17. März 2018 / 11:40 Uhr

"Die Kluft darf nicht größer werden": NFV-Präsident Günter Distelrath im großen Interview 

"Die Kluft darf nicht größer werden": NFV-Präsident Günter Distelrath im großen Interview 

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
NFV-Präsident Günter Distelrath (r.) im Gespräch mit Madsack Hannover Sportchef Carsten Bergmann. 
NFV-Präsident Günter Distelrath (r.) im Gespräch mit Madsack Hannover Sportchef Carsten Bergmann.  © Florian Petrow
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2661 Vereine mit mehr als 18 000 Mannschaften gehören dem Niedersächsischen Fußballverband an. Über 27 Jahre prägte Karl Rothmund den Verband. Ende vergangenen Jahres endete die Ära, mit Günter Distelrath steht ein neuer Präsident an der Spitze. In seinem ersten offiziellen Interview spricht der 68-Jährige über die Herausforderungen, seine Ziele und wie er den nicht immer unumstrittenen NFV in eine neue Zeit führen will. 

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Herr Distelrath, wie gefallen Ihnen eigentlich die Montagsspiele in der Bundesliga?

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Für die Fans habe ich Verständnis, wenn sie sagen, dass es bei Auswärtsspielen schwierig für sie wird. Aber es gibt auch eine sportliche Seite: Für die Vereine, die am Donnerstag in der Europa League im Einsatz sind, ist es natürlich hart, dann am Samstag oder Sonntag direkt wieder zu spielen. Da muss man einerseits an die geschlossenen Verträge denken, aber auch an den Amateurspielplan, mit dem die Montagsspiele ja eben nicht kollidieren. Und dann gibt es noch die TV-Sender, die viel Geld für die Übertragung bezahlen. Grundsätzlich vermisse ich in dieser Diskussion aber auch ein bisschen die Verhältnismäßigkeit: Es sind bis jetzt nur fünf Montagsspiele pro Saison – und mehr werden es ja nicht. Es gibt diesbezüglich klare Aussagen vom DFB.

Dennoch: Entfremdet sich der Profisport zu sehr vom Amateursport, tragen solche Verträge nicht dazu bei, dass diese Kluft noch größer wird?

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Kluft wirklich so groß ist, wie sie manchmal öffentlich dargestellt wird. Auf jeden Fall ist es aber unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass sie nicht größer wird. Dennoch sollte man sich in diesem Zusammenhang auch mal die Mühe machen und schauen, woher die finanzielle Unterstützung für die Landesverbände und damit auch die Basis kommt. Das macht der DFB möglich, der einerseits die Nationalmannschaft vermarkten kann und andererseits den Grundlagenvertrag mit der DFL ausgehandelt hat. Nur so sind der DFB und seine Landesverbände in der Lage, pro Jahr 120 Millionen Euro in den Amateurfußball zu geben. Der Grundlagenvertrag ist etwas Einzigartiges und wir werden darum auch international beneidet, wenn wir die Thematik mal aus der Sicht der Amateure betrachten, die nun mal das Herzstück des deutschen Fußballs sind.

Ein Kommunikationsfehler also, wenn sich die Spieler in der Kreisliga oder Bezirksliga darüber aufregen, dass die Profispiele sonntags auf nachmittags verlegt werden und sie selbst nicht mehr im Fokus stehen?

Das ist wie bei fast allen Dingen im Leben. Man kann sich die schlechten Dinge herauspicken, auch beim Grundlagenvertrag, der eben auch die Sonntags- und Montagsspiele regelt. Aber alles Positive, was der Vertrag ebenso beinhaltet bietet, wird dann einfach unter den Teppich gekehrt. Es liegt sicher auch an der Kommunikation und Transparenz gegenüber der Basis. In den Dialogen mit den Vereinen stelle ich jedenfalls fest, dass viele etwas beklagen, was so gar nicht vorhanden ist. Ich finde es dann wichtig zuzuhören und herauszufinden, was die Vereine wirklich bedrückt. Man darf nicht verkennen: 90% unserer Spieler sind in den Kreisklassen oder Kreisligen beheimatet. Wir werden mit ihnen in den Dialog treten, auch ich persönlich.

Sie verfolgen einen Masterplan. Gewähren Sie uns da weitere Einblicke. Also Dialog, Kommunikation - was gehört noch dazu?

