31. Oktober 2020 / 11:04 Uhr

Noch lange kein Big City Club: Wolfsburg-Gastgeber Hertha ist Europas Null

Noch lange kein Big City Club: Wolfsburg-Gastgeber Hertha ist Europas Null

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Der VfL Wolfsburg spielt am Sonntag bei Hertha BSC.
Der VfL Wolfsburg spielt am Sonntag bei Hertha BSC. © Roland Hermstein
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Am Sonntag spielt der VfL Wolfsburg bei Hertha BSC. In Sachen Fußball ist Berlin die europäische Null - im wahrsten Wortsinn: Neben Deutschland gibt es in ganz Europa nur ein weiteres Land, in dem die Hauptstadt in den letzten 20 Jahren nie den Fußball-Meister stellte - Luxemburg.

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Dieses "Und ihr wollt unsere Hauptstadt sein" war schon ein bisschen aus der Mode gekommen, als die Stadien noch voll waren. Die Häme allerdings, mit der Hertha BSC, am Sonntag (18 Uhr) Gastgeber des VfL Wolfsburg, gern betrachtet wird, ist immer noch da. Und der Hauptstadt-Klub selbst liefert für diese Häme reichlich Nahrung, nicht nur für Spottgesänge aus der Kurve.

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Berlin ist Hauptstadt, Metropole, Kultur-Hotspot und Heimat für Top-Sport - Basketball, Volleyball, Eishockey, Handball. In Sachen Fußball aber ist Berlin die europäische Null - im wahrsten Wortsinn: Neben Deutschland gibt es in ganz Europa nur ein weiteres Land, in dem die Hauptstadt in den letzten 20 Jahren nie den Fußball-Meister stellte - und das ist Luxemburg, wo der RFC Union Luxemburg-Stadt 2018 immerhin den nationalen Pokal holte. Die Sehnsucht, die hinter vielen Hertha-Ideen steckt, ist damit schon zu einem großen Teil erklärt.

Dass Investor Lars Windhorst aus der Hertha einen "Big City Club" machen will, drückt genau diese Sehnsucht aus. Hertha gehört eigentlich - und das ist an dieser Stelle komplett ironiefrei gemeint - in eine Reihe mit Chelsea, Real Madrid, Paris Saint-Germain oder AS Rom. Dummerweise ist es aber auch erst gut sieben Jahre her, dass die Berliner in der 2. Liga gegen Sandhausen und Aue spielten. Und aktuell? Vier Niederlagen in fünf Liga-Spielen, Pokal-Aus beim Zweitligisten Braunschweig. Das klingt nicht nach europäischem Fußball-Adel, sondern nach einer Graumäusigkeit, wie sie nicht einmal dem VfL oder Hoffenheim unterstellt wird.

Nur in zwei Ländern  gab es nach 2000 keinen Hauptstadt-Meister.
Nur in zwei Ländern gab es nach 2000 keinen Hauptstadt-Meister. © apa

Die Idee, dieser Graumäusigkeit erst einmal mit einem Promi-Trainer zu entfliehen, ist mit dem Intermezzo von Jürgen Klinsmann und dessen Ego krachend gescheitert. Stattdessen hat die Hertha jetzt mit Bruno Labbadia einen Coach, der die Transformation zu einem "Big City Club" für den fünften, siebten oder zehnten Schritt hält und sich stattdessen erst einmal um den ersten und zweiten Schritt kümmern will. "Mittelfristig wollen wir mit Vereinen wie Wolfsburg, Hoffenheim oder auch Leverkusen mithalten und eine Chance aufs internationale Geschäft haben. Aber dafür müssen wir noch einiges aufholen", sagte er in der Woche vor dem Spiel gegen seinen Ex-Klub Wolfsburg im SPORTBUZZER-Interview.


Diese Aufholjagd kostet Geld. 374 Millionen Euro sind es bisher, die Windhorst in den Verein gesteckt hat, allein die Transfer-Ausgaben seit Sommer 2019 sollen sich auf knapp 150 Millionen belaufen. Das kann den Gegner schon mal beeindrucken. "Die Mannschaft ist sehr gut besetzt", weiß Wolfsburg-Trainer Oliver Glasner, "und sie hat große Ambitionen". Wer jetzt aber glaubt, dass Hertha im finanziellen Vollsprint die Konkurrenz niederrennt, den holen die Tabelle und Labbadia schnell zurück. Der Klub habe, so Labbadia, "zum ersten Mal Gelder zur Verfügung, die acht, neun oder zehn andere Mannschaften seit Jahren haben".

Diesen Rückstand müsse man erst einmal aufholen, auch in diesem Sommer habe man "gemerkt, dass wir ganz oft an Gehältern gescheitert sind, die andere Vereine in der Liga schon zahlen". Dazu kommt: So attraktiv die Stadt der Zugereisten für Top-Stars sein mag, der Verein ist es (noch) nicht. Denn wer an Hertha denkt, denkt auch an versprengte Zuschauer-Grüppchen in einem zu oft viel zu großen, viel zu zugigen und auf fast lächerliche Weise unmodernen Stadion, das den Charme einer aufgepumpten Turnhalle hat.

