05. September 2019 / 06:00 Uhr

Holland-Boss Nico-Jan Hoogma über das Spiel gegen Deutschland, Joachim Löw und den HSV

Holland-Boss Nico-Jan Hoogma über das Spiel gegen Deutschland, Joachim Löw und den HSV

Hans-Günter Klemm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Nico-Jan Hoogma ist seit Februar 2018 als Generaldirektor des Verbands auch für die holländische Nationalmannschaft verantwortlich.
Nico-Jan Hoogma ist seit Februar 2018 als Generaldirektor des Verbands auch für die holländische Nationalmannschaft verantwortlich. © imago images / VI Images / Montage
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Mit dem HSV spielte Nico-Jan Hoogma einst sehr erfolgreich in der Bundesliga. Inzwischen arbeitet der frühere Verteidiger als Generaldirektor des holländischen Fußballverbands und sprach im Interview über das Spiel gegen Deutschland, Bundestrainer Joachim Löw und seinen Ex-Klub. 

Gute Ansätze, doch noch nicht am Ziel. Dieses Zwischenfazit in seinem neuen Job zieht Nico-Jan Hoogma. Der frühere Kapitän des Hamburger SV (177 Spiele von 1998 bis 2004) amtiert seit Februar 2018 als Generaldirektor des niederländischen Fußball-Verbands. Gemeinsam mit Bondscoach Ronald Koeman will er den vor seinem Amtsantritt schwächelnden Fußball im Nachbarland reformieren. Vor dem Spiel gegen Deutschland in Hamburg spricht der 50-Jährige über die EM-Qualifikation, die Angriffspower im Team von Joachim Löw und die neue vielversprechende Generation in der Elftal.

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SPORTBUZZER: Die Frauen standen bei der WM im Finale und haben verloren, die Männer sind im Finale der Nations League an Portugal gescheitert. Alles wie gehabt bei den Niederlanden? Kann Holland auch in Ihrer Amtszeit keinen Titel holen, Nico-Jan Hoogma?

Nico-Jan Hoogma (50): Ich sehe es nicht so negativ, betrachte es differenziert. Zu den Frauen: Sie haben ein überragendes Turnier gespielt, sind nur an der Ausnahmemannschaft USA gescheitert. Und bei den Männern muss berücksichtigt werden, wo wir hergekommen sind. Wir haben im Vorfeld mit Weltmeister Frankreich, mit Deutschland und mit England einige Topnationen geschlagen. Im Finale von Lissabon fehlten dann die Kräfte, so dass wir kein gutes Spiel gemacht haben.

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Tor: Manuel Neuer (FC Bayern München) ©

Holland ist in der FIFA-Weltrangliste auf Platz 16 vorgerückt, Deutschland ist einen Rang davor platziert. Wissen Sie noch, auf welcher Position Holland stand, als Sie angetreten sind?

Diese Rangliste interessiert mich nicht. Entscheidend ist die eingeleitete Entwicklung.

Gut eineinhalb Jahre nach dem Neuanfang sehen Sie den niederländischen Fußball also im Soll?


Wir sind auf einem guten Weg, aber lange noch nicht am Ziel. In der neuen Saison starten wir wieder bei null. Wir müssen die guten Ansätze bestätigen. Die Qualifikation für die Europameisterschaft ist daher lebenswichtig.

Haben Sie Sorge, dass Holland nach zuletzt zwei verpassten Turnieren wiederum scheitern könnte?

Dies nicht, doch wir hinken in der Qualifikation hinterher durch die Teilnahme an den Finalspielen der Nations League, wir sind zwei Spiele im Hintertreffen. Die Nordiren haben zweimal gewonnen, sind uns enteilt. Zudem haben wir das Heimspiel gegen Deutschland mit 2:3 verloren. Eine Partie, die normalerweise remis hätte ausgehen müssen.

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Holland in Not?

Es besteht Zugzwang. Jeder geht davon aus, dass Deutschland und die Niederlande sich in dieser Gruppe durchsetzen. Doch ich gebe nichts auf die berühmte Papierform. Spiele werden nicht auf dem Papier, sondern auf dem Platz entschieden.

Wie sehen Sie den Vergleich mit der deutschen Elf in Hamburg?

Ein ganz schweres Auswärtsspiel, eine diffizile Aufgabe für uns. Ich habe mich nicht durch die Erfolge gegen Deutschland in den Spielen der Nations League blenden lassen. Die Partien hätten auch ganz anders ausgehen können.

In Deutschland ist die Diskussion um Bundestrainer Joachim Löw und den Umbruch in der deutschen Nationalelf inzwischen ein wenig abgeflacht. Haben Sie die Kritik und die Aufregung nachvollziehen können?

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Ehrlich gesagt: nein. Es ist nun mal so, dass es im Fußball eine Wellenbewegung gibt. Die Deutschen waren lange Zeit oben, als es nun etwas nach unten ging, wurde vieles, fast alles infrage gestellt. Für meine Begriffe eine zu extreme Reaktion. Der Nationaltrainer muss nun mal Entscheidungen treffen, nicht immer ganz populäre. Er muss sich von verdienten Spielern trennen, er muss Talente einbauen, so die Mannschaft verjüngen. Dies braucht Zeit. Die Öffentlichkeit muss Geduld aufbringen.

