22. Juni 2020 / 08:00 Uhr

NFL-Profi Equanimeous St. Brown über Rassismus, Polizeigewalt und die neue Saison

NFL-Profi Equanimeous St. Brown über Rassismus, Polizeigewalt und die neue Saison

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Will bei den Green Bay Packers wieder angreifen: Der deutsch-amerikanische Football-Profi Equanimeous St. Brown.
Will bei den Green Bay Packers wieder angreifen: Der deutsch-amerikanische Football-Profi Equanimeous St. Brown. © Icon Smi/imago images
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Der deutsch-amerikanische Football-Profi Equanimeous St. Brown spricht im SPORTBUZZER-Interview über eigene Rassismus-Erfahrungen, die Quarterbacks Colin Kaepernick und Aaron Rodgers und die kommende NFL-Saison mit den Green Bay Packers.

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Equanimeous St. Brown hatte in der vergangenen Saison auf den Durchbruch in der nordamerikanischen Football-Liga NFL gehofft. Doch eine schwere Knöchelverletzung in der Saisonvorbereitung machte dem Deutsch-Amerikaner einen Strich durch die Rechnung. Umso mehr freut er sich auf die neue Spielzeit bei den Green Bay Packers. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über Rassismus und seinen Umgang damit. Denn als Schwarzer beteiligt er sich aktuell selbst an den Protestzügen.

SPORTBUZZER: Herr St. Brown, Sie sind in den USA aufgewachsen und sind zum Football-Profi geworden. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?

Equanimeous St. Brown (23): Ich bin sehr froh, dass endlich protestiert wird und wir gehört werden. Das ist lange überfällig. Rassismus ist für uns als Schwarze Alltag. Ich persönlich habe noch nicht so viele Situationen erlebt, dennoch ist Rassismus ein ständiges Thema.

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Deshalb haben Sie auch mit Ihrer gesamten Familie an Protestzügen teilgenommen?

Ja, weil es mir sehr wichtig ist. Wir können die Geschichte beeinflussen und ich glaube, dass es wichtig ist, dass sich viele Menschen an den Protesten beteiligen.

In welchen Situationen haben Sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Als Kind und in der Highschool habe ich ein paar Erfahrungen machen müssen. Im Alltag merkt man, dass man mich komisch anguckt. Die Menschen sagen zwar nichts, aber der Blick spricht für sich. Wirklich getroffen hat mich, als ich in der Highschool auf eine Party wollte. Da wurde mir gesagt, dass keine Schwarzen rein dürfen. Das hat mich wütend gemacht. Ich wollte doch nur Spaß haben – das war ein schlimmer Moment. Ich weiß, dass mein Vater noch andere Dinge erleben musste. Er durfte früher im Restaurant nicht auf die Toilette gehen, weil er schwarz ist.

EQ St. Brown: Rassismus mit Bildung bekämpfen

Vor vier Jahren hat NFL-Profi Colin Kaepernick schon einmal eine Protestwelle initiiert. Allerdings überschattete eine Debatte über seinen Kniefall bei der Nationalhymne das eigentliche Thema. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Den Protest habe ich damals trotzdem gut gefunden. Ich wusste allerdings noch nicht, wie wichtig die Geste ist. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass es die Polizeigewalt in diesem Land so verbreitet ist. Heute belegen Videos das.

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Super Bowl I (1967): Die Green Bay Packers schlagen die Kansas City Chiefs in Los Angeles mit 35:10. Packers-Quarterback Bart Starr (Bild) wird als MVP ausgezeichnet. In der Halbzeitpause tritt Dixieland-Trompeter Al Hirt auf. ©

Sie haben damals am College gespielt, sind inzwischen NFL-Profi. Wie stehen Sie zu Protesten auf dem Feld?

Ich habe damals am College Football gespielt und dort ist es üblich, dass die Mannschaften während der Hymne noch in der Kabine sind. In meinem ersten NFL-Jahr haben wir auch darüber gesprochen, ob wir so demonstrieren wollen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir nicht knien. In diesem Jahr kann ich mir aber vorstellen, dass wir Proteste auch ins Stadion tragen.

Die Aufmerksamkeit für das Thema ist groß. Wird sich wirklich etwas ändern?

Die Proteste werden helfen, aber wir müssen die richtigen Menschen in die Ämter wählen. Wir müssen Bürgermeister, Abgeordnete und Polizeichefs wählen und ernennen, die sich der Thematik annehmen. Nur dadurch lässt sich nachhaltig etwas verändern. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen – und das geht auch über Bildung. In der Schule lernt man nicht viel darüber. Aber ich glaube, dass Bildung dazu beiträgt, Rassismus zu bekämpfen.

Von US-Präsident Donald Trump sind Sie also nicht überzeugt?

Es geht nicht nur um Trump, sondern auch um die Bürgermeister der Städte. Die sind für die Polizei zuständig. Es kann nicht sein, dass ein Polizist nur ein paar hundert Stunden ausgebildet wird. Das ist erschreckend, dass dieses wichtige Organ so schlecht ausgebildet ist.

St. Brown: "Wir können auf wichtige Dinge hinweisen"

Selbst die eigentlich konservative Liga NFL hat sich zu den Protesten bekannt, diverse Spieler haben ihre Unterstützung bekannt gegeben. Haben Sie diese Äußerungen überrascht?

Nein. Die Profi-Sport-Ligen NFL und NBA haben einen großen Einfluss in den USA und auf die Gesellschaft. Wenn die Liga nichts gemacht hätte, hätten sich die Verantwortlichen schämen müssen. Wir haben alle eine Verantwortung. Wir haben sehr viele Fans und die können wir auf wichtige Dinge hinweisen.

In der vergangenen Saison haben Sie sich schwer verletzt, wann die neue Saison anfängt, steht noch nicht ganz fest. Wie geht es Ihnen aktuell?

Ich bin wieder topfit. Durch die Coronavirus-Pandemie habe ich mehr Zeit bekommen, wieder richtig gesund zu werden. Ich freue mich darauf, dass ich Ende Juli nach Green Bay zurückkehren kann.

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Die Packers setzten voll auf Sie. Ihr Quarterback Aaron Rodgers sagte kürzlich, er sei "aufgeregt", dass sie wieder zum Team gehören.

Das hat mich wirklich gefreut. Ich habe immer gehofft, dass er so fühlt, und das hat mich noch mal zusätzlich motiviert. Aaron ist ein super Typ, der sich auch um mich gekümmert hat. Ich glaube, dass meine Chancen gut sind, nächste Saison wieder für die Packers zu spielen. Aber ich muss hart um meinen Platz im Kader kämpfen. Nichts ist garantiert in der NFL.

St. Brown träumt vom NFL-Titel

Welche Ziele setzen Sie sich für die Saison?

Ich möchte meinen ersten NFL-Touchdown erzielen – und dabei soll es nicht bleiben (lacht). Grundsätzlich träume ich natürlich vom NFL-Titel.

Das Rennen darum wird in der neuen Saison spannend. Es gab viele Wechsel namhafter Spieler. Wird es die spannendste Saison der vergangenen Jahre?

Das würde ich so nicht sagen. Jede Saison ist spannend, jedes Jahr gibt es neue Regeln, neue Spieler, mehr Geld. Jedes Jahr wird die NFL besser und ich hoffe, dass Football bald in der ganzen Welt gespielt wird.