20. Januar 2022 / 19:57 Uhr

Neuer Schmadtke-Vertrag in Wolfsburg? "Natürlich müssen wir die aktuelle Situation berücksichtigen"

Neuer Schmadtke-Vertrag in Wolfsburg? "Natürlich müssen wir die aktuelle Situation berücksichtigen"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Sprach über den neuen Schmadtke-Vertrag und die Krise beim VfL: Frank Witter (r.), Chef des Aufsichtsrats.
Sprach über den neuen Schmadtke-Vertrag und die Krise beim VfL: Frank Witter (r.), Chef des Aufsichtsrats. © Boris Baschin / Roland Hermstein
Anzeige

Der Vertrag von Jörg Schmadtke als Manager und Geschäftsführer des VfL Wolfsburg läuft im Sommer aus. Ob und wann er verlängert wird, bleibt offen. Frank Witter, Chef des VfL-Aufsichtsrats, erklärte nun, warum das so ist - und nahm auch zur aktuellen sportlichen Krise Stellung.

Bleibt Jörg Schmadtke über den Sommer hinaus Manager und Sport-Geschäftsführer des VfL Wolfsburg? Die Entscheidung drüber liegt beim Aufsichtsrat der VfL-GmbH, deren Vorsitzender Frank Witter am Donnerstag auf dem VfL-Gelände mit Pressevertretern sprach. Ein klare Antwort in Sachen Schmadtke gab es vom Ex-VW-Vorstand nicht. Denn eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. "Die sportliche Krise hat die Frage der Priorität und des zeitlichen Angangs massiv beeinflusst", so Witter. "Wir haben hier alle den klaren Fokus, erfolgreich den Abstiegskampf zu bestehen. Und wir wollen uns so früh wie möglich aus der kritischen Situation befreien."

Anzeige

Der Schmadtke-Vertrag läuft im Sommer aus, er selbst hatte im Dezember erklärt, dass er weitermachen will - bis 2023. Längst gibt es Überlegungen für eine geordnete Übergabe der sportlichen Verantwortung beim VfL. Sportdirektor und Ex-Wolfsburg-Profi Marcel Schäfer soll dann Schmadtkes Nachfolger werden. Gegenüber dem SPORTBUZZER betonte auch Schmadtke in dieser Woche, dass die Bewältigung der aktuellen sportlichen Krise wichtiger sei als seine Vertragsverlängerung. "Wir brauchen unsere Gedanken gerade für ein paar andere Dinge."

Keine Zeit für einen neuen Schmadtke-Vertrag - Witter weiß, dass das dem von Volkswagen dominierten Aufsichtsgremium auch als Spiel auf Zeit ausgelegt werden kann. Das müsse man "aushalten, wenn man solche Entscheidungen zu treffen hat", findet er. Der Ex-VW-Vorstand selbst gilt als großer Schmadtke-Fürsprecher, im Aufsichtsrat der Fußballer gibt es aber auch kritische Stimmen. "Wir sind im Gremium zu zehnt, ich bin einer davon. Ich kann nicht für jeden Einzelnen sprechen. Die Wertschätzung der Arbeit ist breit geteilt."

Die Entscheidung über Schmadtkes Zukunft hängt auch an der Frage, was der Aufsichtsrat stärker bewertet - die Gesamtbilanz oder die aktuelle Lage. Schäfer und Schmadtke haben den VfL 2018 übernommen, senkten die Gehaltsausgaben und stellten einen Kader zusammen, mit dem die Wolfsburger auf den Bundesliga-Plätzen sechs, sieben und vier landeten. In dieser Saison allerdings folgte der sportliche Absturz. Die Verpflichtung von Trainer Mark van Bommel erwies sich als Fehlgriff, auch Nachfolger Florian Kohfeldt konnte die Talfahrt nicht bremsen. Vor dem Spiel am Sonntag bei RB Leipzig liegt der VfL auf Rang 14 - mit jeweils nur drei Zählern Vorsprung auf Relegations-Rang 16 und Abstiegsplatz 17.

Beeinflusst das die Schmadtke-Entscheidung? "Nicht grundsätzlich", sagt Witter. "Aber natürlich müssen wir die aktuelle Situation berücksichtigen. Man kann nicht ewig in der Vergangenheit leben und sich nur am vierten Platz der Vorsaison erfreuen. Wir müssen uns fragen, warum die Mannschaft bisher nicht in der Lage war, das umzusetzen, was wir und viele andere ihr zugetraut haben. Auch das gehört zu einer vernünftigen Analyse." Aber richtig sei eben auch: "Nur weil ein, zwei Entscheidungen oder Einschätzungen nicht 100-prozentig richtig waren, ist nicht alles schlecht gewesen." Und: "Jörg Schmadtke brennt für seine Aufgabe. Ihn beschäftigt die Situation natürlich auch. Er selbst hat offen und auch öffentlich kommuniziert, dass nicht jede seiner Ideen funktioniert hat. Aber er ist etliche Jahre im Geschäft, hat einiges erlebt, um damit gut umzugehen.“

Mehr zum VfL Wolfsburg

Am 31. Januar endet die Tranferperiode - dass es möglicherweise erst danach in Sachen Vertrag Klarheit gibt, hatte Schmadtke bereits im SPORTBUZZER-Interview mit Rückrundenstart angedeutet. Witter: "Es geht auch darum, welche Prioritäten jetzt vorne stehen - und da steht bei Jörg Schmadtke immer der Verein. Ich habe selten jemanden erlebt, dem das Wohl und Wehe des Vereins so am Herzen liegt, er ist 110 Prozent hier angekommen und seine Familie auch. Er ist jemand, der immer zuerst den Verein sieht. Das ist für mich in dieser Branche bemerkenswert."