Wer sich dann zudem noch klar machen will, wie lange der Weg zu einem echten Big City Club ist, der muss einfach mal folgendes Gedankenspiel machen: Wie wäre es, wenn eine Hertha-Elf mit Timo Werner, Cristiano Ronaldo und David Alaba am Sonntag als Favorit gegen den VfL Wolfsburg aufliefe? Reicht die Fantasie dafür aus? Das sollte sie - denn Spieler dieses Kalibers werden irgendwann in Berlin spielen, wenn Hertha ein Hauptstadt-Klub wird, der sich mit anderen Hauptstadt-Klubs messen kann. Aber wie lange es dauert, bis Hertha auch von hochtalentierten Mitte-20-jährigen Millionären als attraktives und lukratives Fußball-Projekt in einer coolen Stadt verstanden wird, weiß niemand.

Aktuell heißen die Berliner Top-Stars Mattéo Guendouzi, Matheus Cunha oder Krzysztof Piatek. Sie haben zusammen ungefähr die Häfte des 150-Millionen-Euro-Transfer-Brockens ausgemacht, sind aber dennoch von überschaubarer Bekanntheit und einer eher in Fachkreisen leuchtenden Strahlkraft. Das allerdings ist kurz vorm nächsten Spieltag nicht Labbadias Problem. Er muss sich damit herumschlagen, dass drei Punkte aus fünf Spielen Herthas schlechtesten Saisonstart seit elf Jahren bedeuten. "Man muss sagen, dass unser Spiel auswärts besser funktioniert hat, das wollen wir verändern", so Labbadia. "Und wir wollen unseren ersten Heimsieg einfahren."

Und wenn das klappt, kann sich die Hertha wieder in Ruhe dem nächsten Schritt auf dem Weg zur Hauptstadt-Größe widmen - der Suche nach einem passenden Hauptsponsor. Amazon und Tesla haben schon abgesagt, in der vergangenen Saison stand "Tedi" auf der Berliner Brust. Das ist eine Billigwaren-Kette. Keine Pointe.

In Bildern: Das sind die Zu- und Abgänge von Hertha BSC zur Saison 2020/21.

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Wer's genau wissen will: Die Meister aus europäischen Hauptstädten in den letzten 20 Jahren

Portugal 8 - Benfica Lissabon
Spanien 8 - 7 Real Madrid, 1 Atletico Madrid
Frankreich 7 -Paris SG
Irland 9 - 3 Bohemians Dublin, 3 FC Shelbourne, 2 Shamrock Rovers, 1 St Patrick’s Athletic
Nordirland 16 - 11 Linfield FC, 2 Cliftonville FC, 3 Crusaders FC
Schottland 20 - 5 Glasgow Rangers, 15 Celtics Glasgow
England 7 - 5 Chelsea, 2 Arsenal
Niederlande 7 - Ajax Amsterdam
Belgien 9 - RSC Anderlecht
Luxemburg 0
Schweiz 3 - YB Bern
Österreich 5 - 3 Austria Wien, 2 Rapid Wien
Dänemark 14 - 12 FC Kopenhage, 2 Bröndby Kopenhagen
Schweden 6 - 4 Djurgardens, 2 AIK Stockholm
Norwegen 1 - Valerenga Oslo
Island 9 - 5 KR Rejkavic , 3 Valur Rejkavic, 1 UMF Stjarnan
Färöer 13 - 8 HB Torshavn, 5 B36 Torshavn
Polen 8 - Legia Warschiau
Tschechien 10 - 6 Sparta Prag, 4 Slavia Prag
Slowakei 8 - 5 Slovan Bratislava, 2 Artmedia Bratislava, 1 Inter Bratislava
Ungarn 8 - 5 Ferencváros Budapest, 2 MTK Budapest, 1 Honved Budapest
Italien 1 - AS Rom
Slowenien 2 - Olimpija Ljubljana
Kroatien 16 - 15 Dinamo Zagreb, 1 NK Zagreb
Bosnien-H. 9 - 5 Željezničar Sarajevo, 4 FK Sarajewo
Serbien 19 - 8 Roter Stern, 11 Partizan
Montenegro 5 - 4 Budućnost Podgorica, 1 Zeta Golubovci (seit 2005)
Kosovo 5 - FC Prishtina
Albanien 10 - 3 SK Tirana, 3 Dinamo Tirana, 3 KF Tirana, 1 Partizam Tirna
Nordmazedonien 13 - 8 Vardar Skopje, 4 Rabotnički Skopje, 1 Makedonija Skopje
Griechenland 3 - 2 Panathinaikos, 1 AEK Athen
Türkei 19* - 8 Galatasaray, 6 Fenerbahce, 4 Besiktas, 1 Başakşehir
Bulgarien 8 - 5 Lewski Sofia, 3 ZSKA
Rumänien 9 - 5 Steaua Bukarest. 3 Dinamo Bukarest, 1 Rapid Bukarest
Moldau 1 - FC Dacia Chișinău
Weißrussland 1 - Dinamo Minsk
Ukraine 7 - Dynamo Kiew
Finnland 10 - HJK Helsinki
Lettland 7 - 5 Skonto Riga, 2 Riga FC
Estland 19 - 8 FC Flora Tallinn, 7 Lavadia Tallinn, 1 TVMK Tallinn, 1 Infonet Tallinn, 2 Nõmme Kalju
Litauen 4 - Zalgiris Vilnius
Russland 11 - 6 ZSKA Moskau, 3 Lokomotive Moskau, 2 Spartak Moskau

*die Hauptstadt Ankara liegt nicht in Europa, darum wurden hier die Klubs aus Istanbul gezählt