21. Mai 2019 / 16:33 Uhr

Nachruf zum Tod von Niki Lauda: Stets mehr als nur ein Formel-1-Weltmeister

Nachruf zum Tod von Niki Lauda: Stets mehr als nur ein Formel-1-Weltmeister

Karin Sturm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Mit Niki Lauda starb im Alter von 70 Jahren eine der prägendsten Figuren der Formel-1-Geschichte.
Mit Niki Lauda starb im Alter von 70 Jahren eine der prägendsten Figuren der Formel-1-Geschichte. © imago sportfotodienst
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Niki Lauda war eine der prägendsten Figuren in der Geschichte der Formel 1. Sportfans bringen den Österreicher vor allem mit dem schrecklichen Unglück 1976 auf dem Nürburgring in Verbindung. Lauda überzeugte aber auch als dreifacher Weltmeister. Nun starb er im Alter von 70 Jahren.

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Seine Meinung war stets gefragt, die Medien rissen sich um ihn, über Jahrzehnte: Die Mischung aus Heldenstatus, Charisma, Wiener Schmäh und flotten Sprüchen, die immer schlagzeilentauglich waren, machten Niki Lauda zum weltweiten Superstar – auch über die enge Fachwelt der Formel 1 hinaus. Jetzt fehlt diese Stimme für immer: „In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser geliebter Niki am Montag, den 20.5.2019, im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen ist. Seine einzigartigen Erfolge als Sportler und Unternehmer sind und bleiben unvergesslich. Sein unermüdlicher Tatendrang, seine Geradlinigkeit und sein Mut bleiben Vorbild und Maßstab für uns alle. Abseits der Öffentlichkeit war er ein liebevoller und fürsorgender Ehemann, Vater und Großvater. Er wird uns sehr fehlen“ – mit dieser E-Mail gab seine Familie die Todesnachricht bekannt.

Feuerunfall: Comeback nach nur sechs Wochen

In der Formel 1 zeigte Lauda seine charismatische Persönlichkeit zuerst: Er erkämpfte sich seine Rennfahrerkarriere gegen denn Widerstand seiner gut situierten Industriellenfamilie auf Kreditbasis und mit gefälschtem Abiturzeugnis, um den strengen Großvater zu beruhigen. Wurde dann in seiner Ferrari-Zeit zum Helden, auch durch die zwei WM-Titel 1975 und 1977, aber natürlich vor allem durch das Jahr 1976, den Nürburgring-Feuerunfall und das sensationelle Comeback nach nur sechs Wochen.

Zum Tod von Niki Lauda: Die Bilder seines Lebens

Die Bilder der beeindruckenden Karriere von Formel-1-Legende Niki Lauda. Zur Galerie
Die Bilder der beeindruckenden Karriere von Formel-1-Legende Niki Lauda. ©

„Ich wäre heute nicht der, der ich bin, stünde nicht da, wo ich stehe, wenn er nicht passiert wäre“, sagte er angesichts des 40. Jahrestages des Dramas. „Und wenn er nicht von einem achtjährigen Buben gefilmt worden wäre, der zufällig dort stand. Dessen Kamera war der Schlüssel, denn seine Aufnahme wird immer in Kombination mit Hospital und Überleben gezeigt. Der gleiche Unfall ohne den Film wäre nur die Hälfte wert, behaupte ich.“

Eine typische Lauda-Analyse, knallhart, fast zynisch klingend, rational bis zum Letzten, Gefühle zumindest nach außen hin komplett ausblendend, auch zum Selbstschutz: „Mein ganzes Leben lang sind immer positive und negative Dinge hintereinander eingetreten, zur Ruhe habe ich nie gefunden“, das ist das Maximum an Zugeständnis im Rückblick. Aber diese Härte und Disziplin sind es auch, die ihn damals überleben lassen.

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„95 Prozent der Patienten mit derartigen Verletzungen, einem sogenannten Inhalationstrauma, die wir normal künstlich beatmet haben, sind damals gestorben“, betont einer der Lebensretter von damals, Dr. Eike Martin, als sich die beiden 2016 auf dem Hockenheimring treffen. „Wir mussten etwas anderes probieren – und wir konnten das, weil Lauda wach und ansprechbar war. Und unglaublich diszipliniert und zur aktiven Mitarbeit bereit. Obwohl diese Therapie, bei der dann immer wieder bei vollem Bewusstsein die Lungen abgesaugt werden müssen, unglaublich schmerzhaft ist. Aber er war dazu bereit – hatte eben auch diesen unglaublichen Kampfgeist und Überlebenswillen.“

