25. Mai 2020 / 17:57 Uhr

Neuruppiner Pokalheld Martin Neubert: "Das war eine Riesengeschichte"

Neuruppiner Pokalheld Martin Neubert: "Das war eine Riesengeschichte"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Aus den Händen vom damaligen FLB-Präsidenten Siegfried Kirschen (r.) nahm MSV-Kapitän Martin Neubert den Siegerpokal entgegen.
Aus den Händen vom damaligen FLB-Präsidenten Siegfried Kirschen (r.) nahm MSV-Kapitän Martin Neubert den Siegerpokal entgegen. © Dirk Becker
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Vor 15 Jahren: Der MSV Neuruppin gewinnt das Landespokalfinale gegen den SV Babelsberg 03 mit 2:1 nach Verlängerung - der Kapitän erinnert sich.

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Vor 15 Jahren, am 25. Mai 2005, wurde Historisches erreicht – nicht nur in Istanbul, wo der FC Liverpool gegen den AC Mailand dank eines wahnsinniges Comebacks Champions-League-Sieger wurde. Auch in der knapp 1800 Kilometer Luftlinie nordwestlich entfernten Fontanestadt Neuruppin wurde gejubelt. Der MSV bezwang im mit 2443 Zuschauern prächtig gefüllten Volksparkstadion den SV Babelsberg 03 2:1 nach Verlängerung und feierte damit nicht nur den ersten Landespokalsieg sondern auch die bis heute einzige Qualifikation für den DFB-Pokal. Der SPORTBUZZER sprach zu diesem Anlass mit dem damaligen Kapitän Martin Neubert, dem in der 114. Minute der Siegtreffer gelang.

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Auf dem Fernsehsender „Ruppin TV“ wurde das Endspiel damals live auf die regionalen Bildschirme übertragen. Seit 2016 kursiert auf YouTube das dreistündige Finalvideo samt Vor- und Nachberichten. Haben Sie sich die Partie mal wieder angesehen?

Martin Neubert: Oh, ich muss gestehen, dass mir das überhaupt nicht bekannt war. Ich habe es mir noch nicht angeschaut, vielleicht finde ich in den nächsten Tagen aber mal Zeit dafür.

Der 25. Mai wurde zu einem Festtag in der Fontanestadt. Woran können Sie sich 15 Jahre später noch erinnern?

Es war auf alle Fälle bestes Fußballwetter und überdurchschnittlich viele Zuschauer hatten sich im Volksparkstadion eingefunden. Die Kulisse war für Neuruppiner Verhältnisse großartig. Wir Spieler wollten uns davon nicht nervös machen lassen, was aber nicht so einfach fiel.

Bereits nach acht Minuten lag der MSV in Rückstand.

Genau. Babelsberg war anfangs wesentlich besser, ging absolut verdient in Führung und bis zur Pause hätte es nicht bei einem Gegentor für uns bleiben müssen. Die hatten aber auch eine gute Truppe, man muss sich nur mal die Namen anschauen.

Nach dem Seitenwechsel zeigten die Neuruppiner ein anderes Gesicht. Wurde Trainer Christian Schreier in der Kabine etwas lauter?

Das weiß ich nicht mehr, er war aber ein guter Motivator und hat anscheinend die richtigen Worte gefunden.

In Bildern: Das Finale im Landespokal 2005 gewinnt der MSV Neuruppin gegen Babelsberg 03.

Das Finale im Landespokal 2005 gewinnt der MSV Neuruppin gegen Babelsberg 03 mit 2:1 nach Verlängerung. Babelsberger Fans setzen Rauchzeichen, nutzte aber nichts. Zur Galerie
Das Finale im Landespokal 2005 gewinnt der MSV Neuruppin gegen Babelsberg 03 mit 2:1 nach Verlängerung. Babelsberger Fans setzen Rauchzeichen, nutzte aber nichts. © Dirk Becker

Denn schnell gelang der Ausgleich.

Ja, den hat Jan Mutschler erzielt, nach einer Flanke von der rechten Seite lief er im Strafraum perfekt ein. Anschließend wog das Pendel hin und her, niemand wollte den entscheidenden Fehler machen.

Nach der regulären Spielzeit gab es beim Stand von 1:1 keinen Sieger. Was dann in der Verlängerung, genau genommen in der 114. Minute passierte, bleibt in der Geschichte des MSV Neuruppin wohl unvergessen.

Sie sprechen wohl das 2:1 an?

Für das Sie verantwortlich waren, korrekt. Was haben Sie überhaupt da vorne gesucht?


