10. März 2021 / 15:59 Uhr

Nordsächsische Reaktionen zum Rücktritt von Löw: "Er hätte schon längst weggemusst"

Nordsächsische Reaktionen zum Rücktritt von Löw: "Er hätte schon längst weggemusst"

Johannes David
Leipziger Volkszeitung
Löw
In vier Monaten endet die Amtszeit von Joachim Löw. © Getty Images
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Eine Ära geht zu Ende! Joachim Löw hört nach der EM im Sommer als Bundestrainer auf. Während sich Profis und Weggefährten dankbar äußern, fallen die Reaktionen in Nordsachsen weniger positiv aus.

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Nordsachsen. Im Sommer hört er auf – nach 15 Jahren im Amt. Und kratzt damit nun doch nicht an der zwei Jahrzehnte währenden Regentschaft von DFB-Übervater Sepp Herberger. Fußball-Nationaltrainer Joachim Löw verlässt seinen Posten nach der Europameisterschaft im Sommer freiwillig. Die Reaktionen der hiesigen Kollegen aus der Übungsleiter-Gilde auf den Rücktritt klingen verdammt ähnlich und wenig milde.

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Am deutlichsten wird Tilo Ohlig, derzeit ESV Delitzsch in Amt und Würden. „Er hätte schon längst weggemusst, hat 2018 den Schritt verpasst. Neuaufbau mit jungen Spielern gut und schön, aber dann hätte es auch einen neuen Trainer gebraucht.“

Joachim Löw: Seine Bundestrainer-Ära in Bildern

Weltmeister-Macher und Rekord-Bundestrainer: Bereits seit 2006 trainiert Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft. Seit der WM 2018 musste der 60-Jährige allerdings auch den einen oder anderen sportlichen Rückschlag hinnehmen. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die emotionalsten Momente der Ära Löw! Zur Galerie
Weltmeister-Macher und Rekord-Bundestrainer: Bereits seit 2006 trainiert Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft. Seit der WM 2018 musste der 60-Jährige allerdings auch den einen oder anderen sportlichen Rückschlag hinnehmen. Der SPORTBUZZER zeigt die emotionalsten Momente der Ära Löw! ©

Mike Geppert stimmt in diese traurige Melodie ein. „Es wird Zeit, er hat den Absprung verpasst. Es muss etwas Neues passieren“, sagt der Coach des FSV Krostitz und ergänzt: „Es war ein falscher Ansatz plötzlich junge Spieler ausbilden zu wollen. Dafür ist er nicht zuständig. Wenn ein 32-Jähriger besser ist als ein 18-Jähriger soll er auch in der Nationalmannschaft spielen.“

"Strukturen abgenutzt"

Nico Knaubel, beim Sächsischen Fußballverband als Nachwuchstrainer und beim FC Eilenburg bei den Oberliga-Männern am Ruder, hat ebenfalls ein paar deutliche Worte parat. „Irgendwann ist es mal soweit, auch wenn der Zeitpunkt in der jetzigen Situation überraschend kommt. Inzwischen ist auch das Image des Verbands nicht das Beste“, erklärt der 41-Jährige mit Blick auf diverse Affären und untereinander verbandelte Führungsfiguren.

„Du lässt ab einem bestimmten Punkt Leute nicht mehr in dein Wohnzimmer, wenn dir ihre Kritik nicht passt. Deswegen reicht es nicht, einen neuen Trainer zu installieren, auch die Strukturen haben sich abgenutzt“, so Knaubel.

Tilo Ohlig hat dafür eine eigene Bezeichnung. „Cliquenwirtschaft“ nennt er das Personal-Prinzip in der oberen Etage des DFB. „Da tut doch keiner dem anderen weh. Wenn jemand den Mund aufmacht, können sie nicht damit umgehen. Deswegen ist ja wahrscheinlich auch ein Führungsspieler wie Thomas Müller ausgemustert worden.“

Identifikationsfiguren fehlen

Und Mike Geppert legt nach: „Beim DFB sind immer alle dran schuld, nur sie selbst nicht. Das Konstrukt gefällt mir einfach nicht. Ich weiß nicht, wie die Begeisterung von früher zurückkommen soll. Die EM ist mir gerade ziemlich egal.“ Umso mehr sehnt sich „Geppi“ nach einem feurigen Nachfolger – und bringt einen viel gescholtenen und mit Selbst-Demontage beschäftigten Rekordmann ins Spiel. „Lothar Matthäus fände ich nicht verkehrt. Er hat den nötigen Sachverstand und über die ganzen Geschichten von früher ist inzwischen Gras gewachsen.“

Ohlig favorisiert den Mann, der RB Leipzig auf die große Fußball-Landkarte gezwirbelt hat. „Ralf Rangnick würde mir als Nationaltrainer sehr gut gefallen. Er ist kompetent und scheint mir die plausibelste Lösung.“ Zumal Herren wie die immer wieder genannten Hans-Joachim Flick und Jürgen Klopp wohl eher weniger zur Verfügung stehen.

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Nico Knaubel hält von Rangnick ebenfalls sehr viel und fordert mit Nachdruck. „Neue Köpfe sind jetzt sehr wichtig. Nach so langer Zeit nutzen sich gewisse Dinge einfach ab.“ Und dann gibt er dem großen Unbekannten noch einen Tipp mit auf die Reisebegleitung der Nationalelf: „Wir müssen wieder mit Leidenschaft und Mentalität auftreten, um die Leute wieder mitzunehmen. Im Moment fehlen die Identifikationsfiguren.“