16. Februar 2019 / 10:12 Uhr

Dirk Nowitzki vor dem Karriereende? Eine Spurensuche bei den Dallas Mavericks in der NBA

Dirk Nowitzki vor dem Karriereende? Eine Spurensuche bei den Dallas Mavericks in der NBA

Simon Lange
Basketball-Legende Dirk Nowitzki geht wohl in sein letztes All-Star Game.
Basketball-Legende Dirk Nowitzki geht wohl in sein letztes All-Star Game. © imago/Icon SMI
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Keine Allüren, kein Glitzer: Dirk Nowitzki hat das Bild vom Deutschen in den USA geprägt. Vielleicht sogar in der Welt. Nun nähert sich die Karriere des 40-Jährigen ihrem Ende. Noch einmal muss Nowitzki sich vor seinem wohl letzten All-Star-Game mit der Lebensfrage beschäftigen: Schafft er den Absprung?

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Der Stadionsprecher zieht den Vokal genüsslich in die Länge. „Luuuuuuuuuuka!“ tönt es aus den hallenden Lautsprechern des American Airlines Centers in Dallas – und Tausende Fans rufen den Vornamen des aufsteigenden Sterns der Dallas Mavericks mit. Gemeint ist: Luka Doncic. Der slowenische Basketballer ist gerade 19 Jahre alt, 2,01 Meter groß und das neue, süße Versprechen für die texanischen Basketballfans.

Vor einem Jahr spielte er noch bei Real Madrid, nun ist er regelmäßig bester Werfer auf dem Feld, macht die wichtigen Punkte – und das alles in der US-Basketballliga NBA, der wohl spektakulärsten Sportliga der Welt. Für Dallas sind die „Luka“-Rufe Ausdruck der Hoffnung auf eine glorreiche Basketballzukunft. Sie deuten aber auch auf das Ende einer Epoche, von der wohl mancher Fan dachte, sie würde ewig währen. Der Ära Dirk Nowitzki.

„Luka ist für uns der neue Dirk“, sagt Clint Turner hoffnungsfroh. Der bärtige Texaner sitzt konzentriert auf der Tribüne in der riesigen Halle in Dallas, vor ihm ist gerade das Spiel der Mavs gegen die Portland Trail Blazers gestartet. Der 49-Jährige ist seit 20 Jahren Mavericks-Fan – und so lange haben sie in Dallas bisher eigentlich immer nur einem derart enthusiastisch zugejubelt. „Ich habe die komplette Karriere von Nowitzki miterlebt.“ Seine ersten Spiele 1998 im Trikot der Mavericks, seinen Aufstieg zum Superstar, zum besten europäischen Spieler der Ligageschichte, zum Meistermacher – und nun den langsamen Abstieg zum alternden Veteranen.

Luka Doncic soll bei den Dallas Mavericks die Nachfolge von Dirk Nowitzki übernehmen.
Luka Doncic soll bei den Dallas Mavericks die Nachfolge von Dirk Nowitzki übernehmen. © imago/Icon SMI
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„Ich liebe ihn, Dirk ist eine Legende. Aber ich hoffe, dass er aufhört"

„Komm schon, Dirk, hol den Rebound“, ruft Turner und stöhnt auf, als Nowitzki unten auf dem Hallenboden kaum abhebt und den Abpraller vom Korb nicht zu fassen bekommt. Matchwinner wird der junge Doncic – er wirft 28 Punkte und sichert Dallas damit den knappen Sieg. Nowitzkis ernüchternde Bilanz beim 102:101-Sieg: drei Pünktchen, drei Rebounds – und ein verheerender Fehlpass. Es hört sich vernichtend an, was Turner im Anschluss sagt. Vermutlich ist es nur die nüchterne Wahrheit: „Ich liebe ihn, Dirk ist eine Legende. Aber ich hoffe, dass er aufhört. Er zieht die Mavericks runter. Und blockiert in der nächsten Saison einen Platz im Kader beim Neuaufbau.“

Das „German Wunderkind“, als das Amerika den deutschen Basketballer so lange feierte, hat seinen Zenit überschritten. Im Angriff lungert der siebtbeste Werfer der NBA-Geschichte in dieser Saison meist nur noch an der Drei-Punkte-Linie herum. Er trifft noch, aber eben nicht mehr so oft. Er ist 40 Jahre alt. Viele Spieler im Kader der Mavs könnten Nowitzkis Kinder sein. NBA-Boss Adam Silver hat ihn aufgrund seiner Verdienste noch mal zum All-Star-Game eingeladen, diesem spektakulären Showspiel der besten und beliebtesten NBA-Spieler, das in der Nacht zu Montag in Charlotte, North Carolina, ausgetragen wird. Eigentlich hatte Nowitzki schon eine Woche Karibikurlaub für die Familie gebucht. Den hat er abgesagt. „Ich will es noch mal genießen und alles aufsaugen“, sagt Nowitzki. Ein letztes Mal? „Das werden wir dann sehen.“

