02. Januar 2019 / 18:28 Uhr

Norbert Haug exklusiv über Michael Schumacher: „Es ist unendlich traurig“

Norbert Haug exklusiv über Michael Schumacher: „Es ist unendlich traurig“

Lena Obschinsky
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug äußert sich im <b>SPORT</b>BUZZER-Interview über die Karriere von Michael Schumacher.
Ex-Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug äußert sich im SPORTBUZZER-Interview über die Karriere von Michael Schumacher. © imago
Anzeige

Sie waren die längste Zeit ihrer Karrieren Konkurrenten. Doch den ehemaligen Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug und Michael Schumacher hat immer eine Freundschaft verbunden. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht Haug über seine Erinnerungen an Schumacher und das große Talent von „Schumi“-Sohn Mick.

Anzeige
Anzeige

Norbert Haug war einer der ersten Chefs in der Rennsportkarriere von Michael Schumacher – und der letzte während des Schumacher-Comebacks von 2010 bis 2012. Beide hat trotz der jahrelangen Konkurrenz in der Formel 1 – Schumacher fuhr für Jordan (1991), Benetton (1991 bis 1995) und Ferrari (1996 bis 2006) – immer eine Freundschaft verbunden. Heute ist der ehemalige Mercedes-Motorsportchef (1990 bis 2012) einer der Vertrauten der Familie Schumacher. Vor dem 50. Geburtstag von „Schumi“ (3. Januar) hat sich der 66-Jährige im Interview mit dem SPORTBUZZER über seinen Freund Michael Schumacher gesprochen. Wie Haug Schumachers Karriere einordnet, was er über den tragischen Skiunfall des siebenfachen Formel-1-Weltmeisters denkt und was er von „Schumi“-Sohn Mick hält, lest ihr hier!

Sie haben auch den Anfang von Michael Schumachers Karriere begleitet. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie merkten: Dieser Fahrer hat eine große Karriere vor sich? Und wann war das?

Es gab Mitte der 80er-Jahre eine Monoposto-Rennserie für den aus dem Kartsport aufgestiegenen Nachwuchs namens Formel König. Sie entsprach in etwa der heutigen Formel 4. Michael Schumacher gewann dort, was es zu gewinnen gab – er allein viel mehr als all seine Rivalen zusammen. Schumacher stieg dann auf in die Formel 3 und war dort ähnlich erfolgreich. Das Mercedes-Junior-Team 1989 war danach der Start seiner professionellen Rennfahrerkarriere, und Michael definierte dort neu, was die Branche gemeinhin „speed“ nennt: Er war nicht nur schneller, er war auch ausdauernd schneller, fordernder, wissbegieriger als all seine Rivalen in der Sportprototypen-Rennserie namens Gruppe-C-Weltmeisterschaft. Michael war der Star unter den Fahrern mit Stern.

Schumi forever: Die Karriere des Michael Schumacher in Bildern

Michael Schumacher - der größte deutsche Einzelsportler der Geschichte? Der Kerpener wurde bei Benetton, Ferrari und Mercedes zu einer Legende in der Formel 1. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeichnet seine Karriere nach. Zur Galerie
Michael Schumacher - der größte deutsche Einzelsportler der Geschichte? Der Kerpener wurde bei Benetton, Ferrari und Mercedes zu einer Legende in der Formel 1. Der SPORTBUZZER zeichnet seine Karriere nach. ©
Anzeige

Was ist die Eigenschaft, die Sie an Michael Schumacher am meisten schätzen?

Sein Wille, sein Talent, alle und alles um sich herum zu motivieren, das Allerbeste aus sich selbst herauszuholen und nicht weniger von allen Teammitgliedern zu verlangen. Im Management spricht man von „leading by example“, also „Führung durch Vorbildfunktion“. Ich kenne keinen Rennfahrer, der das besser konnte oder kann als Michael Schumacher. Er brachte Menschen dazu, dass sie wollten, nicht, dass sie mussten. eine Fähigkeit, die nicht nur jedem Rennfahrer, sondern auch jedem Manager und Vorgesetzten gut ansteht beziehungsweise anstehen würde.

Haug über Schumacher: „Es ist unendlich traurig, was Michael an diesem 29. Dezember 2013 auf Skiern passiert ist“

Gibt es etwas, das Sie von ihm gelernt haben?

