14. Mai 2021 / 19:48 Uhr

NLZ-Scouting-Chef Lars Mrosko reagiert auf Diskriminierungsvorwürfe bei Union: "Vielleicht hätte ich diesen Kampf annehmen sollen"

NLZ-Scouting-Chef Lars Mrosko reagiert auf Diskriminierungsvorwürfe bei Union: "Vielleicht hätte ich diesen Kampf annehmen sollen"

Stephan Henke, Laurenz Schreiner und David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Lars Mrosko wird den 1.FC Union Berlin im Sommer verlassen. Sein Vertrag hätte noch bis 2022 gegolten.  
Lars Mrosko wird den 1.FC Union Berlin im Sommer verlassen. Sein Vertrag hätte noch bis 2022 gegolten.   © Imago/Collage: Sportbuzzer
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Lars Mrosko, Leiter von Unions Nachwuchs-Scouting, spricht im Interview mit SPORTBUZZER und Buzzfeed News über die Diskriminierungs-Vorwürfe, fehlende Kommunikation im Verein und seinen Abschied aus Köpenick.

Herr Mrosko, warum stellen Sie sich diesem Gespräch?

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Lars Mrosko: Ich spreche jetzt darüber, weil ich das Thema wichtig finde und es nicht totschweigen will. Wenn man keine Stellung bezieht, könnte es den Anschein erwecken als habe man etwas zu verheimlichen.

Sprechen Sie auch im Namen von André Hofschneider oder des Vereins?

Überhaupt nicht. Seit meiner Bitte um Vertragsauflösung im Februar habe ich vom Verein nichts mehr gehört, genauso wie unser Scout Christof Hettmanski. Wir sind aus allen Gesprächen raus, was die Kaderplanung angeht. Wir sind quasi beurlaubt, nur dass uns keiner beurlaubt hat.

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Hat Sie der Bericht über die Diskriminierungsvorwürfe, der in Kooperation zwischen der Märkischen Allgemeinen Zeitung und Buzzfeed News entstand, überrascht?

Nein, weil ich in den letzten Wochen und Monaten schon mitbekommen habe, dass Stimmen laut wurden; dass sich Leute beschwert haben. Es war klar, dass das irgendwann auf den Tisch kommt.


In einem anonym an den Berliner Fußball-Verband adressierten Brief wurde die Frage gestellt, ob es bei Union eine „Ausländerquote“ gebe, weil so viele Spieler mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund den Verein verlassen mussten. Gibt es solche oder ähnliche Quoten bei Union?

Wenn es eine solche Quote gegeben hätte, hätte ich sofort fristlos gekündigt. Wenn man solche Dinge in den Raum wirft, ist das sehr brisant. Da sollte man sich öffentlich stellen.

"Da haben wir gesagt, wir müssen einen Cut machen"

Aus den Jahrgängen 2003 und 2004 mussten jedenfalls sehr viele Spieler mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund gehen. Statt bei zuvor 40 Prozent liegt der Anteil inzwischen nur noch bei zehn. Wie erklären Sie sich das?

Südländische Spieler sind in jungen Jahren körperlich oftmals weiter und bleiben dann in der Entwicklung stehen. Das war bei einigen Spielern so. Im Jahrgang 2003 hat uns am Ende die sportliche Qualität gefehlt, da haben wir gesagt, wir müssen einen Cut machen. Zudem gab es Spieler, die für viel Unruhe gesorgt haben. Diese Spieler hatten einen Migrationshintergrund, ja. Aber wir hätten auch jeden Spieler mit deutschen Wurzeln aussortiert.

Bei den Eltern und Spielern, mit denen wir gesprochen haben, ist die Perspektive eine andere; sie fühlen sich diskriminiert. Können Sie das nachvollziehen?

Na klar. Die Eltern haben Hoffnungen, fordern die Jungs, investieren viel Zeit. Ich verstehe die Enttäuschung. Aber wie gesagt: Manche Jungs bleiben in der Entwicklung stehen und dann reicht es halt nicht für ganz oben. Das auf die Rassismus-Schiene zu schieben, ist ein Weg, der nicht geht.

