09. Dezember 2020 / 10:00 Uhr

Neues Buch von Sky-Kommentator Wolff Fuss: Mit Kritik umzugehen, gehört mit zu meinem Beruf

Neues Buch von Sky-Kommentator Wolff Fuss: Mit Kritik umzugehen, gehört mit zu meinem Beruf

Wolff-Christoph Fuss
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der SPORTBUZZER zeigt einen Auszug aus dem neuen Buch von Wolff-Christoph Fuss exklusiv vorab.
Der SPORTBUZZER zeigt einen Auszug aus dem neuen Buch von Wolff-Christoph Fuss exklusiv vorab. © 2020 Getty Images (Montage)
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Am 8. Dezember erscheint das neue Buch "Geisterball" von Sky-Kommentator Wolff-Christoph Fuss. Der SPORTBUZZER zeigt einige Auszüge. Im dritten und letzten Teil der Vorschau berichtet Wolff Fuss von Stimmen und Stimmungen rund um das legendäre 8:2 des FC Bayern München gegen den FC Barcelona in der Finalrunde der Champions League

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Die Corona-Zeit ist verrückt – für den Fußball, für die Profis, aber auch für andere Teile der Branche, auch für Wolff Fuss. Der Sky-Kommentator beschreibt in seinem neuen Buch „Geisterball“, welches am Dienstag erscheint, wie er die Phase erlebte. Im SPORTBUZZER gibt es vorab Anzüge zu lesen. Heute: Reaktionen auf ein jetzt schon legendäres Spiel.

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Tags darauf stand das Viertelfinale gegen den FC Barcelona auf dem Plan. Es sollte DAS Spiel bei diesem Turnier werden. Nie zuvor war ein K.o.-Spiel in der Königsklasse so deutlich ausgegangen. (…) Ich hatte mich in meinem Kommentar bei Bayern gegen Barcelona zu der Aussage hinreißen lassen: „Nur zum Verständnis: Das ist hier nicht Barfuß Bethlehem, das ist der FC Barcelona.“

Eine spontane Aussage, die versuchte, das Gesehene und Geschehene und Unfassbare in Worte zu fassen. Natürlich zugespitzt, natürlich pointiert. Und schließlich ist es nur Fußball. Es schoss mir durch den Kopf und war schließlich auf dem Sender. So wie immer. Wie bei jedem Bundesligaspiel und bei jedem Pokalspiel auf dem Land. Das Ereignis macht den Kommentar und nicht umgekehrt. Auf Spiele kann man sich vorbereiten, niemals aber auf Ereignisse oder Verläufe im Spiel oder gar auf bestimmte Ergebnisse. Auch dass die Erfinder des Tiki-Taka „heute nicht mal wie ihre eigene Hongkong-Rolex spielten“ entstand auf diese Art und Weise. Als Alphonso Davies zu seinem Jahrhundert-Solo ansetzte „Vidal an ihm zerschellte“, er Semedo erst austanzte und kurze Zeit später bereits „eine gute Autostunde entfernt war“, entsprach das dem Takt des Spiels. (…)

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Viele positive Reaktionen auf den Viertelfinal-Kommentar

Ich bekomme nach Fußballspielen jede Menge Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern. Diese sind in großer Mehrheit positiv. Das freut mich sehr und ist im Zeitalter von Social Media durchaus ungewöhnlich. Noch nie allerdings habe ich derart viele vor allem positive Reaktionen und Feedbacks erhalten wie auf dieses Champions-League-Viertelfinale. Internationale Fernsehstationen spielten das Tor von Kimmich mit der Vorarbeit von Davies mit deutschem Kommentar. Ich war gespannt, inwieweit die ihren Fernsehzuschauern den Treffer übersetzten. „One dance and then an one-hour-drive by car away…“, so ähnlich vielleicht. Sie übersetzten gar nicht, ließen einzig die Emotionen sprechen. (…)

Und natürlich gab es auch Leute, denen es nicht gefallen hat. Das bringt das Geschäft mit sich und ist auch gut so. Auch Nachrichten mit religiösem Hintergrund erreichten mich: Die hier herangezogene Geburtsstadt von Jesus Christus stelle eine blasphemische Verunglimpfung dar. So wurde mir eine generelle Ablehnung des Christentums unterstellt. Auch derartige Nachrichten sind erwartbar. Wenn im Zusammenhang eines Fußballspiels mal „der Hund in der Pfanne verrückt wird“, schreiben die Tierschützer, wenn die Bayern an anderer Stelle nach einem 1:0 gegen Maccabi Haifa besser „die Synagoge im Dorf lassen sollten“, schreiben die Religionswissenschaftler und unterstellen Antisemitismus. Wenn eine Mannschaft nach „der rechten Backe auch noch die linke Backe hinhält“, freuen sich alle Neutestamentler und bedanken sich, dass das Matthäus-Evangelium Einzug in eine Fußballreportage gehalten hat. Allen Ungläubigen sei gesagt, hier ist vom Evangelisten Matthäus die Rede und nicht von Lothar. (…)

