig durcheinandergewirbelt. Nedorostek hatte seine Galopper dagegen schon auf die für März und April geplanten Renntage vorbereitet. „Die Form war gut, die Ergebnisse wären es auch gewesen“, sagt er.

"Galoppsport ohne Publikum nur halb so schön"

Zu Geisterrennen gibt er zu bedenken, dass „Galoppsport ohne Publikum nur halb so schön“ sei. Unabhängig von dem unterschiedlichen Trainingsaufbau bleibt aber allen Trainern eine Sorge. „Für ein Galopppferd muss der Besitzer zwischen 1500 und 1800 Euro monatlich aufbringen“, sagt Gröschel, „wenn diese Summe aber durch Rennpreise nicht refinanziert werden kann, wird mancher überlegen, ob er sich ein Rennpferd noch leisten kann.“