Lauda: „Entweder du löst das Problem und fährst oder du hörst auf“

Zeit für psychologische Nachwirkungen? Null: „Als Rennfahrer ist so ein schwerer Unfall etwas, mit dem man sofort fertig werden muss. Wenn ich nicht 42 Tage danach damit abgeschlossen gehabt hätte, dann hätte ich nicht wieder ins Auto steigen und fahren können“, so Lauda. „Andere, ‚normale‘ Leute schleppen so etwas das ganze Leben lang mit sich herum. Als Rennfahrer geht das nicht. Entweder du löst das Problem und fährst wieder oder du hörst auf.“

Er löste es für sich, sechs Wochen danach, in Monza, schwer gezeichnet noch von den Verbrennungen im Gesicht – auf seine Art. „Ich kam am Donnerstag an. Riesentheater. Überall Fotografen. Tausende Tifosi. Ich musste von einem Medizincheck zum anderen. Um 6 Uhr abends das Okay: Du kannst fahren“, erinnert sich Lauda 40 Jahre später. Doch einfach ins Auto setzen, als wäre nichts gewesen – das war nicht möglich. „Ich bin also Freitag das erste Mal wieder raus auf die Strecke, schalte in den zweiten Gang. In dem Moment habe ich beinahe in die Hose geschissen. Angst. Ich konnte nicht weiterfahren. Dann bin ich erst mal ins Hotel gefahren und habe mich gefragt, was ist da los. In Fiorano vorher“ – auf der Ferrari-Teststrecke – „konnte ich fahren. Hier nicht. Es war alles zu viel Druck – auch das ganze Drumherum am Donnerstag.“

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„Nichts darauf geben, was die Leute sagen“

Nach der Panikattacke gewinnt der kühle Analytiker wieder die Oberhand: „Im Hotel habe ich mir dann gesagt: So, stopp jetzt mit dem ganzen Druck. Am Samstag werde ich ganz normal fahren, als ob da gar kein Rennen wäre. Kein Risiko eingehen, mich herantasten, nichts darauf geben, was die anderen Leute sagen. Vertrauen für mich selbst schaffen, dass ich das Auto kontrollieren kann. Und auf einmal ging es – und ich war Viertschnellster…“

Das epische Duell mit James Hunt, später als erfolgreiches Kinodrama verfilmt, ging so bis ins letzte Rennen in Fuji, die Regenschlacht, in der Lauda nach zwei Runden ausstieg, „weil mir mein Leben wichtiger ist als eine Weltmeisterschaft“, und den Titel schließlich um einen Punkt verlor.

Wichtigere Dinge, als mit dem Auto im Kreis zu fahren

Ein Jahr später der Weggang von Ferrari, mit deutlichen Worten der überraschende Rücktritt im September 1979, aus heiterem Himmel, während des Kanada-GP-Wochenendes, „weil es für mich jetzt wichtigere Dinge gibt als mit dem Auto im Kreis herumzufahren“.

Das „Wichtige“ war jetzt das Luftfahrt-Business, in das der begeisterte Pilot verstärkt einsteigen wollte. Doch nachdem er dort auf mehr Schwierigkeiten stieß als erwartet und erst einmal wohl auch einiges an Geld verlor, gab es 1982 ein Comeback in der Formel 1 und sogar noch einmal einen WM-Titel: 1984 im Teamduell bei McLaren-Porsche gegen den aufstrebenden Alain Prost, mit am Ende gerade mal 0,5 Punkten Vorsprung.

Alle Formel-1-Weltmeister seit 1950

Der erste Formel-1-Weltmeister wird 1950 <b>Giuseppe Farina</b>. Der Alfa-Romeo-Fahrer triumphierte knapp vor seinem Teamkonkurrenten Juan Manuel Fangio. Auf dem Foto ist der Italiener beim ersten jemals gefahrenen Grand-Prix am 13. Mai 1950 in Silverstone, Großbritannien, zu sehen. In der Saison wurden gerade einmal sieben Rennen gefahren, die in die Wertung zählen konnten. Tatsächlich gezählt wurden, dank der sogenannten Streichresultate (existent bis 1990), aber nur die besten vier Ergebnisse der Fahrer. Zur Galerie
Der erste Formel-1-Weltmeister wird 1950 Giuseppe Farina. Der Alfa-Romeo-Fahrer triumphierte knapp vor seinem Teamkonkurrenten Juan Manuel Fangio. Auf dem Foto ist der Italiener beim ersten jemals gefahrenen Grand-Prix am 13. Mai 1950 in Silverstone, Großbritannien, zu sehen. In der Saison wurden gerade einmal sieben Rennen gefahren, die in die Wertung zählen konnten. Tatsächlich gezählt wurden, dank der sogenannten Streichresultate (existent bis 1990), aber nur die besten vier Ergebnisse der Fahrer. ©

