13. November 2019 / 20:54 Uhr

Niederlagenserie, System, Ausblick: Das sagt VfL-Trainer Oliver Glasner

Niederlagenserie, System, Ausblick: Das sagt VfL-Trainer Oliver Glasner

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Oliver Glasner muss beim VfL Wolfsburg seine erste schwere Phase überstehen.
Oliver Glasner muss beim VfL Wolfsburg seine erste schwere Phase überstehen. © Getty
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Die Fußball-Bundesliga macht gerade Länderspielpause – Zeit, um ein Zwischenfazit mit Wolfsburgs Coach Oliver Glasner zu ziehen. Der Österreicher spricht über die Tor-Armut, den Einbruch nach dem guten Start und das 3-4-3-System.

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Ganz lange ungeschlagen (22 Spiele), aber zuletzt vier Niederlagen in Folge – das Wort Krise wird im Zusammenhang mit dem VfL genannt, Oliver Glasner wiederum sprach nach dem 0:2 gegen Bayer Leverkusen von einer „Phase, die wir so nicht wollten und auch nicht erwartet haben“. Seit Sommer hat der ehemalige Coach des Linzer ASK nun das Sagen an der Seitenlinie des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 45-jährige Österreicher über die Niederlagen-Serie, die Tor-Armut (der VfL hat in der Liga in elf Spielen nur elfmal getroffen) und erklärt, warum er an seinem 3-4-3-Spielsystem festhalten möchte.

SPORTBUZZER: Haben Sie als Trainer schon mal vier Spiele in Folge verloren?

Oliver Glasner: Ja, das hatte ich aber fast schon wieder vergessen. Das war in Linz, am Ende der vorletzten Saison. Da hatten wir den Europa-League-Platz schon sicher, und als dann die Champions League nicht mehr zu erreichen war, war am Ende die Luft raus.

Diesmal ist es nicht das Saisonende, sondern der Herbst...

Ja, und das habe ich in meiner Trainerlaufbahn schon öfters erlebt und auch schon darüber nachgedacht, woran das liegen könnte. Das Neue ist noch nicht komplett verinnerlicht und das Alte nicht mehr da. Dann kommt die Delle – weil man viel neuen Input gegeben hat, der sich noch nicht verfestigt hat.

Das überrascht Sie also nicht?

Dass es nicht dauerhaft so weitergeht wie am Anfang war allen bewusst. Aber in der Form wie es zuletzt lief, hatten wir das auch nicht erwartet.

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Das neue VfL-Trainerteam vor der Abreise: Thomas Sageder, Michael Angerschmid, Oliver Glasner und Michael Berktold ©
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Fühlt sich die aktuelle „Delle“ gerade wegen des guten Starts noch gravierender an?

Ja, klar. Ich habe am Anfang aber auch schon betont, dass es noch nicht ganz rund ist, dass wir noch viele Dinge sehen, die nicht funktionieren. Aber denken Sie mal an unseren 1:0-Sieg in Mainz. Da hatte Mainz mehr hochkarätige Chancen gegen uns als jetzt Leverkusen. Aber in Mainz gewinnen wir aus einer Standardsituation heraus – nachdem wir wenige Chancen hatten.

Haben sich alle davon blenden lassen?

Nein, aber wir haben in ein paar Bereichen etwas nachgelassen – wie gesagt, das Neue war noch nicht gefestigt. Die Leistungen waren dann auch nicht mehr so gut. Und wenn sie gut waren – wie in Dortmund bis zum 0:1, im Rückspiel gegen Gent, wo es 20, 25 Minuten großartig war, oder 45 Minuten in Gent – lassen wir uns von einem Gegentor aus der Bahn werfen. Darüber habe ich mit den Spielern gesprochen.

Und was kam dabei heraus?