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Löw hat das Team erneuert, hat mit Gnabry und Sané frisches Blut gebracht, kann auf Ballkünstler wie Reus und Werner, wie Havertz und Brandt bauen. Beneiden Sie den Bundestrainer um dieses Personal für die Offensive?

Das sind alle richtige Granaten, Klassespieler, die viel Tempo mitbringen, die jederzeit ungemein gefährlich sind. Diese Auswahl haben wir in diesem Mannschaftsteil eher nicht.

Ist die Angriffspower das Plus der Deutschen im Vergleich zur Efltal?

Diese enorme Qualität besitzt die deutsche Mannschaft. Unser Team kann sich in dieser Beziehung noch verbessern. Die Portugiesen haben uns, wie es ihr Stil ist, im Finale den Ball überlassen, doch wir konnten es nicht nutzen, konnten nicht so effektiv in die Spitze spielen und vor dem Tor gefährlich werden.

Stimmt es, dass bei beiden Teams ein echter Torjäger fehlt?

Meinen Sie so einen Stürmertyp wie Lewandowski bei den Bayern? Gegenfrage: Wo gibt es den heute noch? Der Fußball hat sich entwickelt. Gefragt sind die eher kleinen, schnellen, dribbelstarken und lauffreudigen Stürmer. Ein Beispiel: Auch Ajax hat in der Champions League die Erfolge erzielt ohne einen echten Neuner.

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Ein geflügeltes Wort lautet: Für einen Manager ist die Wahl des Trainers die bedeutendste Personalentscheidung. Der neue Bondscoach Ronald Koeman scheint für Ruhe und Kontinuität zu stehen. Ist er ein Glücksgriff?

Mit seinem Trainerteam macht Ronald einen überragenden Job. Außerdem steht ihm eine Reihe von entwicklungsfähigen Spielern zur Verfügung. Das alles ist ein Glücksfall für den niederländischen Fußball. Ich habe ein sehr gutes Gefühl: Es stimmt alles in dieser Zusammensetzung.

Mit de Jong und de Ligt wechselten zwei Ajax-Talente zu großen europäischen Klubs. Sind Sie die Anführer einer Golden Generation, wie es so schön immer heißt?

Es ist richtig, dass sie den Schritt ins Ausland gewagt haben. Beide müssen sich nun beweisen. Frenkie de Jong muss sich bei Barca hocharbeiten, zu einem Stammspieler und zu einem Entscheidungsspieler reifen. Mathijs de Ligt muss sich in Italien bei Juve durchsetzen, sich zu einem Führungsspieler entwickeln. Ich traue es beiden zu. Auch die Nationalelf wird davon profitieren. Goldene Generation? Mal langsam, noch ist es nicht so weit, doch möglicherweise können wir bald davon sprechen, wenn der Entwicklungsprozess sich so fortsetzt.

Themawechsel: Funktioniert der Videobeweis in Holland besser als in der Bundesliga?

Wir haben die gleichen Anlaufschwierigkeiten. Ich sehe es weiterhin positiv, glaube, dass Situation besser beurteilt werden können, der Fußball ein Stück weit gerechter und fairer wird. Doch ich wünschte mir einen besseren Informationsfluss gegenüber den Fans, mehr Schnelligkeit bei den Eingriffen und bessere Transparenz. Mein Vorschlag: Ex-Profis, die ein ausgeprägteres Gespür für bestimmte Szenen haben, sollten den Video-Schiedsrichtern assistieren.

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Wie bewerten Sie den Regeländerungen?

Die Sache beim Abstoß finde ich okay, weil es das Spiel schneller macht. Dass Unparteiische nun nicht mehr Luft sind, hat teilweise komische Effekte. Und die Regulierung beim Handspiel macht alles nicht einfacher. Ich war selbst Verteidiger und kann mich nicht an den Anblick gewöhnen, dass Abwehrspieler mit den Händen auf dem Rücken in Zweikämpfe gehen.

Beim Münchner Werben um Leroy Sané von Manchester City sind astronomische Summen aufgerufen worden: über 200 Millionen im Gesamtpaket. Wie bewerten Sie diese Dimension?

Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn. Es ist kaum zu fassen. Schon als ich noch gespielt habe, wurde diese Explosion der Summen thematisiert, es geht immer weiter. Ich frage mich: Wo endet das Ganze?

Abschlussfrage zu Ihrem Ex-Klub in der Bundesliga: Trauen Sie dem HSV diesmal den Aufstieg zu?

Ich hoffe, dass sie aufsteigen. Es ist noch ein langer Weg. Eine gute Voraussetzung ist die Berufung des Trainers. Dieter Hecking mit seiner Ruhe und Erfahrung kann der wichtigste Baustein sein auf dem Weg zurück in die Erstklassigkeit. Er steht für die Souveränität, die der HSV benötigt, um sich von kleinen Rückschlägen nicht ablenken zu lassen.