Ich bin als Verteidiger generell gerne mal mit nach vorne gegangen. Ich habe in dieser Situation Dennis Novacic angespielt und bin durchgelaufen. Er steckte den Ball in die Tiefe und auf einmal war ich schon im Sechzehner der Babelsberger. Mit meinem unglaublich starken linken Fuß (lacht) hab ich das Ding dann unter die Latte gehauen.

Nach dem Spiel betonte ihr Trainer, dass Sie sich für ihr erstes Tor einen guten Zeitpunkt ausgesucht haben.

Absolut. Tatsächlich war es mein erstes Tor unter Christian Schreier.

War Ihnen und dem Team bewusst, was Sie mit diesem Erfolg geschafft hatten?

Na klar, das war eine Riesengeschichte. Wir waren ja ein bunt zusammengewürfelter Haufen, erst zu Saisonbeginn ging es ja so richtig los, nachdem im Sommer die Truppe ausgetauscht und mit vielen Berliner und einigen Rostocker Spielern aufgefüllt wurde. Alles, was Christian Schreier, der ja vorher in Schönberg war, kannte, kam nach Neuruppin. Wir waren nicht nur eine fußballerisch gute Truppe sondern auch ein verschworener Haufen. Diese Saison mit dem Pokalsieg und den Relegationsspielen gegen Jena kam nicht von ungefähr, das Ganze hatte im Verlauf eine gewisse Eigendynamik angenommen.

So sehen Landespokalsieger aus: Mit 2:1 besiegten die MSV-Kicker den SV Babelsberg 03 2005 nach Verlängerung.
So sehen Landespokalsieger aus: Mit 2:1 besiegten die MSV-Kicker den SV Babelsberg 03 2005 nach Verlängerung. © Dirk Becker

Nur wenige Tage nach dem Coup im Landespokal duellierte sich der MSV Neuruppin zweimal mit dem FC Carl Zeiss Jena. Es ging um den Aufstieg in die drittklassige Regionalliga, sage und schreibe 5850 Zuschauer strömten zum Hinspiel ins Volksparkstadion.

An diese Spiele kann ich mich sogar noch besser erinnern als an das Pokalfinale. Es waren wahnsinnig viele Leute im Stadion, wegen den vielen Jena-Fans mussten sogar Extra-Tribünen errichtet werden. Nach dem Pokalsieg haben wir uns beim Feiern zurückgehalten und das Hinspiel trotzdem mit 0:2 verloren.

Auch in Thüringen, wo über 10 000 Fans ins altehrwürdige Ernst-Abbe-Sportfeld kamen, unterlag der MSV mit 1:2 – Markus Zschiesche erzielte den Ehrentreffer. War in der Relegation nichts drin?

So ehrlich musste man sein, da haben wir über 180 Minuten keine Chance gehabt. Jena war einfach zu gut für uns, die sind dann ja auch direkt in die zweite Liga durchmarschiert. Torsten Ziegner hatte dort seine Blütephase und uns fast im Alleingang erledigt. Und trotzdem waren diese zwei Begegnungen vor ausverkauftem Haus eine geile Erfahrung.

Das wurde aber nochmal getoppt, als der MSV Neuruppin im DFB Pokal mit dem FC Bayern das große Los zog. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich selbst hatte das nicht sofort auf dem Schirm, Freunde haben mich per SMS darüber informiert. Da war man erstmals baff, dass das wirklich einem passiert.

Und wie war dann das Duell gegen den Rekordmeister im Berliner Olympiastadion vor 33 000 Zuschauern, welches mit 0:4 verloren ging?

Einerseits unvergesslich, das versteht sich von selbst. Aber man läuft halt die ganze Zeit nur hinterher, Spiele im DFB-Pokal waren immer unglaublich anstrengend. Ich habe ausschließlich bei guten Amateurvereinen gespielt, die immer gut mitgehalten haben, so auch der MSV gegen die Bayern. Das war ein Erlebnis, der ganze Rummel mit Zuschauern und der vielen Presse war ungewohnt.

Haben Sie sich ein Trikot als Andenken gesichert?

Das habe ich. Gerne hätte ich mir das Trikot von Claudio Pizarro oder Mehmet Scholl gesichert. Was der Scholl am Ball gemacht hat, war unglaublich. Einige Mitspieler waren aber schneller, ich habe letztlich das Trikot von Valerien Ismael bekommen. Das war aber natürlich nicht meine oberste Priorität, ich hätte das Spiel lieber gewonnen. Eigentlich hätte es zur Halbzeit auch 0:0 stehen müssen, der Bayern-Führung ging ein klares Handspiel voraus.

