02. Mai 2020 / 11:10 Uhr

Pistorius: "Irgendwie die Saison zu Ende zu bringen, damit die Vereine nicht in die Insolvenz gehen"

Pistorius: "Irgendwie die Saison zu Ende zu bringen, damit die Vereine nicht in die Insolvenz gehen"

Tobias Manzke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Boris Pistorius: Man muss sich davon lösen, dass wir hier über Fußball reden. Wir sprechen über ein Wirtschaftsprodukt.
Boris Pistorius: "Man muss sich davon lösen, dass wir hier über Fußball reden. Wir sprechen über ein Wirtschaftsprodukt." © imago/Nordphoto/picture alliance/dpa
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Niedersachsens Sportminister Boris Pistorius im Interview über Profifußball, Geisterspiele und die Nöte der Amateurvereine.

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Boris Pistorius, Sie haben gesagt, dass Sie Geisterspiele in den Bundesligen für Ende Mai für möglich halten, wenn sich streng an medizinische Konzepte gehalten wird. Halten Sie die Wiederaufnahme des Spielbetriebs für gesellschaftlich wichtig – und wenn ja, warum?

Gesellschaftlich wichtig? So weit würde ich nicht gehen. Fußballspiele sind für viele Menschen wichtig, weil sie den Fußball vermissen, wie andere das Theater vermissen. Ich vermisse beides. Nur dass der Fußball in den ersten beiden Ligen ein Wirtschaftsprodukt ist, in dem hohe Umsätze gemacht werden. Dieses Produkt kann aber zur Zeit nicht hergestellt werden, weil nicht gespielt werden kann. Da gerät ein kompletter Wirtschaftszweig, wie viele andere auch, in Schieflage. Aber einer, der – zu Recht – keine staatliche Unterstützung bekommt. Es ist also eher die Frage, ob man einem Bereich, der nicht Autos oder Möbel herstellt, sondern Fußball im Fernsehen produziert, genau das wieder ermöglicht. Wenn die Bedingungen erfüllt sind – und das uns vorliegende Konzept scheint das zu tun – kann man dem Fußball dies ermöglichen. Es geht bei der ganzen Sache weniger um Fußball als um einen Wirtschaftszweig.

Wie sollen Eltern ihren Kindern erklären, dass die Profis Fußball spielen dürfen, ihre Kinder aber nicht?

Das kann man nur schwer erklären, vor allem Kindern. Ich kann sehr gut verstehen, dass Kinder natürlich auch Fußball spielen und ihre Mannschaftskameraden sehen wollen. Das Gleiche gilt für den Erwachsenenbereich in den Amateurligen, wo es zunächst ebenfalls keinen Fußball im Wettbewerb geben kann. Aber in den ersten beiden Ligen ist durch die TV-Einnahmen Geld da, um all das zu bezahlen, was zu den notwendigen Konzepten dazugehört. Nur so geht es überhaupt.

Dennoch hört man auch viele Stimmen, die sagen, der Profifußball genießt hier eine absolute Sonderrolle. Können Sie diese Menschen verstehen?

Dafür habe ich vollstes Verständnis. Doch diese vermeintliche Sonderrolle kann man erklären, wie ich es gerade getan habe. Nochmal: Man muss sich davon lösen, dass wir hier über Fußball reden. Wir sprechen über ein Wirtschaftsprodukt, das gerade nicht hergestellt und nicht verkauft werden kann. Ein ähnliches Phänomen haben wir gerade in der Tourismusbranche bei Reiseunternehmen. Diese können kein Produkt anbieten, weil es keins gibt. Aber dort gibt es staatliche Hilfen. Im Fußball gibt es die zu Recht nicht. Aber wenn man jetzt ermöglichen kann, unter klaren Bedingungen den Wirtschaftsbetrieb wieder aufzunehmen, dann finde ich das in Ordnung. Damit wird verhindert, dass dieser ganze Wirtschaftszweig in die Knie geht.

96-Zeitreise: Das Niedersachsenstadion im Wandel der Zeit

Das 96-Stadion am Maschsee wurde 1954 eröffnet – und seither mehrfach umgebaut. Zur Galerie
Das 96-Stadion am Maschsee wurde 1954 eröffnet – und seither mehrfach umgebaut. ©

Was ist Ihre persönliche Meinung zu Geisterspielen?

Als Fußballfan finde ich sie nicht so attraktiv, weil die Stimmung fehlt. Aber niemandem gefallen diese Geisterspiele. Weder den Spielern, den Trainern noch der Deutschen Fußball-Liga. Es geht nur darum, irgendwie diese Saison zu Ende zu bringen, damit die Vereine ihre Wirtschaftspläne erfüllen können und nicht in die Insolvenz gehen. Natürlich werden sich viele Spieler mit Top-Gehältern hinterher fragen lassen müssen, ob es nicht Angleichungen geben kann und ob man nicht auf ein anderes Gehaltsniveau zurückkehren kann, um vielleicht auch die eigenen Vereine zu stützen.

Haben Sie Hoffnung, dass das nachhaltig passieren kann?

Eine gewisse Hoffnung habe ich, aber darauf setzen würde ich nicht.

Sie haben sich für eine Wiederaufnahme der Freiluftsportarten in Niedersachsen ausgesprochen. Die Sportministerkonferenz hat das jetzt auch beschlossen. Welche Sportarten meinen Sie da konkret?

