26. September 2020 / 08:01 Uhr

Norbert Haug: Das macht Lewis Hamilton "einmalig" – Mick Schumacher "absolut reif" für Formel 1

Norbert Haug: Das macht Lewis Hamilton "einmalig" – Mick Schumacher "absolut reif" für Formel 1

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Weggefährte Norbert Haug spricht im <b>SPORT</b>BUZZER-Interview über die große Karriere von Lewis Hamilton, die Frage, ob der Brite besser ist als Michael Schumacher - und dessen Sohn Mick Schumacher.
Weggefährte Norbert Haug spricht im SPORTBUZZER-Interview über die große Karriere von Lewis Hamilton, die Frage, ob der Brite besser ist als Michael Schumacher - und dessen Sohn Mick Schumacher. © imago images/Montage
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Am Sonntag könnte Lewis Hamilton beim Rennen in Sotschi den Formel-1-Siegrekord von Michael Schumacher einholen. Im SPORTBUZZER spricht sein ehemaliger Weggefährte, Ex-Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, über die Qualitäten des Briten, Vergleiche mit Schumacher und dessen Sohn Mick, der vor dem Sprung in die Formel 1 steht.

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Beim Großen Preis von Russland könnte Mercedes-Pilot Lewis Hamilton am Sonntag (13.10 Uhr/RTL und Sky) mit seinem 91. Formel-1-Sieg mit Rekordweltmeister Michael Schumacher gleichziehen. Der langjährige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug hat sowohl Hamilton als auch Schumacher in der Frühphase ihrer Karriere begleitet. Im Interview äußert sich Haug zu den Qualitäten der beiden Legenden und zur Perspektive von Schumachers Sohn Mick, der in der Formel 2 ganz vorn dabei ist.

SPORTBUZZER: Herr Haug, Ihr früherer Mercedes-Kollege Ross Brawn hat kürzlich gesagt: „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemand auch nur in die Nähe von Michaels Rekorden kommen könnte.“ Nun pulverisiert Lewis Hamilton Schumachers legendäre Bestmarken. Haben sie das für möglich gehalten?

Norbert Haug (67): Ich bin sicher, dass jeder, der sich im Motorsport auskennt, sicher war, dass Michaels so einmalige Rekordmarken für alle Ewigkeit bestehen würden. Sie sind alle so weit entfernt von allem bisher da gewesenen. Aber Lewis wird nun Michaels unüberspringbare Messlatte überspringen.

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Sie sind Hamilton schon sehr früh begegnet. Können Sie von ihrem ersten Treffen, ihrem ersten Eindruck erzählen?

Ich habe Lewis kennengelernt, als er 13 Jahre alt war. Er sprach McLaren-Mercedes-Teamchef Ron Dennis an und sagte ihm, dass er eines Tages für ihn und unser Team fahren wolle. Mercedes und McLaren förderten Lewis im Kartsport (Dennis verpflichtete Hamilton 1998 für das McLaren Driver Development Program, d. Red.), in der Formel Renault, der Formel 3 und der GP2 und investierten gemeinsam in ihn bis zu seinem Aufstieg in die Formel 1, wo er in seinem ersten Jahr den WM-Titel um einen Punkt verpasste und ihn 2008, im Jahr darauf, holte – diesmal mit einem Punkt Vorsprung. Lewis arbeitete stets härter als all seine Konkurrenten, und das tut er heute noch.

Sie haben nicht nur Hamiltons Karriere über viele Jahre begleitet, sondern auch die von Schumacher. Lässt sich sagen, wer von den beiden besser war respektive ist?

Beide schenkten sich nichts – im wahrsten Sinne des Wortes. Wären Michael und Lewis gleich alt und zur gleichen Zeit im gleichen Team gefahren, hätte die Motorsportwelt einen Wettbewerb erlebt, der alles da gewesene hätte blass aussehen lassen. Michael und Lewis sind sich als aktive Rennfahrer immer mit allergrößtem Respekt begegnet. Ich habe lange mit beiden gearbeitet, und ich habe keinen von beiden je ein schlechtes Wort über den anderen sagen hören.

"Lewis Hamilton und Mercedes hätten Reserven"

In einem Interview mit uns anlässlich von Schumachers 50. Geburtstag sagten sie, dass auf keinen Fahrer so sehr der Spruch „leading by example“ zutrifft. Übt Hamilton einen ähnlichen Einfluss auf sein Team aus wie einst Schumacher?

Einer, der seinem Team kein Vorbild ist, kann nicht Weltmeister werden. Führen durch gutes Beispiel heißt, immer die Extrameile zu gehen, härter zu arbeiten, Ruhe zu bewahren, wenn andere bereits rotieren, kein Chaos zu verursachen, wenn andere schon am Rad drehen. Besser zu sein bei allem, was zählt.

Besser als die Konkurrenz ist nicht nur Hamilton, sondern auch sein Auto. Nimmt es seinen Titeln an Wert, dass seit Jahren kein Team mit Mercedes auf Augenhöhe fährt?

Dass Mercedes und Hamilton vorausfahren, liegt daran, dass die anderen nicht hinterherkommen. Und Lewis und Mercedes hätten Reserven, würde ihnen einer regelmäßig auf den Pelz rücken. Dieser Umstand macht ihre Leistung noch viel einmaliger.

Es sieht so aus, als würde Hamilton von Jahr zu Jahr noch ein bisschen besser werden. Sehen Sie bei ihm noch Luft nach oben – und wie lange kann er dieses Niveau halten?

Über eine so lange Zeit, seit mittlerweile 13 Jahren, in der Motorsport-Königsdisziplin Spitze zu sein und so gut wie jedes Jahr um die WM-Krone zu kämpfen, ist so einmalig, wie es Lewis‘ Rekorde bald sein werden. Er kann den Titel in diesem Jahr holen und im nächsten auch – und ich glaube nicht, dass jemand, der darauf wettet, spektakuläre Quoten erhalten wird …

"Mick Schumacher ist absolut reif für die Formel 1 - mit oder ohne F2-Titel"

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Mick Schumacher kann bereits einen großen Schritt in Richtung Formel-2-Titel machen. Ist er reif für die Formel 1 – und was zeichnet ihn besonders aus?

Ja, Mick ist absolut reif für die Formel 1 und zwar mit oder ohne Formel-2-Titel. Natürlich will er den 2020 holen, und dazu ist er in allerbester Position. Wichtiger ist aber sein Aufstieg in die Formel 1 im nächsten Jahr, und sollte die versammelte internationale Formel-1-Community diese Chance nicht beim Schopf packen, ist ihr nicht mehr zu helfen.