Das ist allerdings auch ein harter Vorwurf, den Sie erheben.

Das machen natürlich nicht alle.

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Der Verein hatte in einer ersten Stellungnahme auf die Vereinssatzung verwiesen, die Diskriminierung ausschließe. Etwas dünn, oder?

Gerade bei so einem brisanten Thema sollte man in die Kommunikation gehen und versuchen, die Beteiligten an den Tisch zu bekommen. Ich denke, die Kommunikation ist bei Union Berlin, aber auch in anderen Nachwuchsleistungszentren, ein grundlegendes Problem. Es muss mehr gesprochen werden! Bei Union liegt nicht nur in der Kommunikation den Spielern gegenüber einiges im Argen.

"Ich weiß genau, was die Jungs meinen"

Es geht in der aktuellen Debatte nicht um den klassischen, offenen Rassismus, sondern um Fälle, die schwer zu greifen sind, sich versteckt abspielen. Ein Mitarbeiter sagte uns über André Hofschneider: „Wenn er einen Ausländer und einen Deutschen zur Wahl hat, die gleich gut sind, nimmt er den Deutschen.“ Wie beurteilen Sie das?

Ich bin ja ein Neuköllner Junge. Ich weiß genau, was die Jungs meinen. Wer die Jungs aus diesen Kiezen holt, aus Neukölln, Wedding oder Kreuzberg, der muss manchmal auch wissen, wie man mit ihnen umgeht. Es gibt in Berlin riesige regionale Unterschiede, wo man dann als Verein auch eine gewisse Sensibilität und Feinfühligkeit mitbringen muss; wo man sich fragen muss, wie man mit den Jungs, die ganz viel Stolz haben, spricht. Ich bin auch wie diese Spieler sozialisiert worden. Oftmals wirken wir ja wie harte Jungs, aber auch wir brauchen Zuspruch, wünschen uns einen guten Umgang. Ob die Verantwortlichen von Union schon so weit sind, mit verschiedenen Klientel umzugehen, das weiß ich nicht. Es hat aber den Anschein, dass das vielleicht nicht so ist und man als Verein dazulernen kann.

Nochmal zur Statistik: In den Jahrgängen 2003 und 2004 mussten nicht nur viele Spieler mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund gehen, es kamen auch keine nach. Warum nicht?

Bevor ich da war, gab es die Idee, mehr Straßenfußballer zu Union zu holen, weil Union ein bisschen mit der Zeit gehen wollte. Mehr Individualisten, mehr Bewegung im Spiel. Also haben sie sich in den Bezirken nach diesen Spielern umgeschaut. Letztendlich ist aber nicht jeder, der auf der Straße spielt, gleich ein Straßenfußballer. Entsprechend hat man womöglich gesagt, dass es eben doch nicht so passt. Zur Frage: Wir wollten Spieler mit Migrationshintergrund holen mit der gewünschten Qualität, haben aber auch Absagen bekommen. Einer, der fest zugesagt hatte, ist dann zu Eintracht Frankfurt gewechselt. Andere sind zu Hertha, Wolfsburg oder Leipzig. In anderen Jahrgängen haben wir aber durchaus Spieler mit Migrationshintergrund verpflichtet.

Wie war Ihr Austausch mit André Hofschneider zu diesem Thema?

Mit André Hofschneider gibt es leider wenig Kommunikation. Die Scouting-Abteilung ist direkt bei Janek Kampa angesiedelt. Mit ihm habe ich alles besprochen, was das Scouting angeht. Letztlich ist es aber so, dass André Hofschneider die letzte Entscheidungsgewalt hat, wenn es um die Frage geht, ob ein Spieler geholt wird oder nicht. Er ist die letzte Instanz, was Spielerverpflichtungen angeht und muss seine Entscheidungen bei mir nicht begründen – dafür ist er sportlicher Leiter, dafür wird er auch ordentlich bezahlt. Leider begründet er Entscheidungen nicht. Genauso ist es, wenn Spieler zu den Profis hochgehen. Das ist auch eine klare Vorgabe von Lutz Munack, dass er und Hofschneider diejenigen sind, die mit der Profiabteilung kommunizieren. Das ist auch ein Grund, warum ich den Verein mit Christoph verlasse, weil wir eine solche Arbeitsweise nicht gewohnt sind.