Der DFB-Masterplan behandelt aufgrund verschiedenster Veränderungen in unserer Gesellschaft diverse Themen, unter anderem die demografische Entwicklung, deren Auswirkungen regional teilweise immer noch unterschätzt werden. Es geht darin auch um das Thema Spielbetrieb, das die Kernaufgaben eines Verbandes ist. Weiterhin das Thema Futsal, also Hallenfußball in der international einheitlichen FIFA-Variante, und natürlich das Thema Digitalisierung mit Blick auf die Erleichterung der Vereine durch DFB.net und weitere Onlinemodule, ohne die es gar nicht mehr gehen würde. Und schlussendlich beinhaltet der Masterplan einen noch besseren Vereinsservice sowie die Nachwuchsgenerierung. Wie bekommen wir junge Leute in den Trainerbereich? Und wie können wir neue Schiedsrichter gewinnen? Es geht uns darum, den Amateursport in eine gute und sichere Zukunft zu führen.

Sie haben sich den NFV in den letzten Monaten sehr genau angeschaut. In welchem Status haben Sie den NFV denn vorgefunden?

In einem sehr guten Status. Karl Rothmund, der 27 Jahre als Direktor und Präsident aktiv war, hat mir mit der Mannschaft vor Ort ein wohl bestelltes Haus hinterlassen. Die Prozesse will ich nun weiterentwickeln und eigene Ideen einbringen. Und momentan horche ich überall herein und frage nach, wie der Stand ist und ob es Dinge gibt, die anders gemacht werden sollten. Ziel ist es, unsere Kreise mehr zu unterstützen, damit sie dadurch wiederum die Vereine entlasten können.

Bilder des letzten NFV-Verbandstages unter Präsident Karl Rothmund

Die Barsinghäuser Karl-Laue-Halle war gut gefüllt: 500 Gäste wohnten dem Abschied Karl Rothmunds bei. Zur Galerie
Die Barsinghäuser Karl-Laue-Halle war gut gefüllt: 500 Gäste wohnten dem Abschied Karl Rothmunds bei. ©

Wie können diese Entlastungen aussehen?

Zum Beispiel im Bereich der Bürokratie, der Verwaltung, auch bei den Gebühren. Da gibt es so einiges, wo wir prüfen, ob wir die Prozesse verschlanken können. Und da sind wir auch schnell bei der Digitalisierung. Viele Prozesse können vereinfacht werden, da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Aber bei vielen Dingen muss man auch die Politik in die Pflicht nehmen, damit die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. 

Und das bedeutet?

Man kann nicht immer nur über das Ehrenamt reden und regelmäßig die Bedeutung betonen. Man muss durch Veränderung der Rahmenbedingungen das Ehrenamt auch stärken. Es gibt zwar schon eine Ehrenamtspauschale und weitere steuerliche Vergünstigungen eingeführt, aber man kann - und wie ich finde - man muss noch mehr tun, um dauerhaft Ehrenamtliche beispielsweise für Vorstandstätigkeiten zu gewinnen und zu halten. Auch für die Vereine gibt es Handlungsbedarf, zum Beispiel bei den Sportstätten.

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Was schwebt Ihnen da vor?

Ich stelle mir ein Programm vor, dass den Erhalt und die Erweiterung einer zukunftsfähigen Infrastruktur gewährleistet, also zum Beispiel den Bau von neuen Sportstätten. Zur Sicherung eines geordneten Spiel- und Trainingsbetriebs ist es dringend notwendig – wie gerade übrigens gut zu beobachten ist - dass wir Kunstrasenplätze stärker fördern als bisher. Ich weiß, dass diese Plätze viel Geld kosten, aber die Vereine sind auch bereit, einen Teil aus eigener Tasche zu zahlen oder viel in Eigenarbeit zu leisten.

Nach 27 Jahren unter Karl Rothmund scheint es jetzt Zeit sein, den NFV neu auszurichten.

Karl Rothmund hat unbestritten große Verdienste um den Fußball in Niedersachsen, der Verband steht hervorragend da. Dennoch sehe ich meine Amtszeit natürlich auch als Chance, mit neuen Gedanken und Ideen ranzugehen. Die Grundaufgaben sind klar und ich habe von Anfang an gesagt, dass das Thema Ehrenamt mir besonders am Herz liegt. Es ist die Grundlage für alles, was wir tun. Ich stelle mir deshalb die Frage, wie wir neue Ehrenamtliche gewinnen können und wie wir die Ehrenamtlichen, die wir haben, halten. Das sind für mich die wichtigsten Bausteine. Und gerade beim Thema Gewinnung von neuen Ehrenamtlichen muss man sich vor Augen führen, dass die junge Generation auch dazu bereit ist, ein Amt zu übernehmen, aber vielleicht unter anderen Bedingungen als die ältere Generation.