Ab nächster Woche wird es in Niedersachsen wieder möglich sein, auf Sportanlagen im Freien Sport zu machen. Genauer gesagt am Tag der Veröffentlichung der Änderungen an der Corona-Verordnung, was wohl am 6. Mai passiert. Wir orientieren uns am Beschluss der Sportministerkonferenz, der in enger Abstimmung mit dem DOSB erarbeitet wurde. Wir haben uns In der SMK darauf verständigt, nicht nach Sportarten zu unterscheiden. Die Sportausübung muss kontaktlos und mit circa zwei Metern Abstand stattfinden. Die Sportfachverbände haben für die verschiedenen Sportarten bereits Konzepte entwickelt, wie man seinem Sport unter diesen Umständen nachkommen kann. Man kann natürlich auch Fußballtraining durchführen, nur nicht unter Wettkampfsimulation im Mannschaftsspiel. Technik oder Athletik sind durchführbar. Gastronomie, Duschen und Umkleiden müssen dabei geschlossen bleiben. Wichtig ist, dass die Kinder und Jugendlichen wieder rauskommen und sich bewegen können. Das gilt grundsätzlich für alle Sportarten im Freien, aber natürlich sind Sportarten wie Reiten, Golf oder Tennis leichter zu gewährleisten. Und ich bin auch sicher, dass wir bei Hallensportarten oder Fitnessstudios bald den nächsten Schritt machen können.

Gerade Fitnessstudios leiden unter der Krise.

Ich weiß nicht, wann das passieren wird, aber ich rechne bald damit. Solange die Abstände eingehalten werden, genügend Desinfektionsmittel vorhanden sind, die Regeln von den Sporttreibenden eingehalten und überwacht werden, kann man dann aus meiner Sicht auch Fitnessstudios wieder zulassen.

96-Chef Martin Kind begrüßt Innenminister Boris Pistorius im Nachwuchsleistungszentrum. 

96-Chef Martin Kind zeigt Innenminister Boris Pistorius das NLZ. Zur Galerie
96-Chef Martin Kind zeigt Innenminister Boris Pistorius das NLZ. © René Wenzel

Der niedersächsische Finanzminister Hilbers sprach von einem Sondervermögen in der Krise von insgesamt fünf Milliarden Euro. Wie viel Geld davon fließt in den Sport?

Ich bin seit Beginn der Krise im Gespräch mit dem Landessportbund, mit dem wir toll zusammengearbeitet haben, dafür möchte ich mich wirklich bedanken. Der LSB hat in einer Umfrage unter den Vereinen den Bedarf ermittelt. Darüber haben wir uns letzte Woche intensiv ausgetauscht. Ich habe sehr früh gegenüber dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und dem Finanzminister Bedarf an finanzieller Unterstützung angezeigt, weil etliche Vereine in eine Schieflage geraten sind und erklärt, dass wir sie nicht alleine lassen dürfen. Es geht darum, diesen Vereinen zu helfen. Der Sport ist in dem Paket, von dem Minister Hilbers sprach, mit eingeschlossen. Über die Summe kann ich noch nichts Genaues sagen. Ich habe eine im Kopf, wenn die es wird, ist es toll. Wir sind bereits dabei, eine Richtlinie zu erarbeiten, nach der wir die Mittel dann verteilen.

Das heißt, es wird keine Aufstockung der jährlichen 35,2 Millionen Euro geben, die dem Sport in Niedersachsen garantiert zur Verfügung stehen?

Nein, das sind zwei verschiedene Dinge. Die 35,2 Millionen Euro stehen fest im Haushaltsplan und werden nicht angetastet. Es geht in dem anderen Fall der Corona-Soforthilfe um einen einmaligen Betrag.

Mehr Sport aus der Region Hannover

Wieso ist es nicht gelungen, sich mit allen Ländern auf einen zentralen Lockerungsplan zu verständigen? In Mecklenburg-Vorpommern darf zum Beispiel schon wieder Golf gespielt werden, in Niedersachsen erst nächste Woche.

Das hat viele Gründe. Ich bin kein Anhänger davon, die Einheitlichkeit als Selbstzweck zu betrachten. Sicher spielt es eine Rolle, dass wir in Mecklenburg-Vorpommern eine niedrigere Quote an Infizierten mit dem Corona-Virus haben als in vielen anderen Ländern. Ich freue mich auf jeden Fall, dass wir in Niedersachsen diesen Schritt jetzt gehen können, weil es auch heißt, dass wir aktuell eine bessere Situation haben als vor einigen Wochen. Dass dies so bleibt, hängt auch davon ab, ob sich die Sportlerinnen und Sportler an die Regeln halten. Bislang bin ich allen sehr dankbar für die Geduld und auch das Verständnis für die einschneidenden Regelungen, die verhängt wurden.

Ihre Einschätzung: Sehen wir schon Licht am Ende des Tunnels der Pandemie – oder kann es wieder schnell kippen?

Jede Lockerung, die kommt, kann nur solange bestehen bleiben, wie sich die Menschen an die Regeln halten. Wenn es wieder zu einer Verschärfung des Infektionsgeschehens kommt, wird man nicht darum kommen, die Lockerungen wieder zurückzunehmen. Es liegt an uns selber, welche Lockerungen weiter erfolgen können. Das muss allen klar sein: Ich trage mit meinem Verhalten dazu bei, wie sich das Infektionsgeschehen weiterentwickelt – ob es unter Kontrolle bleibt oder nicht.