Sie klingen frustriert. Haben Sie mal das Gespräch gesucht, vielleicht auch mit Präsident Dirk Zingler?

Ich glaube, Herr Zingler hat andere Sorgen. Mit Oliver Ruhnert, der an Lösungsansätzen sehr interessiert ist, haben wir darüber gesprochen, einmal ging es um die Frage, ob die Profiabteilung möglicherweise auch Spieler im Blick hat, die noch ein Jahr für die U 19 spielen könnten. Munack und Hofschneider haben sich darüber sehr echauffiert. Eine Bankrotterklärung sei das für das Nachwuchs-Scouting, wenn wir mit der Profiabteilung direkt sprechen. Munack hat klargestellt, dass auf Geschäftsführer-Ebene kommuniziert wird und wir vorgegebene Wege einhalten sollen. Ich kenne es so nicht, so ist keine Durchlässigkeit möglich, kein Erfolg, und deshalb löse ich meinen Vertrag auf.

"Ich glaube einfach, dass es manchen Leuten im Verein nicht um den Verein geht"

Dass auf Geschäftsführer-Ebene kommuniziert wird, betrifft ja die Organisation, die Union so geregelt hat. Sie lassen nun durchschimmern, dass der Umgangston nicht stimmt. Woran machen Sie das fest?

Ich glaube einfach, dass es manchen Leuten im Verein nicht um den Verein geht, sondern um persönliche Dinge. Mehr möchte ich zum Umgangston nicht sagen, sehen Sie mir das bitte nach.

Spieler und Eltern beschreiben André Hofschneider als „Diktator“. Inwiefern trifft das auf das Verhältnis zwischen Jugendführung und Spielern zu?

Ich will es mal so sagen: André Hofschneider ist vielleicht anders geprägt worden in seinen jungen Jahren und gibt das jetzt letztendlich weiter. Ob man ihm daraus einen Strick drehen kann, sollen andere beurteilen.

Vor Ihnen haben schon mehrere Mitarbeiter des NLZ den Verein verlassen. Ist das ein normaler Prozess?

Ein NLZ sollte für Kontinuität stehen. Ich denke, André Hofschneider entscheidet sehr emotional. Mal ein anderes Beispiel: Einem Spieler wurde mal im November ein neuer Vertrag hingelegt, weil er drei, vier Spiele überragend war. Im darauffolgenden Frühjahr wollte Union plötzlich den Vertrag auflösen, weil Hofschneider gesagt hat, dass er weg müsse. Wenn Spieler gute Phasen haben, macht er mit denen auch mal Extra-Einheiten. Wenn sie schlechte haben, wird die Fürsorge weniger. Das war wohl schon im Profibereich so. Mit Jugendlichen kannst du so aber nicht umgehen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Bereiche.

Zwei Spielerberater haben uns – unabhängig voneinander – gesagt, sie würden keinem Spieler mit Migrationshintergrund empfehlen zu Union zu wechseln. Worauf ist das zurückzuführen?

Ich bin bei den Gesprächen mit Spielern und Eltern in aller Regel nicht dabei, würde aber erwarten, dass man einen anständigen Ton trifft, weil es halt noch Jugendliche sind. Vielleicht war das – leider – nicht immer so. Ich habe nach Ihrer Berichterstattung eine Whatsapp bekommen von einem Trainerkollegen, der meint: Ja, genauso war es im Jahrgang 2003/2004, wie es im Bericht beschrieben wird.

Nach welchen Kriterien wird entschieden, welche Spieler die Jugendabteilung verlassen müssen?

