23. Mai 2019 / 16:02 Uhr

Rennsport-Legende Hans-Joachim Stuck nach Tod von Niki Lauda: "War eine absolute Persönlichkeit"

Rennsport-Legende Hans-Joachim Stuck nach Tod von Niki Lauda: "War eine absolute Persönlichkeit"

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Legenden unter sich: Der verstorbene Niki Lauda (l.) und Hans-Joachim Strietzel Stuck im Zwiegespräch nach einem Rennen im Jahr 1979.
Legenden unter sich: Der verstorbene Niki Lauda (l.) und Hans-Joachim "Strietzel" Stuck im Zwiegespräch nach einem Rennen im Jahr 1979. © imago images / WEREK
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Ein Weggefährte und guter Freund von Niki Lauda blickt zurück: Nach dessen Tod erinnert Ex-Rennprofi Hans-Joachim Stuck im SPORTBUZZER-Interview an die Zeit mit der Formel-1-Legende. Selbst die Zukunft der Motorsport-Königsklasse dürfte mit Lauda in Verbindung gebracht werden, meint Stuck.

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Hans-Joachim Stuck ist nahezu ein Meister aller Klassen. Die deutsche Motorsport-Legende startete zwischen 1974 und 1979 in der Formel 1, gewann 1986 und 1987 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans sowie 1990 bei der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. Während seiner Zeit in der Motorsport-Königsklasse entwickelte der heute 68-Jährige eine enge Freundschaft zu Niki Lauda, der am Montag in Zürich verstorben ist.

Im SPORTBUZZER-Interview erzählt „Strietzel“ Stuck über seine gemeinsame Zeit mit dem Österreicher, den Nürburgring-Crash – und er blickt in die Zukunft der Formel 1, die Lauda aus seiner Sicht bis zuletzt mitbestimmen konnte.

Herr Stuck, der Tod von Niki Lauda hat die gesamte Sportwelt erschüttert. Wie gehen Sie einige Tage nach der traurigen Nachricht damit um?

Wir waren unheimlich lange Weggefährten, sei es früher im Tourenwagen-Bereich mit BMW oder später in der Formel 1. Auch in den vergangenen Jahren bei den Rennen haben wir uns noch immer getroffen und unterhalten. Es ist schon ein seltsames Gefühl, dass ein solcher Weggefährte nun plötzlich weg ist. Ich werde Niki immer in positiver Erinnerung behalten.

Zum Tod von Niki Lauda: Die Bilder seines Lebens

Die Bilder der beeindruckenden Karriere von Formel-1-Legende Niki Lauda. Zur Galerie
Die Bilder der beeindruckenden Karriere von Formel-1-Legende Niki Lauda. ©
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"Alles, was er angepackt hat, war perfekt"

Welche drei Eigenschaften beschreiben Lauda aus Ihrer Sicht am treffendsten?

Was ihn auszeichnete, war seine Zielstrebigkeit. Alles, was er angepackt hat, hat er perfekt umgesetzt. Er war auch der erste, der seine Rennkarriere fast ausschließlich mit Sponsoren finanziert hat. Weiterhin war er eine absolute Persönlichkeit, die jeder im Rennsport geschätzt hat – auch seine direkten Konkurrenten. Trotz allem Egoismus, den man im Profisport mitbringen muss, war Niki stets fair. Und zuletzt hatte er ein extremes Sicherheitsbewusstsein. Dieses Thema lag ihm sehr am Herzen. Er hat für uns alle damaligen Fahrer tolle und wichtige Sachen in diesem Bereich eingefordert, das war hervorragend.

Das galt nicht erst seit seinem verheerenden Unfall auf dem Nürburgring 1976, das wie kein anderes Ereignis für Österreichs „Niki Nationale“ steht.

