21. Mai 2020 / 14:05 Uhr

Nicky Adler sagt Servus und will zum Abschied mit Lok Leipzig auf den Rathausbalkon

Nicky Adler sagt Servus und will zum Abschied mit Lok Leipzig auf den Rathausbalkon

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
Nicky Adlers Karriere begann in Probstheida und endet auch dort.
Nicky Adlers Karriere begann in Probstheida und endet auch dort. © imago images / Picture Point
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Vor 18 Jahren zog Nicky Adler von Leipzig aus in die Fußballwelt. Hier endet nun auch seine Karriere. Im SPORTBUZZER-Gespräch erinnert sich der dreifache Familienvater an Ich-AGs, Charakterstärken und -schwächen sowie seine größten Erfolge.

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Leipzig. „Servus Nicky Adler!“, heißt ein Video auf YouTube, um Stürmer und Publikumsliebling Adler vom TSV 1860 München zu verabschieden – in Zeiten, in denen Corona nur für eine Biermarke stand, in denen eine mit schnulziger Musik untermalte Diashow digitales Neuland war und in denen dem Leipziger Nicky Adler bayrische Herzen zuflogen.

Kein spezieller Grund für den Abschied

Vor 17 Jahren wechselte der erst 18-jährige Nicky vom damaligen VfB Leipzig zu den Löwen nach München und startete eine illustre Profikarriere, die ihn in fast zwei Jahrzehnten zu 200 Erst- und Zweitligaspielen, der Teilnahme der U20-WM 2005 in den Niederlanden sowie der Ehre, unter Trainerlegenden wie Peter Neururer oder Hans Meyer zu trainieren, verhalf. Nun sagt Adler selbst Servus.

Am Montag gab der 1. FC Lok Leipzig bekannt, dass der heute 34-jährige dreifache Familienvater und Co-Trainer in Probstheida seinen Jugendklub und damit die Fußballblase zum 30. Juni verlassen wird. Er wechselt in die Lebensmittelbranche und wird eine leitende Position bei der Logistik von Kaufland begleiten. Als spontaner Assistent von Chefcoach und Sportdirektor Wolfgang Wolf – zu Beginn der Saison war Adler noch als Spieler unter Vertrag - blieb er an der Seitenlinie 15 Partien lang ungeschlagen, entsprechend überraschend kam der Abgang. „Es gibt nicht diesen einen speziellen Grund. Ich hatte den Wunsch, mich in einem anderen Gebiet auszuprobieren und zu gucken, ob ich auch da klar komme“, erzählt er im SPORTBUZZER-Gespräch. „Diese Chance wurde mir nun geboten und ich bin dankbar, mich nun dort beweisen zu müssen.“

"Ich war kein unfassbares Arschloch auf dem Platz"

Beweisen musste er sich auch in München. „Ich war quasi ein Ossi in der riesengroßen Weststadt“, blickt er zurück. „Dieser Sprung war brutal. Nach anderthalb Jahren wollte ich eigentlich wieder nach Hause. Ich wurde überflutet, mit teuren Autos oder Klamotten. Lifestyle spielte eine große Rolle und es war ein stückweit überfordernd. Ohne Frage ist Geld wahnsinnig wichtig, es hilft und erleichtert Dinge. Aber dieses Thema war dort allgegenwärtig“, erinnert sich Adler, der einräumt: „Ich dachte eine Zeit lang, ich muss da mithalten.“

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Oktober 2001: In der B-Junioren-Regionalliga kommt es zum Duell zwischen dem VfB Leipzig und dem 1. FC Magdeburg. Hier führt Nicky Adler den Ball. Zur Galerie
Oktober 2001: In der B-Junioren-Regionalliga kommt es zum Duell zwischen dem VfB Leipzig und dem 1. FC Magdeburg. Hier führt Nicky Adler den Ball. ©

Geerdet habe ihn damals ein Besuch beim Arbeitsamt in Delitzsch. „Ich hab eine Nummer gezogen und da hat keiner gejubelt oder angerufen – nur die Familie und die allerbesten Freunde.“ Den Profifußball mit allen seinen Tücken bekam Adler deutlich zu spüren, als er schließlich den Sprung in die Bundesliga schaffte – beim Club aus Nürnberg. „Ich war ein wenig naiv. Ich bin in diese Welt gekommen und dachte, einige sind meine Freunde – ich war ein junger Kerl mit 22 Jahren. Ich war kein unfassbares Arschloch auf dem Platz, doch in bestimmten Dingen musst du eine Drecksmentalität haben. Ich war zu lieb, zu menschlich. In Nürnberg haben wir gemeinsam Fußball gespielt, das war's“, erzählt er von den so genannten Ich-AGs im Fußball. Bei den „Clubberern“ absolvierte Adler drei Europacup-Spiele, lief gegen Größen wie Anatolij Tymoschtschuk oder Andrei Arshavin, Louis van Gaal oder Rui Costa auf, zählte hochgewachsene Sturmpartner wie Jan Koller oder Europameister Angelos Charisteas zu seinen Kollegen. Den Abstieg mit Nürnberg konnte der blonde Angreifer verletzungsbedingt nicht verhindern, wieder fit bekam er kaum Spielzeit in der Rückrunde.