Wir als Scouts schauen nach sportlichen Fähigkeiten, nach charakterlichen. Und wir sprechen auch das Schulische an, wenn es in der Schule nicht so läuft. Und natürlich erkundigt sich ein Verein nach dem Umfeld der Spieler, in welchen Kreisen sie sich bewegen. Hinzu kommt eine Leistungsdiagnostik. Für mich ist noch wichtig, eine Vision zu entwickeln: Kann er irgendwann Bundesliga spielen oder nicht? Die Leistung in der U17 ist nicht immer das Entscheidende. Entscheidend ist: Kann ein Spieler vom „local player“ auch zum „local hero“ werden, kann er 90 Minuten in der Bundesliga durchspielen?

"Sensibilität in der Wortwahl ja, aber keine bitte keine Korinthenkackerei"

Es gibt Aussagen von Trainern, die Spieler „Fettsack“ oder „fettes Schwein“ nennen, oder die einem Schwarzen Torwart gesagt haben, er müsse mit seinen Füßen bis an die Latte springen können, weil er eben Schwarz sei. Ist das der sogenannte normale Umgangston an einem NLZ?

Da muss man unterscheiden. Der Satz mit dem Schwarzen Spieler ist der Dummheit geschuldet. Wenn Erwachsene nicht darüber nachdenken, was das in Jugendlichen auslöst, ist das traurig und eigentlich ein Kündigungsgrund. Wenn aber jemand mit sieben, acht Kilogramm Übergewicht aus der Sommerpause zurückkommt und sich nicht an den Trainingsplan gehalten hat, kann man auch mal einen Spruch bringen. Im Profibereich wird auch nicht immer freundlich geredet. Da müssen die Spieler ein Stück weit durch, auch wenn man über den Umgangston immer nachdenken und das auch anders verpacken kann. Sensibilität in der Wortwahl ja, aber bitte keine Korinthenkackerei.

Wie sollte Union jetzt damit umgehen, dass es so viele Spieler und Eltern gibt, die den Umgangston bemängeln?

Man sieht ja, dass irgendetwas in eine unschöne Richtung läuft. Der Schlüssel, wie gesagt, ist die Kommunikation. Da sollte man sich definitiv schon mal hinterfragen. Die Spieler hinterfragen sich ja auch nach einem verlorenen Spiel, jedenfalls die meisten. Wenn solche Dinge im Raum stehen, sollte man in eine gemeinsame Kommunikation gehen. Es ist nicht so, dass verschiedene Dinge erst bekannt geworden sind, seit der Bericht von Ihnen erschienen ist.

Die Vorwürfe sind mindestens seit letztem Herbst auf dem Tisch. Fand denn überhaupt eine Aufarbeitung bei Union statt, mit Spielern, mit Eltern?

Man hört nicht viel, inwiefern da eine Aufarbeitung stattgefunden hat, allerdings findet das auf einer anderen Ebene statt. Ich glaube aber, dass nicht so viel passiert ist, denn sonst wäre es ja gar nicht erst soweit gekommen.

Haben auch Sie Fehler gemacht?

Vielleicht hätte ich meinen bis 2022 laufenden Vertrag erfüllen sollen und sagen müssen, dass mich Dinge nerven; das ich probiere, von innen etwas zu verändern. Vielleicht hätte ich diesen Kampf annehmen sollen und nochmal Energie aufbringen müssen, um verschiedene Themen intern anders zu gestalten. Aber ich bin da auch müde geworden und will nicht gegen Windmühlen kämpfen. Ich habe meine Gesprächsbereitschaft mehrfach angeboten, das Interesse schien nicht so groß zu sein.

Mit welchen Erinnerungen verlassen Sie die Union-Familie?

Es ist immer schön, wenn man nach außen von Familie spricht. Das ist völlig absurd, das ist ein knallhartes Wirtschaftsunternehmen. Im Profibereich läuft es vielleicht etwas besser, weil oben das Geld verdient wird. Aber von Familie kann man nicht reden, bei gar keinem Verein. Für die Fans ist es Familie, wenn sie gemeinsam auf der Tribüne stehen und ihre Mannschaft anfeuern. Aber für die Mitarbeiter ist es ein Arbeitgeber wie jeder andere. Nur man kann halt sagen: Ich bin beim 1. FC Union Berlin angestellt.