Richtig, die Sicherheit war für ihn auch schon vorher sehr wichtig. Die Fahrergesellschaft der FIA (Internationaler Dachverband des Automobilsports, Anm. d. Red) wurde von den Piloten darauf aufmerksam gemacht, dass der Nürburgring in seiner damaligen Form für die Formel 1 nicht mehr geeignet ist. Vor besagtem Grand Prix gab es daher eine Abstimmung, ob die Fahrer das Rennen auf der sehr gefährlichen Strecke überhaupt bestreiten wollen. Niki war dagegen, aber die Mehrheit dafür. Wir anderen kannten das Risiko auch, aber wir wussten: wenn wir nicht fahren, ist unser Platz im Team weg. Das Schicksal ist rückblickend natürlich unfassbar und traurig. Das zeigt sich auch in einer zweiten Sache, die Niki an diesem Tag fast zum Verhängnis wurde. Er war gegen die Holzpfosten, an denen die zur Streckenabsicherung aufgestellten Maschendrahtzäune festgemacht waren. Die hatten einen Durchmesser von zehn Zentimeter, was natürlich gefährlich war. Und genau ein solcher Pfosten war Schuld daran, dass sein Helm beim Unfall vom Kopf geschleudert wurde.

Diese Formel-1-Fahrer haben die meisten Weltmeister-Titel gesammelt:

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6. Ayrton Senna: 3 WM-Titel (1988, 1990, 1991) ©

Der Nürburgring-Crash war auch für Sie prägend. Von Ihnen kam die Empfehlung an den Rettungswagen, eine Abkürzung zu nehmen, wodurch Lauda deutlich schneller im Krankenhaus angekommen ist.

Das stimmt. Niki wurde in den Krankenwagen eingeladen und der Fahrer wollte die Strecke über die Start- und Ziellinie nehmen. Das wären aber gut zehn Kilometer gewesen, das hätte sicher eine Stunde gedauert. Dann habe ich ihm gesagt, dass er vorsichtig am rechten Rand einige hundert Meter zurückfahren soll, weil der Weg zum Krankenhaus so viel kürzer ist. Der Fahrer drehte um, Niki konnte direkt behandelt werden. Dafür war er mir dankbar und das hat er immer geschätzt.

Alle Formel-1-Weltmeister seit 1950

Der erste Formel-1-Weltmeister wird 1950 <b>Giuseppe Farina</b>. Der Alfa-Romeo-Fahrer triumphierte knapp vor seinem Teamkonkurrenten Juan Manuel Fangio. Auf dem Foto ist der Italiener beim ersten jemals gefahrenen Grand-Prix am 13. Mai 1950 in Silverstone, Großbritannien, zu sehen. In der Saison wurden gerade einmal sieben Rennen gefahren, die in die Wertung zählen konnten. Tatsächlich gezählt wurden, dank der sogenannten Streichresultate (existent bis 1990), aber nur die besten vier Ergebnisse der Fahrer. Zur Galerie
Der erste Formel-1-Weltmeister wird 1950 Giuseppe Farina. Der Alfa-Romeo-Fahrer triumphierte knapp vor seinem Teamkonkurrenten Juan Manuel Fangio. Auf dem Foto ist der Italiener beim ersten jemals gefahrenen Grand-Prix am 13. Mai 1950 in Silverstone, Großbritannien, zu sehen. In der Saison wurden gerade einmal sieben Rennen gefahren, die in die Wertung zählen konnten. Tatsächlich gezählt wurden, dank der sogenannten Streichresultate (existent bis 1990), aber nur die besten vier Ergebnisse der Fahrer. ©

"Die Zeit von Niki und mir ist Geschichte"

Wie haben Sie persönlich die Zeit nach diesem Schock erlebt – ging es Ihnen im folgenden Rennen nicht durch den Kopf, was mit Ihrem Kollegen passiert war?

In diesen Zeiten haben wir in der Formel 1 im Schnitt einen Fahrer pro Jahr zu Grabe getragen. Es war schon hart, aber es war leider damals so. Es hatte mich natürlich sehr mitgenommen. Aber bei mir war es so, dass ich alles vergessen hatte, sobald ich im Auto saß. Es gab bei mir einen Schalter und dann war das weg. Doch nur so ging es. Sonst hätte ich keine Minute dort ausgehalten, es wäre nicht möglich gewesen, loszufahren.