Lauda war es gewohnt, seine eigenen Vorstellungen kompromisslos durchzusetzen

Nach dem endgültigen Rücktritt 1985 stürzte er sich noch einmal komplett ins Airline-Geschäft, macht seine Lauda Air zeitweise zu einer der bei den Kunden beliebtesten Airlines, mit perfektem Service und dem Blick aufs Detail, aber nicht immer zur Freude derer, die Wert auf Arbeitnehmerrechte legen: Gewerkschaften, Betriebsräte, Mitbestimmung – das alles war eher Teufelszeug aus Laudas Sicht, der es gewohnt war, zu bestimmen, seine eigenen Vorstellungen kompromisslos durchzusetzen. Wem das nicht passe, so seine Einstellung, der brauche ja nicht für ihn zu arbeiten.

Die Lauda Air brachte ihm aber auch den dunkelsten Moment seines Lebens. Der Absturz einer seiner Boeings 767 im thailändischen Dschungel im Mai 1991 mit 223 Toten war ein Schock, der ihn tief traf, ihn stärker prägte als sein eigener Unfall, wie er oft betonte. Aus der direkten Konfrontation mit dem Schrecken zog er aber auch die Kraft, nicht lockerzulassen bei der Frage nach der Verantwortung. Seiner Hartnäckigkeit, seinem ständigen Nachhaken war es zu verdanken, dass die Absturzursache aufgeklärt wurde: eine Schwachstelle in der Schubumkehr – die Triebwerke aller derartigen Maschinen mussten daraufhin umgerüstet werden.

Ferarri-Berater, RTL-Experte, Aufsichtsratschef: Lauda war ein unverzichtbares Mitglied der Formel-1-Szene

Auch wenn die Lauda Air später komplett von der AUA übernommen wurde – immer wieder kam Lauda mit Neugründungen und Beteiligungen ins Business zurück, zuletzt in den Deals rund um die Air-Berlin-Nachfolge. Doch ohne die Formel-1-Welt und das damit verbundene Rampenlicht konnte er nicht wirklich. In verschiedenen Rollen tauchte er immer wieder in den Fahrerlagern weltweit auf: als Ferrari-Berater, als langjähriger RTL-Experte, ab 2013 dann zusammen mit seinem österreichischen Landsmann Toto Wolff als Anteilseigner und Aufsichtsratschef des Mercedes-Formel-1-Teams. Und als unverzichtbares Mitglied der Formel-1-Szene allgemein.

Wer sich darüber ärgerte, dass heute viel zu ernst sei, der musste nur mal Sonntag früh bei einem Grand Prix in der Energy Station von Red Bull vorbeikommen und im ersten Stock die Herrschaften Lauda, Dr. Helmut Marko und oft auch Christian Horner beim Frühstück belauschen. Das war zwar manchmal tiefschürfend, oft aber auch kabarettreif.

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Dass es keine Rückkehr geben würde, schien unvorstellbar

Beim Hockenheim-GP 2018 fehlte er zum ersten Mal krankheitsbedingt – es folgte eine dramatische Lungentransplantation. Dass es keine Rückkehr mehr geben würde, trotz allem Optimismus, den er selbst zwischenzeitlich selbst verbreitete, vor allem in einer Videobotschaft anlässlich des Saisonfinales 2018 in Abu Dhabi, schien bei dem großen Kämpfer Niki Lauda eigentlich unvorstellbar.

Obwohl sich in den letzten Wochen schon einige Anzeichen erkennen ließen, dass dieser letzte Kampf für ihn wohl immer schwieriger zu gewinnen sein würde, dass er nach dem letzten Krankenhausaufenthalt im Januar, nach einer schweren Grippe, einfach nicht mehr wirklich zu Kräften kam. Es gab immer wieder gesundheitliche Rückschläge, zum Beispiel einen Herzinfarkt eine Woche vor dem 70. Geburtstag. Es mussten Stents eingepflanzt werden. Lauda wurde dann zur Reha in die Schweiz gebracht, er blieb schwach und konnte nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten. Wahrhaben wollte das in der Formel-1-Welt kaum jemand so richtig – insofern war die Todesnachricht dann trotzdem ein Schock.