Die Spieler haben einen extrem hohen Anspruch an sich, sind quasi nur dann zufrieden, wenn wir 95 Minuten lang so spielen wie in den ersten 20 Minuten gegen Gent. Aber das ist unrealistisch. Es gibt wenige Mannschaften auf der Welt, die über ein komplettes Spiel so dominant auftreten können. Und jeder Gegner hat mal eine gute Phase im Spiel, das passiert eigentlich immer. Wir werden dann schon während des Spiels unzufrieden mit uns selbst und vergessen dann die Basics. Das erste Gegentor daheim gegen Gent ist da ein gutes Beispiel: Wir wehren den langen Ball ab, schließen dann aber auf den zweiten Ball nicht mehr konsequent genug. Das erste Gegentor in Dortmund ist auch so ein Beispiel. Auch gegen Leverkusen war es zeitweise so: Bayer musste lange Bälle spielen – was ja ein Kompliment für unser Angriffspressing ist –, aber wir müssen dann auch die Reihen so dicht haben, dass wir die zweiten Bälle gewinnen. Das sind eigentlich Banalitäten, die allerdings wichtig sind – die wir aber vergessen, wenn wir unzufrieden sind. Unzufrieden, weil das Spiel nicht ausschließlich in der gegnerischen Hälfte stattfindet oder weil wir nicht alle drei Minuten eine klare Torchance haben.

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Schladming, VfL Wolfsburg, Trainingslager, Fu§ball, …sterreich, Bundesliga, 07.2019, Saison 2019/20, Zur Galerie
Schladming, VfL Wolfsburg, Trainingslager, Fu§ball, …sterreich, Bundesliga, 07.2019, Saison 2019/20, ©

Strebt die Mannschaft also schon zu sehr nach Dominanz?

Ein Beispiel: Beim 8:1 gegen Augsburg in der vergangenen Saison habe ich daheim am Fernseher mitgefiebert. Bis zum ersten Tor von Wout Weghorst war das Spiel ausgeglichen, und auch am Ende hatte der VfL „nur“ 54 Prozent Ballbesitz und 18:12 Torschüsse. Also nicht 70 Prozent und 25:4. Das war keine Dominanz.

Haben Sie die Spieler darauf angesprochen?

Ja, klar.

Und was haben sie gesagt?

„Trainer, letzte Saison war es uns egal, wie wir die Spiele gewonnen haben – Hauptsache gewonnen.“

Und in dieser Saison ist das nicht mehr so?

Offenbar. Aber die Spieler haben eben so ein 8:1 aus der vergangenen Saison im Kopf, nicht das chancenlose 0:3 eine Woche vorher in Stuttgart. Sie entwickeln einen Anspruch an sich selbst – aus einem Bild heraus, das gar nicht so sehr der Realität entspricht.

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Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga ©

Wie gehen Sie damit um?

Ich bin da toleranter als es die Spieler sich selbst gegenüber sind – zumal bei uns die Hälfte der Spieler noch nicht europäisch gespielt hat, sich auch an den Rhythmus erst gewöhnen muss. Wir haben einen Anspruch entwickelt, dem wir im Moment nicht gerecht werden und haben dabei den Fokus verloren. Gegen Leverkusen war er dann in vielen Momenten wieder da – deswegen war das trotz der Niederlage wieder ein Schritt nach vorn.

Aber offensiv oft zu ungefährlich.

Ja. Wir machen es defensiv meistens gut – aber wir schießen eindeutig zu wenig Tore.

Und haben zu wenig Chancen?

Das würde ich differenziert sehen. Es könnten mehr sein, aber die vier klaren Chancen, die wir in Dortmund hatten, hat auch nicht jede Mannschaft. Gegen Gent hatten wir in beiden Spielen unsere Chancen, gegen Leverkusen waren es dann weniger. Dennoch sage ich: Chancen haben wir, aber wir sind noch nicht effizient genug. Und aus Standard-Situationen – aus denen mittlerweile 45 Prozent der Tore fallen – machen wir auch zu wenig Tore.

Man hat den Eindruck: Klappt es mit Balleroberung und schnellem Umkehrspiel nicht, fehlt die Alternativ-Idee, ein Plan für den eigenen Spielaufbau.

Das sehe ich anders. Beim Sieg gegen Union Berlin erzielen wir ein Tor aus dem Spielaufbau heraus, ebenso gegen Hoffenheim, in Leipzig und gegen Gent. Ich denke schon, dass wir das können. Natürlich waren die Ergebnisse zuletzt nicht gut, es ist aber nicht so, dass wir alles hinterfragen müssen, was wir machen. Uns fehlen eher überall ein paar Kleinigkeiten. Nehmen Sie William als Beispiel…

...der gegen Leverkusen ein wichtiger Offensivfaktor war, dem aber zu oft der letzte Pass oder die Flanke misslangen.