Die Zahl der tödlichen Unfälle in der Motorsport-Königsklasse ist in den vergangenen Jahrzehnten glücklicherweise massiv zurückgegangen. Die Sicherheit ist deutlich verbessert worden. Doch auch in allen anderen Bereichen hat sich die Formel 1 gewandelt. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Die Zeit von Niki und mir ist längst Geschichte, das muss man ganz klar so sagen. Der heutige Motorsport hat damit nichts mehr zu tun, außer, dass die Autos noch immer vier Räder haben und Benzin verbrauchen (lacht). Niki hat in jüngster Vergangenheit als Mercedes-Berater immer noch versucht, die Weichen für die Zukunft der Formel 1 zu stellen, die jetzt in den Händen von Liberty liegt mit Chase Carey und Sean Bratches an der Spitze. Und die haben nur noch eine Chance. Die neuen Regeln, die bald kommen werden, müssen wirklich für eine Veränderung sorgen. Die Formel 1 hat zum jetzigen Zeitpunkt an Attraktivität verloren. Sie ist zu technisch geworden und für den allgemeinen Zuschauer kaum mehr verständlich. Und vor allem ist nicht mehr der Mensch entscheidend über Sieg oder Niederlage – das darf nicht sein. Wenn von 20 Autos, die bei der WM um die Welt reisen, immer nur vier oder fünf gewinnen können, dann ist das kein Wettkampf mehr. Es müsste 30 Autos geben, von denen die Hälfte gewinnen kann.

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Formel 1 ist "eigene Liga"

Ist die Formel E eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Formel 1?

Ich finde die Formel E wirklich toll, sie ist eine interessante Alternative. Die beiden Rennserien sind aber nicht vergleichbar, so wie Bergschuhe und Sandalen nicht vergleichbar sind. Jede Serie steht für sich. Die Formel E findet in Metropolen statt, das heißt der Motorsport kommt direkt zu den Zuschauern. Es ist ein Eintages-Ereignis für alle, die nicht drei Tage auf einem Plastikstuhl an der Strecke sitzen wollen. Es ist auch spannend für die Hersteller, die im für die Zukunft wichtigen Bereich E-Mobilität viel ausprobieren können. Und der Motorsport bleibt damit das beste und schnellste Prüffeld der Autoindustrie. Aber Formel 1 und Formel E bleiben immer eine jeweils eigene Liga.

Internationale Pressestimmen zum Tod von Formel-1-Legende Niki Lauda

Mit dem verstorbenen Weltmeister hat der Formel-1-Zirkus einen ganz großen Sportler und eine herausragende Persönlichkeit verloren: Die Pressestimmen zum Tod von Niki Lauda im Überblick. Zur Galerie
Mit dem verstorbenen Weltmeister hat der Formel-1-Zirkus einen ganz großen Sportler und eine herausragende Persönlichkeit verloren: Die Pressestimmen zum Tod von Niki Lauda im Überblick. © Screenshot

Sie haben als aktiver Fahrer selbst mehrere Rennserien erlebt, neben der Formel 1 auch die Langstrecke sowie die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft. Wo fühlten Sie sich am besten aufgehoben?

Die Formel 1 war ein Abschnitt, den ich nicht so beendet habe wie ich wollte – der WM-Titel blieb mir leider verwehrt. Aber ich habe mit dem Thema abgeschlossen. Dafür habe ich 1986 und 1987 die 24 Stunden von Le Mans mit Porsche gewonnen und bin 1990 Tourenwagen-Meister im Audi geworden. Am wohlsten fühlte ich mich auf jeden Fall in den Autos mit einem Dach über dem Kopf – auch wenn es vielleicht komisch klingen mag (lacht).

Wenn Sie sich noch einmal zurücklehnen und auf die Formel 1 schauen: Welche fünf Fahrer sind aus Ihrer Sicht die größten Legenden der Motorsport-Königsklasse?

Ohne jetzt ein Ranking aufstellen zu wollen, würde ich neben Niki Lauda und Ayrton Senna noch Jackson Stewart, Michael Schumacher und Lewis Hamilton nennen. Das sind die fünf Namen, die - unabhängig von den Renn-Epochen - aus meiner Sicht für die Formel 1 stehen.

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