Als vor Jahren bei Dortmund gegen Bayern während einer Behandlungsunterbrechung für den Hauptschiedsrichter die vierte Offizielle Bibiana Steinhaus im Trainingsanzug eingeblendet wurde, hoffte ich für sie im Live-Kommentar, dass „sie auch das kurze Höschen dabei habe“, da sie bei einem tatsächlichen Ausfall als Ersatz einspringen müsse. Von einem als seriös geltenden Fußballmagazin wurde mir bei Twitter in der Folge Frauenfeindlichkeit und Chauvinismus unterstellt. Plötzlich schlug mir aus den unterschiedlichsten Richtungen blanker Hass entgegen. Zumeist von Menschen und Gruppierungen, die das Spiel gar nicht gesehen hatten. (…)

Die Versuchung rund um Fußballspiele, durch eine zugespitzte, verkürzte oder gar unrichtige Bemerkung Zuwendung und Aufmerksamkeit zu erhaschen, scheint groß zu sein. Community vergrößern um jeden Preis. So meldete sich der Chefredakteur jenes Magazins auch beim Spiel Bayern gegen Barcelona via Twitter zu Wort und befand, dass es Reporter gebe, „die solche Spiele angemessen kommentieren, und es gibt Wolff Fuß.“

Kritik wird meine Lebensqualität nicht im Geringsten beeinflussen

Mit ein paar Weißbieren auf der Fernsehcouch kann diese orthografische Unsauberkeit schon mal passieren. Der kritische Ansatz ist darüber hinaus erwartbar plump, aber erstmal nicht weiter tragisch. In nachfolgenden Tweets erläuterte er, ihm hatten unter anderem „Barfuß Jerusalem“ und „der schlechte Zahn-Suarez-Witz“ missfallen. Zur Erläuterung: Kimmich hatte Suarez in einem Zweikampf am Hals getroffen, der allerdings hielt sich den Zahn. Dies wurde von mir genauso wiedergegeben. Ohne Pointe, schon gar ohne bewusste Pointe. Und „Jerusalem“ war eigentlich „Bethlehem“, aber immerhin noch Israel. Ein wunderbares Beispiel, wie die sozialen Medien heute oft funktionieren. Ein paar Unwahrheiten ergeben ein schiefes Ganzes.

Auf einen Protagonisten einer Fernseh-Fußballübertragung gemünzt, ertönt normalerweise Applaus in Form von Likes für den Urheber. Auch in diesem Fall. Allerdings waren die Tweets hier derart überfüllt mit falschen Zitaten, inhaltlichen Fehlern und orthografischen Mängeln, dass es den Urheber demaskierte und sein wahres Anliegen schonungslos entlarvte. Viele Kollegen aus der TV- und Sportbranche erkannten dies. Sie stigmatisierten und kritisierten die Zeilen. Hätte er etwas weniger blumig einfach nur geschrieben: „Ich mag den Kommentator WF nicht“, hätten womöglich ein paar gehobene Daumen gefehlt, sein Missfallen allerdings wäre sachlich und inhaltlich korrekt zum Ausdruck gebracht gewesen. So hat seine Reputation als Chefredakteur einen Hagelschaden erlitten. Mit Kritik umzugehen, gehört mit zu meinem Beruf. Sich von einer solchen Form der kritischen Auseinandersetzung beeinflussen zu lassen, wäre fatal. Sie wird wiederkommen. Und auch dies wird meine Lebensqualität nicht im Geringsten beeinflussen.

Zum Abschluss dieses Tages nach dem Jahrhundertsieg der Bayern gegen Barcelona erreichten mich auch noch Nachrichten aus dem zu Lengenwang gehörenden Ortsteil Bethlehem im Ostallgäu. Hier wurde angedeutet, dass sie in ihrem Sportverein sich nun durchaus überlegten, auch mal barfuß antreten zu wollen. Andere bedankten sich, dass im Rahmen der Übertragung das kleine Örtchen im Landkreis Füssen zu bundesweiter Berühmtheit gelangt sei.