Demografie also…

Viele übernehmen gerne ein Projekt, aber keine Langzeitaufgaben. Die Anzahl der Ehrenamtlichen nimmt sogar zu. Die Zeit, die sie investieren wollen, hingegen nimmt ab. Beim Thema Ehrenamtskultur müssen wir uns auch deshalb fragen, ob wir genug für diejenigen tun, die sich über Jahre für uns engagieren und ob die bestehenden Rahmenbedingungen zur Ausübung eines Ehrenamtes ausreichen. Außerdem sollten wir uns fragen, ob wir den Ehrenamtlichen nicht mehr Freiräume geben müssen. In den Vorständen und bei denjenigen, die einen Verein leiten sollen, fehlt der Nachwuchs.Nur mal ein Beispiel: Wir bekommen immer mehr Mitglieder mit Migrationshintergrund, was uns sehr freut, aber von den Eltern engagiert sich kaum jemand. Da braucht man einen besseren Mix.

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Die Rückmeldungen der Vereine sind positiv. Statt auf Monolog zu setzen, werden Sie für Ihre Dialogbereitschaft geschätzt. Ist das der neue NFV-Weg?

Ja, das ist mein Weg. Aber es ist keinesfalls so, dass wir Dialogen vorher aus dem Weg gegangen sind. Der Verband hatte immer eine Bereitschaft zum Dialog, anders funktioniert es doch gar nicht. Dennoch haben Karl Rothmund und ich sicherlich verschiedene Führungsstile. Ich bin es gewohnt zuzuhören. Das ist mir wichtig, bevor ich eine Entscheidung treffe. Jeder hat so seine eigenen Schwerpunkte und unterschiedliche Mentalitäten.

Ihre Art scheint angekommen. 54 Vereine aus und um Hannover hatten sich zusammengeschlossen, haben einen Zehn-Punkte-Manifest verabschiedet, wollten den Druck auf den NFV erhöhen. Der Leidensdruck schien groß. Sie haben sich mit den Vertretern der Vereine getroffen.

Wie ich eingangs schon sagte: Oft werden Dinge bemängelt, die schon längst verändert oder verbessert wurden. Aber das wird nicht ausreichend kommuniziert. Wir haben Strukturen im Verband, wo man auch seine Gedanken loswerden kann. Ich bin zuversichtlich, dass wir viele der angesprochenen Punkte intern lösen können. Ich sage immer: Man sollte nicht Angst vor Veränderung haben, sondern die Chance darin sehen.

Sie packen die Dinge gerne beim Schopf. Eines ihrer ersten Treffen als neuer Chef war mit Wunstorfs Präsident Andree Ullmann, der dem NFV in Person von Karl Rothmund eine systematische Bevorzugung von Egestorf/Langreder vorwirft.

Das ist richtig, dieses Treffen hat es gegeben. Ich habe ihn angerufen, weil ich wissen wollte, was ihn wirklich bewegt. Es ist aber auch richtig, dass Andree Ullmann und ich uns darauf verständigt haben, dass wir die Inhalte dieses Gesprächs vertraulich behandeln. An diese Abmachung möchte ich mich gerne halten.

Eine große Aufgabe für Sie wird sicher auch die zunehmende Gewalt auf den Kreisspielplätzen?. Es gibt immer mehr Auseinandersetzungen unter den Spielern und unter den Zuschauern. Wie möchten Sie dort in den nächsten Jahren aktiv werden?

Das ist die gefühlte Wahrnehmung, die ich persönlich übrigens auch habe. Aber die Zahlen, für die wir in der Vergangenheit viele Tausende Spiele ausgewertet haben, sagen etwas anderes. Die Zahl der Gewaltvorfälle auf Niedersachsens Fußballplätzen bewegt sich im Promille-Bereich. Nichtsdestotrotz ist das ein Thema, mit dem wir uns in unseren Kommissionen und Ausschüssen sehr intensiv auseinander setzen. Wir fragen uns durchaus, wo die Gewalt herkommt und was wir dagegen tun können und welche Spiele und Ligen eigentlich im Detail betroffen sind. Es ist ein schwieriges Thema, aber wir sind dran.