Dirk Nowitzki im Februar 1999, vor mittlerweile über 20 Jahren.
Dirk Nowitzki im Februar 1999, vor mittlerweile über 20 Jahren. © imago/Nordiek

Noch feiert Dallas Nowitzki. Bei jeder Einwechslung gibt es extralauten Applaus, jeden Wurf begleiten die Fans mit erwartungsvollem Raunen. Selbst gegnerische Anhänger flippen bei Auswärtsspielen aus, wenn Nowitzki ins Spiel kommt. Und doch hoffen auch viele seiner Fans, dass er noch ein letztes Mal den Absprung zur richtigen Zeit finden möge – diesmal nicht von der Drei-Punkte-Linie, sondern von seiner aktiven Karriere.

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Oder der Fall des Axel Schulz: 1995 wurde der deutsche Boxer in einem Skandalurteil nach dem Kampf gegen George Foreman um den WM-Titel im Schwergewicht gebracht. 1999 beendete Schulz seine Karriere mit einer Niederlage gegen Wladimir Klitschko. Eigentlich. Denn 2006 ließ sich Schulz noch einmal zu einem Comeback überreden. Durchschnittlich 11,53 Millionen Zuschauer sahen im Fernsehen zu, als der weitgehend unbekannte US-Amerikaner Brian Minto den Deutschen schon in Runde vier auf die Bretter schickte. In der sechsten Runde war Schulz‘ vorzeitige Niederlage perfekt und seine Boxkarriere endgültig vorbei. Der große Muhammad Ali hörte zwischendurch gar nicht erst auf, sondern boxte immer weiter. Auch wenn er bei seinem letzten Kampf, seiner letzten Niederlage, nach mehr als 21 Jahren Profikarriere, fast 40-jährig, schon von der Parkinsonkrankheit gezeichnet war.

Nowitzki-Entdecker Geschwindner: "Es ist doch alles gesagt"

Einen Block von Turner entfernt sitzt ein älterer Mann in schwarzer Lederjacke. Auf seinem Schoß liegt eine große Packung Erdnüsse, mit analytischem Blick schaut er auf das Spielfeld. Es ist Holger Geschwindner, Nowitzkis mittlerweile 73 Jahre alter Mentor. Geschwindners Schützling hatte in einem Interview kürzlich angedeutet, dass, wenn es weiter so bescheiden läuft, es wohl die letzte Saison für ihn sein könnte. Sehen die Zuschauer hier also die letzten Spiele von Nowitzki? Geschwindner weicht der Frage aus. „Es ist doch alles gesagt.“

Geschwindner war in den Siebzigerjahren Kapitän der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, er absolvierte 150 Länderspiele und 600 Bundesliga-Partien. Nebenbei studierte er Mathematik, Physik und Philosophie. Ein Tüftler, ein Exot, ein Basketballverrückter, manche sagen: ein Besessener. Er hat einmal ein Computerprogramm geschrieben, mit dem sich der ideale Winkel eines Korbwurfes errechnen lässt.

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Nowitzki ist 16, als Geschwindner ihn 1995 das erste Mal trifft. Er ist es, der aus dem Schlacks aus Würzburg einen Weltstar formt. Er trainiert ihn – nicht nur im Körbewerfen, sondern auch athletisch, und im Rudern, Fechten und in Musik. Sogar Literatur verordnet Geschwindner seinem Zögling, fördert nicht zuallererst das Zweikampfverhalten unter dem Korb, sondern Ideen. Eine ganzheitliche Ausbildung. Es funktioniert. Als Nowitzki gerade 20 ist, fliegt er mit Geschwindner zum Showmatch einer Juniorenauswahl nach San Antonio, Texas. Drei Monate später verpflichten ihn die Dallas Mavericks von den Milwaukee Bucks, die zunächst die Rechte an ihm hatten.

In seinem ersten Spiel gegen Seattle trifft er keinen Wurf. Weil Nowitzki danach aber schnell mit Leistung überzeugt und im Gegensatz zu all den anderen Basketballern, die sich zu den coolsten Menschen des Planeten zählen, bodenständig geblieben ist, schließen ihn die Amerikaner in ihr Herz. „German Wunderkind“, „Dirkules“, „Dunking Deutschman“ – Nowitzki wird zum Symbol. Groß, blond, etwas staksig, der Würzburger bedient einige Stereotypen, die in den USA über Deutsche vorherrschen. Vielleicht ist es mittlerweile sogar anders herum: Wenn US-Amerikaner die Augen schließen und an Deutsche denken, sehen sie „Dörk“.