Bis wann eine Entscheidung feststeht, ist offen. "Wir haben uns keine Deadline gesetzt", so Witter, "aber natürlich muss man so eine Frage, wenn sie gestellt ist, auch miteinander beantworten. Das wird keine Monate mehr dauern." Dass eine Diskussion um die Zukunft eines Geschäftsführer angesichts der sportlichen Talfahrt zur Unzeit kommt, glaubt der ehemlige Zweitliga-Fußballer (OSV Hannover) nicht: "Eine Entscheidung in Sachen Vertrag - ob jetzt, in zwei Wochen oder danach - hätte keine Auswirkung auf die Zahl der Punkte, die wir in Leipzig, gegen Fürth und dann anschließend holen."

Witter äußerte sich außerdem...

...zur möglichen Schmadtke-Nachfolge: "Die Idee, dass Marcel Schäfer weiterführende Aufgaben übernehmen könnte, halte ich für plausibel. Dass ein Sportdirektor sich so selbständig entwickeln kann, spricht auch für die Qualität seines Chefs, der ihm die Möglichkeit und den Raum dafür gibt - und der auch sein Notizbuch dafür offenlegt. Es gibt nicht viele, die es so sehr zulassen, dass auch ein potenzieller Nachfolger von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung profitiert."

...zum Umgang Schmadtkes mit den VfL-Trainern: "Die Zusammenarbeit zwischen einem Trainer und seinem Chef ist ja immer speziell. Wenn die sich zusammensetzen und darüber reden, ob sie miteinander arbeiten wollen, dann weiß doch der eine schon: Mein Gegenüber ist der, der mich im Zweifelsfall auch wieder entlassen wird. Die Saison mit Bruno Labbadia haben wir sauber zu Ende gebracht - und mit Oliver Glasner wären wir nicht Vierter geworden, wenn nicht alle professionell zusammengearbeitet hätten. Mit Mark van Bommel hat es leider nicht geklappt, das ist manchmal im Leben so."

...zur Kompetenzverteilung zwischen Trainern und Managern: "Es muss klar sein, wer welche Kader-Entscheidungen trifft. Bei uns ist so, dass die langfristigen Kader-Entscheidungen von der sportlichen Leitung des Vereins getroffen werden. Natürlich muss man den Trainer mitnehmen, das Wohl des Vereins steht aber über allem. Damit sind wir in den letzten Jahren gut gefahren."

...zur aktuellen sportlichen Krise: "Es wäre immens wichtig, in Leipzig was zu holen, um dann mit einem Erfolgserlebnis im Rücken zwei Wochen weiterarbeiten zu können. Gegen Hertha hatten wir in den ersten 30 Minuten drei hochprozentige Chancen. Wenn Sie die Last des Abstiegskampfes im Rücken haben, dann gehen die Dinger nicht rein. Ohne die Bereitschaft zum Risiko kann man in der Bundesliga keinen Gegner schlagen. Diesen Mut müssen die Spieler trotz der schwierien Situation haben - und sich gegenseitig helfen."

...zum Leistungsabfall im Vergleich zur Vorsaison: "Wenn man eine erfolgreiche Saison hatte, ist die Frage, wie man darauf reagiert. Ist den Spielern klar, dass sie eigentlich noch mehr machen müssen? Jeder Gegner wird sich mit ihnen als Champions-League-Gegner messen. Man wird noch mal ernster genommen. Hat das jeder rechtzeitig realisiert? Das ist eine berechtigte Frage."

...zum aktuellen Trainer: "Was mich an Florian Kohfeldt beeindruckt hat: Er wollte mit dem Spiel in Leverkusen starten - er hätte auch danach anfangen können. In Leverkusen zu spielen, das ist alles andere als ein Selbstgänger, und das erste Spiel ist für einen neuen Trainer ja enorm wichtig. Er ist da voll ins Risiko gegangen, hatte keine Zweifel. Das war ein klares Signal. Und ich bin zutiefst überzeugt, dass er uns aus der dieser Situation herausführt und wir gemeinsam mit ihm den Schalter umlegen. Ist das eine Aussage, die mit Sicherheit Bestand hat für den Rest der Saison? Natürlich nicht. Wir wissen alle, dass wir im Ergebnissport sind. Und dass man die Situation regelmäßig neu bewerten muss. Wir haben noch 15 Spiele, wir müssen sicherstellen, dass wir wieder in ruhiges Fahrwasser kommen."

...zum Ziel Klassenerhalt: "Im Moment fällt mir keine andere sportliche Perspektive für diese Saison ein. Wir müssen den Abstand nach unten vergrößern."

Anzeige

...zu einem persönlichen Appell von ihm an die Mannschaft: "Wir haben mit Florian Kohfeldt, Marcel Schäfer und Jörg Schmadtke diejenigen, die zu und mit der Mannschaft sprechen. Ich sehe da keine Notwendigkeit und auch keinen Mehrwert, wenn ich das aktuell auch noch machen würde."