Springen wir in die Regionalliga. Dort gab es ein umstrittenes Reförmchen. Die Meister dürfen nicht automatisch aufsteigen. Eigentlich ein Unding, oder?

Ich finde den Kompromiss, der gefunden wurde, gut. Jetzt sind alle gefordert daran zu arbeiten, dass man eine echte Reform realisieren kann. Wir haben zurzeit fünf Regionalligen und vier Aufsteiger - und da liegt das Problem. Völlig zu Recht kann jeder Meister erwarten, dass er aufsteigt und nicht noch darum bangen muss. Die Frage, wie man die Reform umsetzt, wird jetzt spannend und muss die entsprechende Kommission klären. Denn die Interessen sind unterschiedlich, auch die der einzelnen Regionalligen. Ich glaube es wäre gut, wenn man es mit fünf Regionalligen schaffen könnte. Aber dann müsste man an die dritte Liga ran und sie müsste zweigleisig fahren. Ob man das machen kann und die Vereine der dritten Liga zustimmen, steht dann wiederum auf einem anderen Blatt Papier. Das sind auch finanzielle Fragestellungen, die dritte Liga erhält ja auch Geld aus den Übertragungsrechten. Ich denke, das wäre ein Weg, den wir als Niedersachsen auch mitgehen würden. Wenn man zu vier Regionalligen kommen will, wird es nicht einfach werden. Dann muss man die Zuordnung in den einzelnen Ligen verändern und schauen ob man es schafft, dass man dann Landesverbände ungeteilt lässt. Das wäre für mich eine unabdingbare Voraussetzung.

NFV-Präsident Günter Distelrath stand Redaktionsleiter Carsten Bergmann Rede und Antwort.
NFV-Präsident Günter Distelrath stand Redaktionsleiter Carsten Bergmann Rede und Antwort. © Florian Petrow

Mit Bibiana Steinhaus haben wir in Niedersachsen die weltbeste Schiedsrichterin, dennoch ist es schwierig, weitere Schiedsrichter heranzuziehen, gerade in den unteren Klassen. Wollen Sie das Amt des Schiedsrichters attraktiver gestalten?

Wir haben auch das Problem, dass neue Schiedsrichter schnell wieder aufhören, wenn sie negative Erfahrungen machen. An diese Stelle muss an die Eltern und Verantwortlichen appellieren, die diese jungen Schiedsrichter teilweise auf unangemessene Art und Weise kritisieren. Dies gilt im Übrigen auch für die Trainer. Was tun wir sonst? Wir haben jetzt beim DFB Paten für junge Schiedsrichter, die bei den ersten Spielen immer dabei sind und dem Nachwuchs auch Feedback geben. Das ist ein Pilotprojekt, das 2017 gestartet ist.

Das Schiedsrichterwesen genießt derzeit keinen guten Ruf. In der Bundesliga soll es ja mehr um Beziehungen statt um Leistung gegangen sein.

Bibiana Steinhaus hat es zuletzt gut auf den Punkt gebracht: Wir haben 80.000 Schiedsrichter in Deutschland und nur 24 dürfen in der Bundesliga pfeifen. Das ist natürlich eine herausragende Position und unter den Kandidaten gibt es einen immensen Wettbewerb. Aber auch der muss seine Grenzen haben und fair ablaufen.

Sie werden nun mindestens drei Jahre als Präsident tätig sein. Und was möchten Sie danach über sich lesen?

Dass ich genau das realisiert habe, was ich mir auch vorgenommen habe, gerade im Hinblick auf das Ehrenamt und die Entlastung der Vereine. Im April schon wird eine Arbeitsgruppe ihre Arbeit aufnehmen und Möglichkeiten erarbeiten, die Vereine zu entlasten. Hier werden alle vertreten sein: Die Bezirke, dann aus jedem Bezirk ein Verein, der Finanzchef und der Chef unserer Revisionsstelle. Ich erwarte in relativ kurzer Zeit Ergebnisse. Sie sehen: Es bewegt sich einiges.

Letzte Frage: Was ist Ihnen lieber, in drei Jahren vorne zu sehen – Schalke oder 96?

Ich bin zwar Schalke-Fan, aber ich stimme als Niedersachse trotzdem für Hannover. Mir gefällt momentan auch, was sie tun und wie sie auftreten, das macht schon Spaß.