Durchaus sein überzeugtes und unbeirrbares Vorangehen. Die angestrebte Win-win-Situation für Fahrer und Team wird in der Oberliga des Automobilrennsports blitzartig zur Lose-lose-Variante, wenn unsicher gezaudert und Entscheidungen nicht nach eingehender Reflexion getroffen und in absoluter Konsequenz umgesetzt werden. Michael war bei diesen Prozessen, welche die Grundlage für jeden Erfolg bilden, der beste Sparringspartner, den sich Teamverantwortliche nur wünschen konnten.

Was können heutige Rennfahrer noch von Michael Schumacher lernen?

Es gibt heute sehr viele schnelle Fahrer mit allergrößtem Talent und besten Fähigkeiten im Auto – womöglich noch besseren, als Michael Schumacher in seiner aktiven Rennfahrerzeit hatte, was allerdings nur subjektive Einschätzungen sein können. Ich glaube allerdings nicht, dass außerhalb des Autos nach Michael neue Obergrenzen definiert wurden. Ohne besserwisserisch zu sein, fand Michael stets den Weg zur nächsthöheren Etage. Und natürlich stolperten Teammitglieder und er manchmal auch auf dem Weg zum nächsten Level. Wichtig war dann aber nie, wie man stolperte, sondern wie und dass alle umso fokussierter weitermachten.

Mehr zu Michael Schumacher

Seit fünf Jahren ist Michael Schumacher nicht mehr in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Was fehlt Ihnen am meisten?

Es ist unendlich traurig, was Michael an diesem 29. Dezember 2013 auf Skiern passiert ist – und das wohl bei niedrigster Geschwindigkeit. Es führt uns vor Augen, wie zerbrechlich wir alle sein können, und ich weiß von mir selbst, dass ich – ohne ein Hasardeur zu sein – etliche Skistürze in Gelände und auf der Piste hatte, bei denen die Rahmenbedingungen nicht anders waren. Mich hat Michaels Unfall in diesem Punkt viel empfindsamer und nachdenklicher gemacht. Michael war immer und überall auf Sicherheit bedacht, bei Familie, bei Freunden, bei sich selbst. Rennfahren war für ihn nicht der Wahnsinn der Geschwindigkeit, sondern die vollständige Beherrschung des Geräts am Limit, und manchmal wirkte dies so, also ob die Physik ihm ganz eigene Limits ermöglichte – zum Beispiel, wenn er im Regen in Spa gleich sechs oder acht Sekunden schneller fuhr als sein schnellster Konkurrent. Der Skiunfall war eine Verkettung ungünstigster Umstände und ist mit seinen Folgen unendlich traurig.

Haug: „Privatsphäre der Familie Schumacher soll respektiert werden“

Gibt es ein Ereignis, das Sie und Michael Schumacher besonders zusammengeschweißt hat?

Wir waren die allermeiste Zeit zwischen 1990 und 2012 Konkurrenten, Michael bei Ferrari der Star der Motorsportwelt, ich als Verantwortlicher bei den Silberpfeilen. Wir erlebten gemeinsam vielleicht die allerbeste Ära im Motorsport, geprägt von Respekt, mit Begegnungen vor und nach den Rennen mit viel Freude und Spaß und mit extrem harten Auseinandersetzungen auf der Rennstrecke. Mit zwei deutschen Formel-1-Rennen pro Jahr und über 200.000 Zuschauern. Es war großartig, dass der einstige Mercedes-Junior Michael Schumacher nach seinen 91 Formel-1-Siegen und sieben Weltmeistertiteln und langer Formel-1-Pause 2010 zurück zu seinen Wurzeln kehrte. Das Medienecho und -interesse bei der Bekanntgabe am Tag vor Heiligabend 2009 war dann so unvorstellbar groß, wie wir uns das alle in unseren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können. Ein Sieg, wie ihn Michaels Teamkollege Nico Rosberg in dieser Aufbauphase des heute so erfolgreichen neuen Silberpfeil-Werksteams schaffte, wäre schön gewesen. Aber Michael fuhr dafür auf der Mutter aller Rennstrecken, in Monaco, auf Startplatz eins, und das mit dem damals nicht besten Auto im Feld, was zeigt, wie gut er auch im letzten Jahr seiner einzigartigen Formel-1-Karriere war.