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Sie haben den MSV Neuruppin nach zwei Spielzeiten verlassen. Was blieb von diesen beiden Jahren hängen?

Das war schon eine prägende Zeit. Wir hatten ein schönes und gutes erstes Jahr, vor allem sportlich waren wir extrem erfolgreich. Im zweiten Jahr ging es bereits mit den wirtschaftlichen Problemen los, wobei wir trotzdem echten Teamgeist bewiesen haben und zwischenzeitlich acht Punkte vor Union Berlin lagen. Wir hätten 2006 den Aufstieg packen können, doch mit der fehlenden Lizenz, dem Weggang von Christian Schreier und dem Einbruch in der zweiten Saisonhälfte wurde alles chaotisch.

Chaos ist das richtige Stichwort. Das herrschte nämlich in den Folgejahren – 2007 meldete der Verein Insolvenz an, 2009 wurde der frühere MSV-Vizepräsident und Stadtwerke-Geschäftsführer Dietmar Lenz wegen schwerer Untreue und Vorteilsannahme zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Das hat man natürlich mitbekommen, obwohl man schon nicht mehr in Neuruppin Fußball gespielt hat. Diese Zeit ist gegipfelt in der Tragödie um Herrn Lenz, der dann Selbstmord beging. Ich empfand es als sehr traurig, wie mit ihm umgegangen wurde, er wurde von allen fallen gelassen. Das war schon krass und das hatte dieser Mann nicht verdient.

Sie haben als Sportler noch einiges erlebt, waren vor allem im Osten der Republik aktiv. Was waren die Höhepunkte ihrer Karriere?

Die Aufstiege mit Babelsberg 03 und Tennis Borussia Berlin fallen mir da sofort ein. Außerdem muss man ganz klar sagen, dass die Oberliga und Regionalliga nicht mehr das sind, was sie damals waren. Zudem habe ich unter vielen tollen Trainern wie Eduard Geyer, Andreas Zachhuber oder Thomas Herbst spielen dürfen. Ich habe vom Sport viel mitgenommen, auch für das weitere Leben.

Was war Christian Schreier für ein Typ?

Von seiner Art her ziemlich speziell. Wenn ihm was gegen den Strich ging, war er ein harter Hund. Er kümmerte sich aber auch um seine Spieler und stellte sich stets vor sie. Für die damalige Zeit hatte er einen sehr modernen Spielansatz und wollte immer fußballerische Lösungen finden.

In Bildern: Das erste und einzige DFB-Pokal-Spiel des MSV Neuruppin gegen den FC Bayern München im Berliner Olympiastadion 2005.

Die Mannschaft nach dem Spiel. Zur Galerie
Die Mannschaft nach dem Spiel. © Dirk Becker

Bestehen noch Kontakte in die Fontanestadt?

Nach Neuruppin direkt nicht mehr, mit ehemaligen Spielern wie Marian Unger, Dennis Novacic oder Ugurtan Cepni schreibt man sich hin und wieder. Dann aber auch eher über die sozialen Medien wie Facebook oder WhatsApp. Ich fand es sehr schade, dass wir zur 100-Jahr-Feier im vergangenen Jahr nicht eingeladen waren, zumindest ein paar Spieler aus der Zeit hätte man ja kontaktieren können. Ich wäre gerne vor Ort gewesen und hätte mir die Zeit dafür genommen.

Ihr Vater Wolfgang war in seiner Funktion als Präsident des Landessportbundes da.

Genau. Und durch ihn weiß ich auch, dass beim MSV Neuruppin doch alles in geordneten Bahnen läuft. Die Mannschaft mischt in der Brandenburgliga immer vorne mit, die Tabellen verfolgt man doch ab und zu. Henry Bloch, der ja jetzt Trainer ist, kenne ich auch noch von damals.

Welche Rolle spielt der Fußball noch in ihrem Leben?

Ich bin ein Kind des Sports und war nach der aktiven Laufbahn auch noch als Co-Trainer der Babelsberger A-Jugend tätig. Das konnte ich mir vor ein paar Jahren zeitlich erlauben, heute geht das aufgrund meines Berufes aber nicht mehr. Dennoch verfolge ich vor allem den SV Babelsberg 03 und Energie Cottbus in der Heimat.

Und selbst halten Sie sich auch noch fit?

Ich probiere es zumindest. Jeden Donnerstag treffen wir uns als Freizeittruppe und kicken ein bisschen in der Babelsberger Motorhalle. Da sind auch ehemalige Mitspieler wie Hendryk Lau, Patrick Moritz oder Marcell Fensch dabei.