15. Juni 2020 / 11:30 Uhr

NHL-Profi Tom Kühnhackl über Rassismus-Proteste: "Hätten uns alle viel früher damit beschäftigen sollen"

NHL-Profi Tom Kühnhackl über Rassismus-Proteste: "Hätten uns alle viel früher damit beschäftigen sollen"

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Spricht über Proteste gegen Rassismus, Donald Trump und den Re-Start der NHL: Tom Kühnhackl.
Spricht über Proteste gegen Rassismus, Donald Trump und den Re-Start der NHL: Tom Kühnhackl. © Icon Smi/imago images
Anzeige

Der deutsche Eishockey-Profi Tom Kühnhackl lebt seit vielen Jahren in den USA, spielt dort in der NHL. Den Ausbruch der Corona-Pandemie erlebte er in New York. Doch viel schlimmer empfindet er die Rassismus-Problematik in den USA. Auf den Neustart der Saison freut er sich allerdings.

Anzeige

Die Proteste in den USA gegen Rassismus und Polizeigewalt werden immer lauter – vor allem nachdem am Wochenende in Atlanta erneut ein Schwarzer erschossen wurde. Auch prominente Sportler stellen sich aktiv und laut gegen Rassismus – darunter auch der deutsche Eishockey-Profi Tom Kühnhackl, der seit dem Wochenende wieder in den USA weilt und sich dort auf den Re-Start der NHL-Saison vorbereitet.

Anzeige
Mehr vom SPORTBUZZER

Den Anfang der Proteste hat 28-Jährige aus Deutschland miterlebt, kennt aber durch seine lange Karriere in der besten Eishockey-Liga der Welt die Situation vor Ort. „Es ist wirklich schlimm, was alles in der letzten Zeit in den USA passiert und es muss sich sicherlich einiges ändern“, sagte er dem SPORTBUZZER. „Meiner Meinung nach, hätten wir uns alle sehr viel früher mit diesen Themen beschäftigen sollen.“ Zumal das Thema kein neues ist, wie auch der deutsche NBA-Profi Isaac Bonga am Wochenende im SPORTBUZZER-Interview erklärte: „Wer dachte, dass das kein Thema mehr ist, liegt leider falsch – auch wenn es vielen Leuten schwerfällt, dies einzusehen.“

Kaepernick stieß schon 2016 Proteste gegen Rassismus an

In den USA wurde der Kampf gegen Rassismus oft und lange totgeschwiegen. Schon 2016 machte der damalige NFL-Quarterback Colin Kaepernick nach dem Tod eines Afroamerikaners durch Polizeigewalt auf die Situation aufmerksam. Bei der Nationalhymne vor den Football-Spielen seiner San Francisco 49ers kniete er sich hin – und sorgte so für wütende Reaktionen von Konservativen und Diskussionen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Kritiker sahen darin einen Affront gegen die Flagge und die USA, Unterstützer den Anfang einer längst überfälligen Debatte. Der Protest an sich wurde so zur Nebensache – und Kaepernick wurde ausgegrenzt.

Sancho, McKennie, Thuram und Co.: Bundesliga-Stars protestieren gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA

 Gerechtigkeit für den ermordeten George Floyd: BVB-Profi Jadon Sancho mit einer klaren Botschaft nach seinem Treffer zum 2:0 gegen den SC Paderborn am 29. Bundesliga-Spieltag. Zur Galerie
Gerechtigkeit für den ermordeten George Floyd: BVB-Profi Jadon Sancho mit einer klaren Botschaft nach seinem Treffer zum 2:0 gegen den SC Paderborn am 29. Bundesliga-Spieltag. ©

„Nach seinem Protest gegen den Rassismus hat Colin Kaepernick keine Unterstützung mehr bekommen, kaum Spielzeit und keinen Vertrag mehr erhalten“, erinnerte sich der NHL-Profi Kühnhackl, der damals für die Pittsburgh Penguins spielte und den Stanley-Cup gewann. „Hat sich seitdem was geändert – ich denke nicht. Auch andere Sportler haben gegen den Rassismus protestiert, aber so richtig wahrgenommen wurde es meines Erachtens damals nicht“, sagte Kühnhackl. Nun hofft er, dass viele Sportler weiterhin sich für dieses Thema stark machen: „Wir können und sollten mehr machen.“

Mehr zu den RASSISMUS-PROTESTEN

Zumal die Situation dieses Mal anders erscheint als noch 2016. Nach dem gewaltsamen Tod von Georg Floyd bei einem Polizeieinsatz gehen seit Wochen weltweit Millionen Menschen auf die Straße und protestieren unter dem Slogan „Black Lives Matter“ gegen Rassismus. „Es ist traurig, das erst etwas passieren muss, um die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit für das Thema zu schärfen“, befindet Kühnhackl. Zumal mit Donald Trump jemand die USA regiert, der „mit seinem Auftreten in den Medien polarisiert und die Situation mit Sicherheit nicht beruhigt.“ Ob Trump die Situation sogar noch verschärft habe? "Ich denke schon", sagte Kühnhackl.

Corona-Krise traf New York hat - Kühnhackl war vor Ort

Das war auch schon zu Beginn der Coronakrise der Fall. Trump schob das Thema selbst dann noch weg, als in New York Hunderte Menschen an den Folgen des Viruses starben. Kühnhackl, der inzwischen bei den New York Islanders spielt, hatte dies hautnah miterlebt. „Die Stadt war ein Hotspot“, erklärte er. „Ich war alleine in meiner Wohnung, habe sie nur zum Einkaufen verlassen. Ich war dann froh, dass ich es noch aus New York raus geschafft habe und nach Deutschland reisen konnte“, sagte er.

Die deutschen Spieler in der NHL

Dominik Kahun (Jahrgang 1995, Center bei den Edmonton Oilers) Zur Galerie
Dominik Kahun (Jahrgang 1995, Center bei den Edmonton Oilers) ©

Seit Mitte März war er in Deutschland, reiste inzwischen aber wieder zurück in die USA, weil er sich dort mit dem Team auf den Re-Start der NHL vorbereiten wird. Viele Telefonate und Videokonferenzen liegen hinter ihm, um alles zu organisieren. Nun freut er sich auf den Sport. „Ich glaube, jeder ist froh, dass wieder gespielt wird, auch ohne Zuschauer und mit Vorschriften, die wir erst verinnerlichen müssen. Klar wird vieles anders sein: Abstand halten, Hygiene Vorschriften, ohne bzw. anderer Jubel, aber man sieht es in der Bundesliga: jeder freut sich auf die Spiele und es geht auch mit Vorschriften.“