Dirk Nowitzki: Präzise, zuverlässig, keine Allüren, kein Glitzer, kein Tamtam

Nowitzki verkörpert den soliden Arbeiter. Präzise, zuverlässig, keine Allüren, kein Glitzer, kein Tamtam. Damit hebt er sich von Anfang an von den anderen ab. Eine Art Volkswagen des Basketballzirkus – auch wenn dieser Vergleich seit der Abgasaffäre natürlich hinkt. Nowitzkis Image hat in all den Jahren keine vergleichbaren Kratzer erhalten. 2009 taucht er mal in den bunten Blättern auf, weil seine damalige Verlobte Crystal Taylor sich als eine Art Heiratsschwindlerin herausstellt – kurz vor der Hochzeit. Sonst etwas? Nichts. Er ist bis heute der gute Deutsche geblieben. Nowitzki hat in seiner Karriere rund 250 Millionen Dollar verdient – die Werbeeinnahmen nicht eingerechnet. Seit 2012 ist er mit der Schwedin Jessica Olsson verheiratet, sie haben drei Kinder.

Zum Biedermannimage tragen er und Geschwindner bewusst bei. Werbeagenten stürzen sich von Anfang an auf den 2,14-Meter-Riesen. „Das ging von Zähneputzen über Powerwurstessen bis hin zum Joghurtlöffeln“, erzählt Geschwindner. „Das haben wir jedoch immer gleich abgelehnt.“ Er und sein Schützling entscheiden sich neben den gängigen Glamoursponsoren wie dem Ausrüster Nike für die Bank ING-Diba. Die Partnerschaft hält bis heute. Nowitzki wirkt in den Spots immer recht wortkarg, aber stets freundlich, authentisch, geradlinig. Irgendwie deutsch.

Wird Luka Doncic der Nowitzki-Nachfolger?

Geschwindner hat bereits vor Jahren erklärt, wie der Würzburger wahrgenommen werden soll – auch um allzu glamourösen Vermarktungsanfragen entgegenzutreten. Nowitzki, sagte er, sei eine „einfache Geradeauskonstruktion“. Geschwindner will das Ende der Karriere Nowitzkis noch nicht bestätigen, will ihm auch keinen Rat geben. „Aber es bräuchte dafür ja auch ein Vertragsangebot von Dallas“, sagt Geschwindner. Das dürfte kein Problem sein. Mavs-Besitzer Marc Cuban hat Nowitzki schon mehrmals einen Freifahrtschein ausgestellt. Aber wie sähe dieses dann 22. Jahr in der NBA aus? Bankdrücker Nowitzki, mehr Maskottchen als Spieler, der hin und wieder noch für einen Dreier reinkommt? Dieses Szenario käme einer Demontage des eigenen Denkmals gleich.

Dirk Nowitzki (r.) mit seinem Entdecker und Mentor Holger Geschwindner auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor während der Rede von US-Präsident Barack Obama in Berlin.
Dirk Nowitzki (r.) mit seinem Entdecker und Mentor Holger Geschwindner auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor während der Rede von US-Präsident Barack Obama in Berlin. © imago/Sven Simon

Auch für Geschwindner ginge mit Nowitzkis Karriereende ein Lebensabschnitt zu Ende. Ob er es vermissen würde, im Sommer mit ihm in Würzburg zu trainieren – so wie er es in all den Jahren getan hat? „Ach, ich kann auch ohne“, sagt der 73-Jährige. „Ich habe meine Firma und mein Privatleben. Ich muss da nicht in der Halle stehen.“ Das letzte Heimspiel der Saison ist am 9. April gegen die Phoenix Suns, das schlechteste Team im Westen. Die Ticketpreise sind zwei Monate vorher schon viermal höher als bei einem normalen Spiel.

Basketballfan Chris Corey ist vorsichtshalber schon jetzt mit seiner Frau Yolanda aus Kalifornien nach Dallas gereist. „Ich wollte unbedingt noch mal Dirk sehen, bevor es zu spät ist“, sagt der 34-Jährige in der Halle. Er trägt Nowitzkis deutsches Nationaltrikot mit der Nummer 14. Seine Frau Yolanda hat die Zahl 77 auf dem Jersey der Dallas Mavericks stehen. Es ist die Nummer des 19-jährigen Luka Doncic.

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