23. Mai 2022 / 14:21 Uhr

Tischfußball-Crack rät Kneipen-Spielern: "Steht nicht so steif da"

Tischfußball-Crack rät Kneipen-Spielern: "Steht nicht so steif da"

Bruno Tschoner
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Spaß steht bei Nico Wohlgemuth an erster Stelle.
Spaß steht bei Nico Wohlgemuth an erster Stelle.
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Nico Wohlgemuth ist Deutscher Tischfußball-Meister im Doppel. Er sagt: „Ich will Spaß am Kickern haben und so gewinnen. Nicht andersrum.“ Seit der Kindheit zeichnen Verspielheit und Lockerheit sein Spiel aus. Dazu rät er auch Anfängern.

Für andere waren es die Ritterburg oder die Rollerskates. Nico Wohlgemuth (22) aus Brahmstädt ist zwischen Hamburg und Kiel praktisch mit beiden Händen am Kicker aufgewachsen. Seinem Vater, Onkel und Cousin musste Nico noch zusehen, bis er endlich selbst groß genug war, um über die Tischkante zu sehen. Danach zog es ihn ebenfalls an den Kickertisch, von dem er seitdem kaum mehr zu trennen ist.

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Mit 13 Spieler beim FC St. Pauli, mit 17 Juniorenweltmeister im Einzel und Classic. Ein Jahr später hört er fast auf. In den Kneipen Hamburgs entdeckt er seine Lockerheit und die Freude am Spiel wieder. Mit seinem kreativen Spielstil konnte er bei der Deutschen Meisterschaft im Doppel mit Oli Schlancke den Sieg holen. Seine Lieblingsdisziplin bleibt jedoch das Einzel: „Da kann ich machen, was ich will.“

Anfänge mit der Familie

Es ist WM 2010 in Südafrika, der damals zehnjährige Nico spielt gerne Handball. An einem Wochenende wird ein Spiel von ihm abgesagt, also überredet ihn sein Vater, ihn auf ein großes Kickerturnier im Rahmen eines Public Viewing nach Hamburg zu begleiten. Dort gibt es etwas Geld und Geschenkkörbe zu gewinnen.

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Weil er an den Stangen auch schon ganz geschickt ist, wird Nico als Ersatzspieler ins Team von Vater und Onkel aufgenommen. Angelehnt an die Fußball-WM spielen sie als australisches Team. In einem Match kommt er als Joker kurz zum Einsatz und schießt auch gleich ein Tor – der Funke springt über. „Da haben wir dann das Turnier gewonnen. Und ich hab, als ich wieder zu Hause war, stundenlang alleine gespielt - jeden Tag.“

Aus kindlichem Spieltrieb probiert Nico alleine und gegen seine Familie alle möglichen Schüsse und Varianten aus. Genau diese Verspieltheit, praktisch aus allen Lagen einen Schuss oder eine Option parat zu haben, zeichnen sein Spiel heute aus. Er hat das kindlich Kreative nicht verloren. Oder eher: Er hat es früh in seiner Kicker-DNA verinnerlicht. „Wenn ich heute spiele, dann läuft der Ball so und plötzlich fällt mir eine ganz neue Idee ein, wie ich einen Pass oder ein Schuss spielen könnte. Das funktioniert dann, weil ich halt früh die Technik gelernt hab, aber ich probier´ immer rum, das macht mir am meisten Spaß“, so Nico.

Tipp für Kneipenspieler: Locker bleiben

Und genau das ist auch sein Tipp für Leute, die in Kneipen spielen. „Manchmal versteh' ich das nicht so ganz. Die Leute gehen ja in die Kneipen und trinken, um locker zu werden. Und am Kicker stehen sie dann ganz versteift da und bewegen sich nicht.“ Er würde eher empfehlen es wie Balu der Bär anzugehen: Mit Gemütlichkeit und Lockerheit.

Als Tipp für einen Schuss gibt er einen Klassiker: den Pull- oder Push-Kick. Dabei bringt man den Ball von einer Außenpuppe zum Mittelstürmer und zieht direkt ab. „Mal schnell, mal langsam. Und dann den Ball immer an der gleichen Position auflegen und aus der dann schräg schießen, oder über die Bande. Es gibt so viele Möglichkeiten.“

Für Nico geht es besonders ums Ausprobieren: „Man darf sich ruhig trauen, die Puppen zu bewegen und auszuprobieren, was man eigentlich alles machen kann.“ Spaß darf dabei natürlich auch nicht fehlen. „Genau dafür ist doch die Kneipe perfekt, da geht es um den Spaß.“

Mit Spaß gewinnen

Nur ein Jahr nach seinem großen Erfolg bei der Junioren-Weltmeisterschaft steigen die Ambitionen und er performt nicht mehr so stark wie zuvor. „Plötzlich haben alle gelabert was ich anders machen soll. Nico mach dies, Nico mach das. Das hat mich abgefuckt.“ Wenn er spricht, zensiert er sich nicht, das ist erfrischend, wirkt aber auch schnell trotzig.

Er zieht sich etwas zurück. Erst über das „Daddeln“ am Hamburger Berg, dem El Dorado für Kneipenspieler, gewinnt er wieder an Selbstvertrauen. „Ich will Spaß am Kickern haben und so gewinnen. Nicht andersrum“. Einziger Gegner oft er selbst. „Leider sagen das viele über mich“, gesteht er und lächelt. „Meine Spiele sind eben immer knapp.“

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Die Kneipe im Blut

So auch bei der World Series in St. Wendel: Dort trifft er in Runde zwei auf Jaroslav Oreszuk aus Polen. Dieser ist eine Art Spieler, gegen den niemand spielen will, der aber fehlen würde, wäre er nicht da. Er bricht praktisch ständig die Regeln, provoziert und versucht den Gegner mit ins Chaos zu reißen. Er gilt als ein ,Enfant Terrible' des Tischfußballs, ähnlich Mark van Bommel beim Profi-Fußball. Und Wohlgemuth macht mit:

Anstatt einen Referee anzufordern oder einzulenken, nimmt er sich der Zockerei an, spielt mit dem Feuer. Jörg Harms, Weltmeister und Trainer der Nationalmannschaft steht daneben und schüttelt den Kopf. „Das ist ihm einfach egal, jetzt schaltet er um auf Kneipe“. Danach fliegen dem Polen die Bälle nur so um die Ohren. „Das war knapp, obwohl es überhaupt nicht so sein hätte müssen. Aber ich wollte ihm zeigen, dass ich ihn mit seinen Mitteln wegschießen kann.“

So etwas mag für manche die Erklärung sein, warum Wohlgemuth bei den Herren noch keinen großen Titel gewonnen hat. Für den Tischfußballsport ist es jedenfalls beste Werbung.

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