Alle Formel-1-Weltmeister seit 1950

Der erste Formel-1-Weltmeister wird 1950 <b>Giuseppe Farina</b>. Der Alfa-Romeo-Fahrer triumphierte knapp vor seinem Teamkonkurrenten Juan Manuel Fangio. Auf dem Foto ist der Italiener beim ersten jemals gefahrenen Grand-Prix am 13. Mai 1950 in Silverstone, Großbritannien, zu sehen. In der Saison wurden gerade einmal sieben Rennen gefahren, die in die Wertung zählen konnten. Tatsächlich gezählt wurden, dank der sogenannten Streichresultate (existent bis 1990), aber nur die besten vier Ergebnisse der Fahrer. Zur Galerie
Der erste Formel-1-Weltmeister wird 1950 Giuseppe Farina. Der Alfa-Romeo-Fahrer triumphierte knapp vor seinem Teamkonkurrenten Juan Manuel Fangio. Auf dem Foto ist der Italiener beim ersten jemals gefahrenen Grand-Prix am 13. Mai 1950 in Silverstone, Großbritannien, zu sehen. In der Saison wurden gerade einmal sieben Rennen gefahren, die in die Wertung zählen konnten. Tatsächlich gezählt wurden, dank der sogenannten Streichresultate (existent bis 1990), aber nur die besten vier Ergebnisse der Fahrer. ©

Wie viel Kontakt haben Sie noch zur Familie Schumacher?

Ich bin mit Michaels Managerin Sabine Kehm in Kontakt und auch mit Mick an der Rennstrecke, wo ich auch schon Corinna getroffen habe. Im Übrigen ist es mein Empfinden, nicht detailliert in den Medien zu erzählen, wann wer mit wem Kontakt hat, und ich glaube, besonders die Familie Schumacher sollte hier in ihrer Privatsphäre respektiert werden.

Was wünschen Sie Michael Schumacher zum Geburtstag?

Ich wünsche Michael alle Kraft für seine schrittweise Genesung.

Haug lobt Sohn von Michael Schumacher: „Es ist eine Freude zu sehen, wie sich Mick entwickelt“

Sie verfolgen sicherlich auch die Karriere von Michael Schumachers Sohn Mick. Worin ähnelt er seinem Vater am meisten? Und hat er das Zeug zum neuen Formel-1-Star?

Es ist sicher zu früh, im Zusammenhang mit Mick von „zukünftigem Formel-1-Star“ zu sprechen. Angebracht ist allerdings zu loben, was Mick in bester Schumacher-Manier in der abgelaufenen Formel-3-Saison geleistet hat. Seine Siege und seinen Meisterschaftsgewinn hat er nicht bekommen, weil er Schumacher heißt, sondern weil er der Beste im Feld war und für ein großartiges Team fuhr. Es ist eine Freude zu sehen, wie sich Mick entwickelt und was er zu leisten in der Lage ist. Man muss ihm jetzt die notwendige Zeit geben, wenn er in diesem Jahr in die Formel 2 aufsteigt. Zu hohe Erwartungen sind hier nicht hilfreich. Mick, sein Team und seine Betreuer machen das schon, davon bin ich überzeugt, und erst danach steht der nächste Schritt nach oben bevor.

Sie haben sich vor sechs Jahren aus der Formel 1 verabschiedet. Wie viel Formel 1 steckt trotzdem noch in Ihrem Leben? Was machen Sie heute?

Formel 1 steckt aktuell wenig in meinem Leben, ich war bei unserem Silberpfeil-Team eingeladen zum letzten Grand Prix in Hockenheim, als Lewis Hamilton vom 14. Startplatz aus gewann, was natürlich eine große Freude auch für mich war. Ansonsten helfe ich hier und da ein paar jungen Rennfahrern. Mein Fokus liegt jedoch bei der Beratung technikgetriebener mittelständischer Unternehmen, beim Coaching von Führungskräften, wo man wunderbar Ableitungen aus dem Motorsport besprechen und umsetzen kann. Darüber hinaus bin ich unterwegs bei Veranstaltungen und Vorträgen, begleite ein Aufsichtsratsmandat und bin Sprecher einer ingenieursgetriebenen Unternehmerinitiative namens makING., die sich zum Ziel gesetzt hat, zu helfen, Dinge in Bewegung zu setzen. Und ich fühle mich dabei viel wohler, als dem beängstigenden Trend zu folgen, zu verhindern, was zu verhindern ist, das Auto zu verteufeln und im Lastenfahrrad die Zukunft der Mobilität zu sehen.

Hier abstimmen: Was traust du Mick, dem Sohn von Michael Schumacher, zu?

Mehr anzeigen

Hilf uns, dem Amateurfußball zu helfen. Trage Dich auf gabfaf.de/supporter kostenlos als Supporter ein.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus aller Welt