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Nach nur einem Jahr wechselte er zum MSV Duisburg und begann bei den Zebras seine erfolgreiche Zweitligazeit. „Ich war einer derjenigen, die jedes Wochenende ein Spiel entscheiden konnten“, zeigt sich der Blondschopf stolz auf seine 33 Buden in Liga zwei für Duisburg, 1860 München, den VfL Osnabrück, Sandhausen und Erzgebirge Aue.

Aufstieg mit Erzgebirge Aue

Für die ganz große Bühne sollte es nicht mehr reichen, womöglich und sehr wahrscheinlich aus vielen verschieden Gründen. „Ich konnte trotz meiner Naivität und Nächstenliebe ein paar Bundesligaspiele machen“, ist Adler dankbar. „Ich bin auch oft an meine Grenzen gestoßen“, erkennt er zudem an und erinnert sich an aussichtslose Duelle gegen Rafinha oder den ehemaligen südkoreanischen Nationalspieler Dong-jin Kim von Zenit St. Petersburg. „Der war größer als ich, der war schneller als ich, der hat mit mir gemacht, was er wollte“, scherzt er über ungleiche Verhältnisse.

Adler wurmt dies nicht. Getauschte Trikots von Schweinsteiger, Podolski oder dem Leipziger Keeper und Namensvetter Rene Adler pflastern den Weg seiner Karriere, an seine Wand möchte er die „Leiberl“ seiner größten Matches anbringen – UEFA-Cup-Viertelfinale gegen Benfica, Aufstieg mit Aue, 125 Jahre Lok Leipzig. „Ich könnte meine ganze Wand tapezieren, aber da würde ich Ärger von meiner Frau kriegen“, möchte er die Harmonie zu Hause bewahren.

Streit ist ohnehin nicht sein Ding. Dass ihn die TSV-Fans mit einem Abschiedsvideo huldigten, verwundert Adler nicht: „Egal wo, mein Credo ist: Behandele die Menschen so, wie du behandelt werden willst. Ich hatte überall ein wahnsinnig gutes Verhältnis zu den Fans und allen Mitarbeitenden.“ So auch in Probstheida. Als sein Abgang veröffentlicht wurde, lief sein Telefon heiß. „Es haben sich alle aus der Mannschaft gemeldet“, sagt er gerührt. Besonders glücklich war er über die Intimität: „Mit einem Großteil habe ich telefoniert, ansonsten gab es sehr persönliche Nachrichten mit Anekdoten. Da war nichts Alibi.“

Kleiner Wunsch an Oberbürgermeister Jung

Vor der Bekanntgabe traf er sich noch einmal mit seinem Vorgesetzten zum Essen. Chefcoach Wolfgang Wolf habe Verständnis gehabt, wollte ihn jedoch auch nochmal überzeugen, zu bleiben. „Er hat mir Zeit gegeben, die Entscheidung zu überdenken. Am Ende klopfte er mir auf die Schulter, sagte: 'Wenn es so ist, ist es so. Ich hatte selten einen Co-Trainer wie dich'. Das hat mich unheimlich stolz gemacht, denn er hat mir diese Aufgabe zugetraut. Ein Spieler, der Co-Trainer wird und ein Sportdirektor, dessen Sohn (Anm.: Patrick Wolf) in der Mannschaft spielt, wird Trainer - Es war eine unglaublich respektvolle und vertrauensvolle Mischung“, schwelgt Adler mit einem lachenden und einem weinenden Auge bereits in Nostalgie.

Ob er vor seinem Vertragsende noch einmal neben Wolf an der Lok-Trainerbank Platz nehmen wird, ist unklar. Möglich ist, dass Nicky Adlers letzte Partien die Relegationsspiele um den Aufstieg in Liga drei sind. Sollten diese erfolgreich verlaufen, hat Adler einen kleinen Wunsch an Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung: „Wenn wir uns den ausleihen könnten, gäbe es keinen schöneren Abschluss als auf dem Rathausbalkon in meiner Heimatstadt.“