Genau. Am nächsten Tag saß er völlig zerknirscht in der Kabine und hat gesagt: „Mensch, ich muss die beiden Bälle doch auf Wout bringen.“ Gelingt ihm das, sprechen wir von glasklaren Torchancen für uns.

Sagen Sie ihm dann eher „Stimmt, mach‘ es beim nächsten Mal besser“ oder trösten Sie ihn mit „Stimmt, aber bis dahin hast du auch viel richtig gemacht“?

Beides. Und wir werden solche Situationen dann auch wieder etwas mehr trainieren, damit die Sicherheit zurückkommt.

Darum wechselten die Trainer des VfL Wolfsburg

1997/98: Aufstiegstrainer <b>Willi Reimann</b> wurde im Team respektiert, herzlich war sein Umgang mit den Spielern nie. Nach der Winterpause wurden Risse sichtbar; als die WAZ enthüllte, dass Manager Peter Pander Reimanns Defizite im Umgang mit den Spielern ausgleichen sollte, war der Trainer sauer („Dann kann ich ja hinwerfen“), der VfL nahm die Aussage als Rücktritt. Uwe Erkenbrecher wurde für ein Spiel Interimscoach, dann folgte <b>Wolfgang Wolf</b>, der mit drei 1:0-Siegen in Folge startete. Zur Galerie
1997/98: Aufstiegstrainer Willi Reimann wurde im Team respektiert, herzlich war sein Umgang mit den Spielern nie. Nach der Winterpause wurden Risse sichtbar; als die WAZ enthüllte, dass Manager Peter Pander Reimanns Defizite im Umgang mit den Spielern ausgleichen sollte, war der Trainer sauer („Dann kann ich ja hinwerfen“), der VfL nahm die Aussage als Rücktritt. Uwe Erkenbrecher wurde für ein Spiel Interimscoach, dann folgte Wolfgang Wolf, der mit drei 1:0-Siegen in Folge startete. ©

Das 3-4-3 und die Idee von der schnellen Balleroberung stellen Sie nicht infrage?

Nein. Auch, weil wir nach elf Spieltagen mit 17 Punkten ordentlich dastehen. Würden wir ein Problem mit dem System erkennen, würden wir es sofort ändern. Oft wird es dann aber daran festgemacht, weil das so schön einfach und offensichtlich ist.

Aber einer wie Roussillon funktioniert nicht so gut. Was ist bei ihm das Problem?

Er kennt dieses System, hat es in Montpellier gespielt. Aber er hat in diesem Jahr zum ersten Mal seit vier Jahren wieder eine ganze Sommer-Vorbereitung mitgemacht, dazu war es eine, die anders war als gewohnt, sehr intensiv, er war kaputt. Das hat ihm alles zugesetzt, das musste er verarbeiten. So wie wir spielen, hat er weniger Pausen im Spiel, auch wenn er hinten bleibt, muss er auf einen Gegenspieler aufpassen – auf einen, der lauert, wie es etwa bei Leverkusen Bellarabi oder Amiri tun. Nur so kommen wir nach Ballverlusten sofort ins Gegenpressing. Das ist eine permanente Aufgabe, die der Kopf bewältigen muss. Und die Spieler, damit meine ich alle Spieler, bekommen dazu ganz viel Input vom Trainerteam. Der eine kommt schneller damit zurecht, den anderen stresst das ein bisschen mehr – und dann ist man während des Spiels schnell zu viel im Denken und zu wenig im Tun. Bei Jerome habe ich genau an der Stelle gegen Leverkusen eine Verbesserung gesehen – und bin darum sicher, dass auch bei ihm die Leichtigkeit wiederkommt. Unterm Strich merke ich: Die grundsätzlichen Automatismen werden besser, in der konkreten Ausführung stockt es noch zu oft, da landet dann die Flanke hinter dem Tor.

Aber das kann man justieren? Oder fehlt Qualität?

Nein, Qualität fehlt nicht. Aber es dauert eben noch. Momentan können wir ja den Spielern fast nur über Video nahebringen, was sie verbessern sollen – weil auch nach der Länderspielpause wieder englische Wochen kommen. Aber im Winter haben wir zwei Wochen, in denen können wir dann auch auf dem Platz intensiv üben.

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